Zum Inhalt springen
Inhalt

Armee ohne Offiziere Hauptmann gesucht

Fast jede vierte Offiziers-Stelle ist vakant. Der Präsident der Offiziersgesellschaft warnt vor einem «Grounding der Armee».

Legende: Video Auslaufsmodell Offizier abspielen. Laufzeit 09:39 Minuten.
Aus Rundschau vom 10.10.2018.
Schuhe auf rotem Teppich.
Legende: Die Schweizer Armee hat laut der Offiziersgesellschaft ein Kaderproblem. Keystone

Die Armeereform läuft seit Anfang Jahr. Und bereits zeigt sich, dass sie in einem wichtigen Punkt unter Druck gerät: beim Offiziersnachwuchs. Bis zur Stufe Zugführer lassen sich junge Schweizer offenbar noch einigermassen motivieren. Das ist aber die unterste Offiziersstufe. Beim nächsthöheren Rang, dem militärisch so wichtigen Hauptmann, hapert es.

Der Kommandant einer Panzerkompanie schreibt in der Schweizerischen Armeezeitschrift, dass es trotz des hervorragenden Korpsgeistes «nahezu unmöglich» sei, jemanden für die Stufe Hauptmann zu finden. Die Armeeführung habe es klar verpasst, «das Weitermachen auf höherer Stufe attraktiver zu machen».

Jede vierte Position vakant

Für Stefan Holenstein, Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft, gehören die Hauptleute zu den wichtigsten Elementen der Armee: «Sie stellen die Kommandanten und Stabsoffiziere. Die Armee braucht sie, um die Führungsfähigkeit der Einheiten sicherzustellen. Wenn diese fehlen, können wir den Einsatz vergessen.»

Seit 2005 weist die Armee einen ernsthaften Unterbestand an Hauptleuten und Stabsoffizieren aus. Obwohl der Mangel schon lange bekannt ist, konnte die Führung das Ruder offenbar nicht herumreissen. Neue Zahlen, die sich auf offizielle Angaben der Armee stützen, zeigen: Per 1. Juni konnten 674 Positionen auf Stufe Hauptmann nicht besetzt werden. Damit ist fast jede vierte Position vakant.

Die Vakanzen bestehen, obwohl die Armee mit der Reform den Sollbestand stark gesenkt hat (auf 2895 Hauptleute) und heute auf dem Papier sogar einen Überbestand verzeichnet. Offenbar sind aber gewisse Funktionen übervertreten, andere untervertreten. Ein Armeesprecher erklärt dies als Effekt der laufenden Reform, der sich «mittels natürlicher Fluktuationen und gezielter Steuerungsmassnahmen» einpendeln werde.

Bundesrat Parmelin: «Bis jetzt sehe ich kein Problem»

Bundesrat Guy Parmelin (SVP) sagt gegenüber der «Rundschau»: «Bis jetzt sehe ich kein Problem. Wir sind am Anfang der Reform. Es braucht ein bisschen Zeit. Wir haben einige Kinderkrankheiten. Die muss man korrigieren.»

Legende: Video Parmelin: «Eine Armee à la carte ist nicht möglich» abspielen. Laufzeit 06:47 Minuten.
Aus News-Clip vom 10.10.2018.

Der Verteidigungsminister erklärt sich die schwierigere Ausgangslage damit, dass sich die Zeiten geändert hätten. «Die jungen Leute verbringen heute mehr Zeit mit der Familie, die Frauen arbeiten, die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Man muss sich anpassen. Eine Armee à la carte ist aber nicht möglich.»

Auch die Armee selber sieht offiziell kein Problem. In einem – bis anhin unveröffentlichten – Bericht über die Umsetzung der Reform zuhanden der Sicherheitspolitischen Kommissionen des Parlaments beschreibt sie die Kadersituation als «zufriedenstellend». Die Vorgaben hätten «mehrheitlich erfüllt» werden können. Und auch die wichtigen Kompaniekommandanten seien «knapp in der notwendigen Zahl vorhanden».

