Zum Inhalt springen
Inhalt

Asche im Gemeinschaftsgrab Die neue Bescheidenheit bei der Bestattung

Früher war den Menschen ein Grab mit einem eigenen Grabstein wichtig. Heute ziehen viele eine Urne im Gemeinschaftsgrab vor.

Legende: Audio Gemeinschaftsgräber sind im Trend abspielen. Laufzeit 04:20 Minuten.
04:20 min, aus Rendez-vous vom 19.10.2018.

Eine dunkel gekleidete Frau stellt eine Vase mit Rosen neben eine kleine Metallplatte auf einem Friedhof in Bern. Die Platte mit dem Namen ihres verstorbenen Gatten ist eine von ganz vielen.

Die Asche der Verstorbenen liegt hingegen etwas weiter weg begraben. Darüber erstreckt sich eine Rasenfläche der Gemeinschaftsgräber. Ihr Mann habe gewünscht, so bestattet zu werden, erzählt die Frau. Damit sie wisse, wo seine Urne liege, habe sie den Platz damals abgemessen. «15 Schritte nach vorn und vier von der Seite.»

Jeder Zweite will ins Gemeinschaftsgrab

Gemeinschaftsgräber seien sehr beliebt, sagt Walter Glauser. Er ist zuständig für die Friedhöfe der Stadt Bern. «Rund 50 Prozent der Personen, die sich haben kremieren lassen, kommen in das Gemeinschaftsgrab.»

Auch in Luzern werde die Hälfte der Kremierten in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt, sagt der Luzerner Bestatter Rolf Arnold. Er ist auch Sprecher des Schweizerischen Verbandes der Bestattungsdienste. «Gemeinschaftsgräber gibt es vielerorts seit Anfang der 1980er Jahren. Und die Beliebtheit hat seither stetig zugenommen.»

In der Schweiz werden inzwischen bis zu 90 Prozent der Menschen kremiert. Warum aber wählen Menschen Gemeinschaftsgräber? Laut Bernd Berger von der evangelisch-reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn gibt es dafür mehrere Gründe.

Unter diesem Rasen liegen die Urnen
Legende: Unter diesem Rasen auf dem Berner Bremgartenfriedhof liegen die Urnen. SRF/Andrea Jaggi

So würden Familienmitglieder oft nicht mehr im selben Dorf wohnen, seien also weit weg vom Friedhof und könnten das Grab nur ganz selten besuchen. Andererseits hätten viele Menschen Sympathien für diese Form der letzten Ruhe. «Es ist oft der Wunsch älterer Menschen selbst, dass sie später in einem Gemeinschaftsgrab bestattet werden, als Ausdruck der Bescheidenheit.»

Viele möchten auch ihre Hinterbliebenen nicht mit den Kosten für die Grabpflege belasten. So kostet zum Beispiel in der Stadt Bern ein Einzelgrab für Urnen für eine Dauer von 20 Jahren mit Bepflanzung etwa 8000 Franken.

Individuelle Lösung auf Berner Friedhof

Zurück zu der Frau auf dem Berner Friedhof: Sie weiss, dass sie die Vase mit Rosen eigentlich nicht neben die Platte mit dem Namen ihres Mannes stellen dürfte. Sie darf sie auch nicht auf die Rasenfläche legen, wo ihr Gatte ruht. Das ist bei den Gemeinschaftsgräbern nicht erlaubt. Schlimm sei das gewesen, erzählt die Witwe: «Das hat mich immer wieder gequält, dass ich nicht direkt auf die Stelle eine Blume legen durfte.»

Anderen Angehörigen ginge es gleich, sagt der Verantwortliche, Walter Glauser. Darum habe man in Bern sogenannte individuelle Gemeinschaftsgräber kreiert. Sie liegen auf einer gemeinsamen Anlage mit Blumen, Sträuchern oder Bäumen. Über der Urne liegt aber eine quadratische Platte. Darauf kann man persönliche Gegenstände oder Blumen stellen.

Eine Wiese mit Blumenbeet
Legende: Auf dieser Form des Gemeinschaftsgrabs liegen Steinplatten, auf die man Gegenstände oder Blumen legen kann. SRF/Andrea Jaggi

Dahinter ist ein Metallschild mit dem Namen des Verstorbenen. Diese Variante kostet 2900 Franken. Das ist teurer als der Platz in einem gewöhnlichen Gemeinschaftsgrab, aber deutlich günstiger als ein Einzelgrab.

Der Ort, wo der geliebte Mensch bestattet ist, könne sehr wichtig sein, sagt Pfarrer Berger. Es gebe Hinterbliebene, die sich so einen Ort wünschten. «Ich habe den Menschen immer geraten, redet mit euren Angehörigen darüber.»

Der Mann der Witwe auf dem Berner Friedhof hatte sich das Gemeinschaftsgrab gewünscht. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr ein individuelles Grab für ihren Mann so stark fehlen würde, sagt sie. Heute würde sie anders entscheiden.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beat. Mosimann (AG)
    Ich akzeptierte den Wunsch meiner Eltern, sie konnten sich auch nur die Kremation vorstellen, doch seit ich in der Türkei gewesen war, dort sah ich, dass Gräber über 2000 Jahre alt sind, stelle ich die Kremation sehr in Frage. Diese Menschen dort glauben an die Wiederauferstehung. Die Katholische Kirche ebenfalls, nur dafür sollten Wir Gläubige sein.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Albrecht Lauener (LebendigeEthik)
      1.-Teil: Hr. Mosimann, die Kremation ist nicht in Frage zu stellen! In Frage zu stellen sind über 2000 alte Gräber; ein Zeichen des damaligen - und jetzt noch - Bewusstseinszustand. Die Wiederauferstehung hat auch nichts mit einer Religion zu tun; Religionen haben Menschen auf der zeitlosen Weisheitslehren aufgebaut und nach ihrem Gutdünken zurecht gedrückt! Die Reinkarnation war auch im Ur-Christentum selbstverständlich; nach dem Konzil von Nicäa wurde die Christ.-Botschaft Staatsreligion!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Bernhard Lüthi (Bernhard)
    Der/Die Verstorbene hat zu Lebzeiten noch erwähnt, dass sie im Gemeinschaftsgrab beigesetzt werden wollen. Das ist legitim, aber auch egoistisch. Kommt es denn nicht auf die Bedürfnisse der möglichen Nachwelt an? Was möchten wir, stirbt einmal jemand aus unseren Reihen, für ein Ritual pflegen? Diese Fragen zu beantworten können nur alle gemeinsam, der Wille, oder gar die Fähigkeit dazu ist leider vielen abhanden gekommen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Albrecht Lauener (LebendigeEthik)
      Egoistisch schreiben Sie Hr. Lüthi; aber aber! Ich bin ein ganzes Leben für meine Liebste da, und am Ende sollen noch die Liebsten über mich bestimmen? Das ist purer Egoismus der Familie!!! Selbst habe ich längst entschieden (und die Todesanzeige auch bereits selbst geschrieben), dass ich weder eine Abdankung will, noch ein Grab. Wer die Gesetze der Natur kennt weiss, dass ich lediglich mein physischer Körper verlassen habe und somit weiter lebe. Abhanden gekommen ist der Respekt des Anderen!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen