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Schweiz Aus Handlangern sollen Facharbeiter werden

Handlanger in der Fabrik, Bettenschieber im Spital, Kellner im Restaurant: Laut der Gewerkschaft Travail Suisse ist jeder achte Arbeitnehmer ohne Berufslehre. Als Mittel gegen den Fachkräftemangel sollen möglichst viele von ihnen einen Lehrabschluss nachholen.

Im Baugewerbe arbeitet eine grosse Zahl von Fachkräften ohne Berufsabschluss, als einfache Hilfskräfte oder Angelernte. Ihnen wäre der Weg offen zu einem ordentlichen Lehrabschluss, den sie berufsbegleitend machen könnten. Doch nur knapp 250 Erwachsene pro Jahr holen derzeit auf diesem Weg einen Berufsabschluss nach.

Das seien viel zu wenige, sagt Ueli Büchli vom Schweizer Baumeisterverband. Die Hälfte des Baustellenpersonals seien Personen mit Migrationshintergrund. «Wir sind überzeugt, dass es dort viel Potenzial gibt von Personen, die sich weiterentwickeln könnten», so Büchli.

Stipendien müssen höher werden

Vergleichbare Möglichkeiten gibt es auch in anderen Branchen. Aber auch dort sind Lehrabschlüsse von Erwachsenen selten. Es fehle häufig das Geld, sagt Martin Flügel, der Präsident des Arbeitnehmer-Dachverbandes Travail Suisse. Erwachsene hätten häufig finanzielle Verpflichtungen und könnten von 1000 Franken Lehrlingslohn und weiteren 1000 Franken Stipendium nicht leben. «Sie brauchen ein Stipendium, das ihren Lebensunterhalt deckt.»

Travail Suisse fordert darum ein Umdenken in der Berufsbildung. Bund und Kantone müssten in den nächsten zehn Jahren je 800 Millionen Franken investieren. Damit könnten erheblich mehr ungelernte Erwachsene als heute nachträglich einen qualifizierten Abschluss erwerben.

Fachkräfte aus dem Schweizer Pool rekrutieren

Nicht nur wegen des Ja zur Einwanderungsinitiative der SVP stellt sich nämlich die Frage, wie die Schweizer Wirtschaft ihren Bedarf an Fachkäften decken kann. Das Problem liegt tiefer: Die Babyboomer-Generation geht in Rente, die Zahl der Schüler ist rückläufig. Zehn Jahre lang konzentrierten sich alle Akteure in der Berufsbildung darauf, genügend Lehrstellen zu schaffen und junge Berufschüler an den erfolgreichen Abschluss heranzuführen.

Nun gelte es, auf breiter Basis umzudenken. «Die Nachholbildung muss zum neuen Schwerpunkt werden», sagt Gewerkschafter Flügel. Die Schweiz brauche diese Leute, es müssten Fachkräfte in der Schweiz ausgebildet werden. «Nur wenn alle richtig mitziehen, kann dies gelingen», ist Flügel überzeugt.

Branchengipfel Ende März in Bern

Laut einer Studie einer Fachhochschule ist in der Schweiz insgesamt ein Potenzial von gut 50'000 Personen vorhanden. Das Ziel muss laut Travail Suisse sein, dass 30'000 von ihnen bis in zehn Jahren einen Erstabschluss erreichen.

An einem grossen Branchentreffen zwischen Bund, Kantonen und Sozialpartnern Ende März in Bern soll ein Anfang gemacht werden, die Berufsbildung in der Schweiz auf neue Realitäten auszurichten.

Hürden senken

Laut Travail Suisse braucht es eine breit angelegte Informationskampagne, um die Möglichkeit der Nachholbildung bekannt zu machen. Zudem müssten die Angebote stärker auf Frauen zugeschnitten sein: 16 Prozent von ihnen verfügen über keine Ausbildung nach der obligatorischen Schule, während es bei den Männern 11 Prozent sind.

15 Kommentare

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  • Kommentar von E. Waeden, Kt. Zürich
    Dieser "Vorschlag" ist ja löblich angedacht. Aber wer verrichtet dann die vielen Hilfsarbeiten? Indem man dann wieder neue Hilfsarbeiter ins Land holt, die dann auch wieder über Stipendien & Weiterbildung durch den Staat finanziert werden müssen? Ein Karussell, das sich immer weiter dreht. Denn wer einen Lehrabschluss nachgeholt hat wird danach sicher keine Hilfsarbeiten mehr verrichten wollen.
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  • Kommentar von Tom Duran, Basel
    Schön und gut, doch was ist dann mit den "richtigen" Lehrlingen und deren Jobausichten nach der Lehre? Der Markt ist dann von nach wie vor unterbezahlten, spät angelernten "Facharbeitern" übersät und ein schweizer Lehrabgänger hat keine Chance auf einen fair bezahlten Job mehr! Liebe Leute, wir erleben heutzutage DIE Augenwischerei des Jahrhunderts. Umschulen, aber kein Job. Anlernen, aber kein Job. IV Umschgulung, aber kein Job, RAV Kurse, kein Job... Und die Bosse werden reicher und reicher!
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    1. Antwort von m.mitulla, wil
      @T.Duran. Eben genau deshalb soll die Einwanderung begrenzt werden und gleichzeitig sollen dijenigen, welche in der Schweiz leben - seien es Hilfsarbeiter, Arbeitslose oder Sozialhilfebezüger, Ausländer oder Inländer, schwache Schulabgänger - besser ausgebildet und somit besser qualifiziert, also "fit" für den Arbeitsmarkt werden. Die Kosten dafür sind hoch, weshalb die Wirtschaft verpflichtet werden sollte, einen angemessenen Beitrag zu leisten.
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    2. Antwort von Alex Kramer, ZH
      @ Mitulla: Sollen nun Ungelernte mit einem nachzuholenden Kürsli dem ausgelernten Berufsschulabgänger gleichgesetzt werden? Dieser Vorschlag hebelt nur unser duales Berufsbildungssystem aus, und die Ausbildungen werden innert Kürze gar nichts mehr wert sein. Das allgemeine Niveau wird dadurch in die Knie gezwungen und der Lehrabgänger hat dadurch gar keinen Vorteil mehr. Ob das im Sinne unserer Wirtschaft ist, wage ich allen Ernstes zu bezweifeln. Aber es verstärkt den Zwang nach der EU...
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    3. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Früher war es die Wirtschaft, welche Arbeitnehmer mit Ambitionen gefördert hat. Teilweise haben AG unterstützt, mehrheitlich hat man aber Weiterbildung selber finanziert. Heute will die Wirtschaft nur noch an Menschen gutes Geld verdienen & der Staat soll ihnen das finanzieren? Doch ungelernte Hilfsarbeiter hat es schon immer gegeben. Denke diese Forderung nach Ausbildung derjenigen liebäugelt mit der Mindestlohn-Initiative. Denn nur damit wäre dieser für alle auch gerechtfertigt.
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    4. Antwort von m.mitulla, wil
      @A.Kramer. Es geht nicht um Kürsli, sondern - wenn möglich - um das Nachholen einer Berufsausbildung mit einem Abschluss. Unsere Wirtschaft verlangt nach Spezialisten, Unqualifizierte (Handlanger) fallen aus dem Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft will natürlich von einer allfälligen Beteiligung nichts wissen, sie würde lieber weiterhin junge, frisch ausgebildete EU- Bürger zu günstigen Konditionen einstellen und ältere oder weniger qualifizierte schweizerische Mitarbeitende "links liegenlassen".
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    5. Antwort von m.mitulla, wil
      @E.Waeden. Die Wirtschaft wird doch nicht in teure Weiter- und Umschulungen für ältere Mitarbeitende investieren, wenn uneingeschränkt junge frisch ausgebildete Menschen aus dem grossen EU-Markt zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stehen.
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  • Kommentar von W. Helfer, Zürich
    Wäre viel besser, wenn man endlich mal wieder die Leute nach ihren Fähigkeiten in der Praxis beurteilt. Ein Schul-Stempel auf einem Papier für ein bestimmtes Fach heisst noch lange nicht, dass man dann auch eine hilfreiche Fachkraft ist.
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