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Aufarbeitung im Gefängnis – Täter und Opfer treffen sich
Aus Schweiz aktuell vom 05.06.2018.
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Aufarbeitung im Gefängnis Wenn das Opfer auf den Täter trifft

In der Strafanstalt Lenzburg werden Täter mit Opfern konfrontiert. Das soll bei der Verarbeitung des Verbrechens helfen.

«Opfer von Gewaltverbrechen leiden oft jahrzehntelang unter den erlittenen Traumata», sagt Claudia Christen-Schneider, «das Schweizer Strafrecht bietet den Opfern von Verbrechen einfach zu wenig Hilfe.»

Claudia Christen-Schneider, selbst Opfer einer Gewalttat, arbeitete fünf Jahre in chilenischen Gefängnissen mit Opfern und Tätern zusammen. Bei ihrer Arbeit wendet sie die sogenannte restaurative Justiz an. Gewalttäter werden mit Opfern konfrontiert, Opfer können dadurch die Taten verarbeiten. Die Täter lernen zu ihren Taten zu stehen und sich in die Opfer einzufühlen.

Erstes Schweizer Pilotprojekt in Lenzburg

«Der Erfolg ist eindeutig», sagt Marcel Ruf, Gefängnisdirektor der Strafanstalt Lenzburg, «die Opfer sagen, dass ihnen diese Gegenüberstellung hilft.» Endlich könne die Justiz den Opfern etwas zurückgeben, was sonst praktisch nicht möglich sei. Acht Wochen lang werden jeweils am Dienstagabend Täter mit Opfern konfrontiert, danach wird Bilanz gezogen.

Die ehemalige Postmitarbeiterin Elsbeth Gubler wurde vor der Jahrtausendwende bei der Arbeit von Serienräuber Rudolf Szabo überfallen und mit einer geladenen Waffe bedroht. 19 Jahre lang litt sie unter dem Trauma – dann konfrontierte sie den Täter, der mittlerweile seine Strafe abgesessen hatte. «Ich konnte abschliessen und heilen, quälenden Fragen des ‹Warums› konnte ich beantworten», sagt Gubler.

«Es braucht flächendeckende Strukturen»

Heute arbeitet Elsbeth Gubler mit Rudolf Szabo zusammen. Unter der Anleitung von Projektleiterin Claudia Christen-Schneider erzählen die beiden in der Strafanstalt Lenzburg ihre Geschichten. Anwesend sind Täter und Gewaltopfer. «Es fliessen Tränen auf beiden Seiten» sagt Christen-Schneider. «Diese Verarbeitungsprozesse helfen beiden Seiten – vor allem aber den Opfern. Ferner zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die Rückfallquoten von Gewalttätern sinken.»

Benjamin Brägger, Direktor des Instituts für Schweizerische Strafvollzugswissenschaften, findet die restaurative Justiz hilfreich. «Es braucht flächendeckende Strukturen, um solche Programme sinnvoll umzusetzen.» Hinzu kommt: «Das Schweizer Strafrecht ist auf die Bestrafung des Täters ausgerichtet. Es geht darum den Täter zu finden, die Tat zu beweisen und dann den Täter der gerechten Strafe zuzuführen.» Das Opfer ist im Schweizer Strafrecht nicht vorgesehen. Die Rechte der Opfer bei Straftaten seien in den vergangenen Jahren aber stark ausgebaut worden.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Reinzi Huber  (Reinzi Huber)
    Und wenn sich der Verbrecher einem Gespräch verweigert oder gestorben ist???
  • Kommentar von Philip Sumesgutner  (Philip Sumesgutner)
    Ich finde das eine sehr, sehr gute Idee!! Ich denke, dass es in den meisten Fällen sogar beiden Seiten weiterbringt.
  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    19 mal kommt das Wort "Opfer" in Titel und Artikel vor. Ich persönlich kann es nicht ausstehen, wenn man mich so betiteln würde. Ich kann durchaus ein Geschädigter sein aber durch die Bezeichnung als Opfer werde ich in eine bestimmte Ecke gedrängt und es gibt Erwartungen, wie ich damit umzugehen habe und wie ich mich fühlen soll. Als Opfer agiert man dann immer aus einer Position der Schwäche.
    1. Antwort von Matteo Br  (matteb)
      Tausche "Opfer" und "Geschädigter" 19x aus und der Artikel bleibt der Gleiche...
      nehme an derAutor nevorzugt jedoch erstere geschlechtsneutrale Bezeichnung um das, für mich, unschöne "die/der Geschädigte(r)" zu vermeiden...
    2. Antwort von Charles Dupond  (Egalite)
      Noe, "Geschaedigte" sind zB leichtsinnige Profis, die sich von unbedarften Konsumenten betruegen lassen, und sich problemlos auf dem Zivilweg wehren koennTen. Opfer sind fisisch oder psichisch durch eine Straftat an Leib, Leben, Vermoegen oder sexueller Integritaet so geschaedigt sind, dass zum Ausgleich der Nachteile der Staat auch fuer ihre Entschaedigung sorgen muss (und Rueckgriff auf die Taeter nehmen kann)....
    3. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Es ging nicht darum wie es klingt, sondern die psychologische Komponente dahinter.