«Armee nur noch auf dem Papier»

Die offizielle Gelassenheit teilen die Offiziere nicht. Der Präsident der Offiziersgesellschaft kritisiert die Haltung im Bericht. Die Situation sei dramatischer als die Armee sie darstelle. Stefan Holenstein sagt: «Wir können das Problem nicht aussitzen.»

Legende: Video Stefan Holenstein: «Die Armee ist nicht mehr einsatzfähig.» abspielen. Laufzeit 00:28 Minuten.
Aus News-Clip vom 10.10.2018.

Holenstein warnt gar vor einem «Grounding der Armee»: «Im schlimmsten Fall befürchten wir, dass die Umsetzung der Armeereform nicht gelingt. Dass die Armee also nicht mehr einsatzfähig sein wird, sondern nur noch auf dem Papier existiert.» Holenstein fordert Sofortmassnahmen, unter anderem eine kürzere praktische Ausbildung für Hauptleute.

Wer am Ende recht hat in der Beurteilung der Situation, ist für Aussenstehende schwierig einzuschätzen. Unbestritten ist, dass sich die Kader-Situation weiter zuspitzt, weil jedes Jahr auch etliche Offiziere in den Zivildienst wechseln. Neue Zahlen zeigen, dass in den letzten drei Jahren (2015-2017) 174 Offiziere in den Zivildienst gewechselt haben, darunter sogar ein Major. Dazu kamen 1093 Unteroffiziere und höhere Unteroffiziere.

Grade der Offiziere

Leutnant
Der Leutnant ist der unterste Offiziersgrad.
OberleutnantDer Oberleutnant ist in der Regel ein Zugführer.
HauptmannHäufig hat ein Hauptmann die Funktion eines Kompanie- bzw. eines Batteriekommandanten.
MajorIm Stab eines Bataillons in verschiedenen Funktionen
OberstleutnantKommandant eines Bataillons
OberstWar früher der Regimentskommandant
BrigadierKommandant einer Brigade
DivisionärKommandant einer Territorialdivision
KorpskommandantHöchster Dienstgrad der Schweizer Armee in Friedenszeiten

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

66 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Simon Reber (kokolorix)
    Der Armee fehlen nicht ein paar gute Offiziere, der Armee fehlt ein tragfähige Begründung ihrer Existenz. Seit der Warschauer Pakt auf dem Müllhaufen der Geschichte landete hat es die Armeeführung nicht geschafft eine nachvollziehbare Bedrohung zu skizzieren welche von einer Armee mit Panzern, Jets und Sturmgewehren abgewehrt werden könnte. Die reale Bedrohung heißt Umweltzerstörung und Vermögenskonzentration. Beides kann auch die beste Armee nicht aufhalten...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Jürg Brauchli (Rondra)
      Wenn jemand eine Bedrohung nicht nachvollziehen und sehen kann und will, heisst das noch lange nicht, dass es sie nicht gibt! Und dass die Umweltzerstörung durch immer mehr Menschen mit null Erziehung und null Verantwortungsbewusstsein zunimmt, hat mir der Armee nichts zu tun. Dagegen können Sie auf andere Art u. Weise bei Abstimmungen vorgehen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Steff Stemmer (Steff)
    Wie schön wäre das: stell dir vor es ist Krieg und niemand geht hin!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Michel Koller (Mica)
      Nur findet der Krieg bei den Menschen statt und eben nicht dort, wo man die Option hat, nicht hingehen zu müssen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von martin blättler (bruggegumper)
      Sie sollten den ganzen Text lesen.Brecht schreibt nämlich,"dann kommt der Krieg zu euch...".
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Steff Stemmer (Steff)
    Das "liebe alte" Militär unterliegt, wie vieles andere auch, der heilligen Rendite und der Wirtschaftlichkeit! Zu meiner Zeit erhielt man bei fast jeder gösseren Firma oder dem Militär ohne grossen beruflichen Leistungsausweis einen Job, wenn man Offizier oder höherer UOF war. Diese Zeiten sind heute vorbei, viele Firmen sind nicht erfreut über all die Abwesenheiten und die Büroarbeiten fürs Militär während der Arbeitszeit.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen