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Geoarchäologe David Brönnimann erfährt anhand von Fäkalien eine Menge über das Leben unserer Vorfahren.
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 23.12.2020.
abspielen. Laufzeit 04:57 Minuten.
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Archäologie des Kotes Forscher deckt dank Fäkalien Wissen über vergangene Kulturen auf

An der Universität Basel untersuchen Forscherinnen und Forscher uralte Fäkalien aus archäologischen Grabungen.

Dies ist die Geschichte eines uralten Kuhfladens sowie einer speziellen Forschungsgruppe an der Universität Basel.

Wenn irgendwo in der Deutschschweiz eine Ausgrabung stattfindet, dann landet meist eine Bodenprobe der Ausgrabung im Basler Labor, wo auch David Brönnimann arbeitet. Seine Aufgabe lautet dann: Untersuchen, ob es in der Probe Fäkalien hat. Brönnimann ist Geo-Archäologe, das heisst, er beschäftigt sich mit der naturwissenschaftlichen Seite der Archäologie.

Sedimentprobe mit dunkler Schicht, die viel organisches Material enthält
Legende: Die schwarze Schicht deutet auf viel organisches Material und menschliche Aktivität hin. Hier könnten sich auch Fäkalien von Menschen oder Nutztieren verstecken. Vom blossem Auge ist das aber nicht zu erkennen. SRF

Was für viele unappetitlich klingt, ist für Brönnimann einfach nur spannend. Denn Fäkalien verraten viel über die Lebensweise der Menschen in der Vergangenheit. «Früher waren Exkremente allgegenwärtig und auch nicht so negativ besetzt wie heute», sagt Brönnimann. Schliesslich nutzten sie die Menschen früher oft als Ressource, etwa zum Gerben, Düngen, Heizen oder sogar bei der Glasherstellung.

David Brönnimann steht im Labor
Legende: Heutzutage ekeln sich viele vor Ausscheidungen und wollen, dass diese so rasch wie möglich in der Toilette oder im Robi-Dog-Säckchen verschwinden. David Brönnimann kennt keine Berührungsängste. SRF

Doch Fäkalien in einer archäologischen Schicht zu erkennen, ist fast immer nur unter dem Mikroskop möglich. Selbst dann ist es schwierig, sie von anderem organischem Material zu unterscheiden. Und noch schwieriger ist es zu bestimmen, von wem das uralte Geschäft stammt. Hund? Schwein? Mensch?

Bodenprobe in Kunstharz gegossen
Legende: Bodenproben einer Ausgrabung werden in Kunstharz gegossen. Aus diesem Block werden in einem zweiten Schnitt hauchdünne Querschnitte hergestellt. SRF

Zu diesem Zweck hat die Forschungsgruppe an der Universität Basel eine Sammlung von über 50 verschiedenen Fäkalien, von denen sie genau wissen, wer sie produziert hat. «Ich vergleiche das Material aus einer Ausgrabung mit unserer Sammlung und so kann ich die Fäkalien identifizieren», erklärt Brönnimann.

Dünnschliff vom Nahen
Legende: Die hauchdünnen Fäkalien-Querschnitte werden auf einem Glasplättchen fixiert. Fertig ist der so genannte Dünnschliff. Nun kann ihn David Brönnimann genauer unter dem Mikroskop untersuchen. SRF

Ein solches Referenzobjekt ist ein Dünnschliff eines Kuhfladens. Dessen Produzent ist ein Rind, das in der heutigen Zeit in der Camargue in Südfrankreich lebte. Es wurde nicht mit Kraftfutter gefüttert, sondern graste draussen auf der Wiese und frass auch Blätter. So wie das Kühe und Rinder früher oft taten.

Dünnschliffe aus der Fäkaliensammlung
Legende: Die Vergleich-Sammlung enthält über 50 Dünnschliffe von Fäkalien - geordnet nach Produzenten: Allesfresser wie Schweine, Menschen, Hunde und Pflanzenfresser wie Kühe oder beispielsweise Pferde. SRF

Dies ist wichtig, denn nur wenn die Nahrung gleich ist, könne man Fäkalien von früher mit einer Probe von heute vergleichen, sagt Brönnimann. Deshalb hat es in der Sammlung auch keine Kotprobe von einem Menschen aus der heutigen Zeit. Dafür gibt es eine Probe, die aus einer römischen Latrine stammt. Dort war die Identifizierung und Bestimmung des menschlichen Kots dank dem Fundort leicht.

Dungprobe unter dem Mikroskop stark vergrössert
Legende: Unter dem Mikroskop ist diese einzigartige Struktur im Dung eines Rindes aus der Camargue gut zu erkennen. Wenn Brönnimann dieses Merkmal in einer historischen Probe findet, dann weiss er, dass es darin Dung hat. SRF

Mithilfe der Vergleichsmethode konnte Brönnimann Dung im Ausgrabungsmaterial einer eisenzeitlichen Siedlung aus Basel nachweisen. Seit über 100 Jahren untersuchen Archäologinnen und Archäologen diese Fundstätte, die «Basel-Gasfabrik» heisst. Der Dung ist ein bedeutungsschwerer Hinweis. Denn offensichtlich benutzten ihn die Menschen vor über 2000 Jahren zum feuern.

Eigentlich wird Dung nur dort als Brennmaterial verwendet, wo es wenig Holz sprich Bäume hat, da Holz mehr Energie enthält. Daraus folgert Brönnimann: «Es deutet alles darauf hin, dass es rund um die Siedlung wenig Wald gab – wahrscheinlich noch weniger, als dies heute der Fall ist.»

Illustration der Siedlung Basel-Gasfabrik
Legende: Es sieht ganz danach aus, dass die Menschen auf dem Gebiet des heutigen Basels schon vor der Römerzeit stark in die Natur eingegriffen und den Wald übermässig ausgebeutet haben. Wie sonst lässt sich erklären, dass sie zum feuern Dung verwendet haben? Digitale Archäologie, Freiburg i. Br., Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt

Eigentlich nimmt man an, dass erst die Römer so richtig viel Holz geschlagen und auf diese Weise dafür gesorgt haben, dass vielerorts in Europa die Wälder lichter wurden oder gar ganz verschwanden. Nun sieht es aber ganz danach aus, dass die Menschen nördlicher der Alpen schon früher massiv die Wälder ausbeuteten.

Den Hinweis dazu lieferte ein uralter Kuhfladen.

Regionaljournal Basel, 23.12.2020, 17.30 Uhr

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