Aus Handlangern sollen Facharbeiter werden

Handlanger in der Fabrik, Bettenschieber im Spital, Kellner im Restaurant: Laut der Gewerkschaft Travail Suisse ist jeder achte Arbeitnehmer ohne Berufslehre. Als Mittel gegen den Fachkräftemangel sollen möglichst viele von ihnen einen Lehrabschluss nachholen.

Im Baugewerbe arbeitet eine grosse Zahl von Fachkräften ohne Berufsabschluss, als einfache Hilfskräfte oder Angelernte. Ihnen wäre der Weg offen zu einem ordentlichen Lehrabschluss, den sie berufsbegleitend machen könnten. Doch nur knapp 250 Erwachsene pro Jahr holen derzeit auf diesem Weg einen Berufsabschluss nach.

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Hürden senken

Laut Travail Suisse braucht es eine breit angelegte Informationskampagne, um die Möglichkeit der Nachholbildung bekannt zu machen. Zudem müssten die Angebote stärker auf Frauen zugeschnitten sein: 16 Prozent von ihnen verfügen über keine Ausbildung nach der obligatorischen Schule, während es bei den Männern 11 Prozent sind.

Das seien viel zu wenige, sagt Ueli Büchli vom Schweizer Baumeisterverband. Die Hälfte des Baustellenpersonals seien Personen mit Migrationshintergrund. «Wir sind überzeugt, dass es dort viel Potenzial gibt von Personen, die sich weiterentwickeln könnten», so Büchli.

Stipendien müssen höher werden

Vergleichbare Möglichkeiten gibt es auch in anderen Branchen. Aber auch dort sind Lehrabschlüsse von Erwachsenen selten. Es fehle häufig das Geld, sagt Martin Flügel, der Präsident des Arbeitnehmer-Dachverbandes Travail Suisse. Erwachsene hätten häufig finanzielle Verpflichtungen und könnten von 1000 Franken Lehrlingslohn und weiteren 1000 Franken Stipendium nicht leben. «Sie brauchen ein Stipendium, das ihren Lebensunterhalt deckt.»

Travail Suisse fordert darum ein Umdenken in der Berufsbildung. Bund und Kantone müssten in den nächsten zehn Jahren je 800 Millionen Franken investieren. Damit könnten erheblich mehr ungelernte Erwachsene als heute nachträglich einen qualifizierten Abschluss erwerben.

Fachkräfte aus dem Schweizer Pool rekrutieren

Nicht nur wegen des Ja zur Einwanderungsinitiative der SVP stellt sich nämlich die Frage, wie die Schweizer Wirtschaft ihren Bedarf an Fachkäften decken kann. Das Problem liegt tiefer: Die Babyboomer-Generation geht in Rente, die Zahl der Schüler ist rückläufig. Zehn Jahre lang konzentrierten sich alle Akteure in der Berufsbildung darauf, genügend Lehrstellen zu schaffen und junge Berufschüler an den erfolgreichen Abschluss heranzuführen.

Nun gelte es, auf breiter Basis umzudenken. «Die Nachholbildung muss zum neuen Schwerpunkt werden», sagt Gewerkschafter Flügel. Die Schweiz brauche diese Leute, es müssten Fachkräfte in der Schweiz ausgebildet werden. «Nur wenn alle richtig mitziehen, kann dies gelingen», ist Flügel überzeugt.

Branchengipfel Ende März in Bern

Laut einer Studie einer Fachhochschule ist in der Schweiz insgesamt ein Potenzial von gut 50'000 Personen vorhanden. Das Ziel muss laut Travail Suisse sein, dass 30'000 von ihnen bis in zehn Jahren einen Erstabschluss erreichen.

An einem grossen Branchentreffen zwischen Bund, Kantonen und Sozialpartnern Ende März in Bern soll ein Anfang gemacht werden, die Berufsbildung in der Schweiz auf neue Realitäten auszurichten.