- Von ursprünglich zwei auf bis zu elf Milliarden Franken: Die Luftverteidigung grösserer Reichweite wird laut SRF-Recherchen massiv teurer.
- Allein das Abwehrsystem, das der Bundesrat zusätzlich kaufen will, kostet fünf Milliarden.
- Und die Mehrkosten bei Patriot könnten noch höher sein als bisher bekannt.
Die Schweiz ist gegen Angriffe mit Raketen oder Marschflugkörpern faktisch ungeschützt. Und ausgerechnet beim US-Abwehrsystem Patriot hängt der Bundesrat in der Schwebe. Das Luftverteidigungssystem grösserer Reichweite dürfte massiv mehr kosten als die ursprünglich vereinbarten zwei Milliarden Franken. Auch wird es später geliefert. Aus diesem Grund – und auch wegen der verschärften Bedrohungslage – will der Bundesrat ein zusätzliches Abwehrsystem kaufen.
Jetzt zeigen Recherchen von SRF: Der Bundesrat schätzt die Kosten für das zusätzliche System auf fünf Milliarden Franken. Das Verteidigungsdepartement (VBS) bestätigt: «Die Grössenordnung von rund fünf Milliarden Franken basiert auf einer ersten Planungs- und Kostenschätzung. In die Schätzung fliessen unter anderem auch die erforderliche Munition, Logistik, Ausbildung sowie weitere systembezogene Aufwendungen ein.»
Patriot-Kosten könnten sich verdreifachen
Beim US-System Patriot drohen Mehrkosten – unter anderem wegen der Teuerung. Nun könnten die Mehrkosten aber noch höher ausfallen als bisher bekannt. Zwei voneinander unabhängige Quellen bestätigen: Gemäss den Optionen, die die USA der Schweiz im Frühsommer vorgelegt haben, würde Patriot zwei- bis dreimal so viel kosten wie ursprünglich geplant. Konkret bis zu sechs Milliarden.
Das VBS sagt nichts zu den Zahlen. Bei Patriot hänge alles vom weiteren Vorgehen ab, das der Bundesrat festlegen werde: «Die Vorgehensweisen unterscheiden sich unter anderem bei Systemversion, Lieferterminen, technischen Anpassungen und Risiken. Darum entsteht eine sehr breite Kostenspanne.»
Teurer als der F-35, Finanzierung ungesichert
Fünf Milliarden für das zusätzliche System, bis zu sechs Milliarden für Patriot: Insgesamt könnten die Kosten bis auf elf Milliarden steigen. Zum Vergleich: Der Kampfjet F-35 kostet rund 6.4 Milliarden. Finanzieren will der Bundesrat die Luftverteidigung mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer.
Doch es gibt zwei Probleme. Erstens scheint dies im Parlament chancenlos. Ob sich die Parteien auf eine andere Finanzierung einigen, ist offen. Zweitens dürfte das eingeplante Geld nicht reichen: Der Bundesrat sieht für Patriot nur eine Reserve von einer Milliarde vor. Wahrscheinlich zu wenig. Laut VBS könnten bei zusätzlichen Mehrkosten Beschaffungen verschoben oder gestrichen werden. Dies würde zu Fähigkeitslücken führen, so das VBS.
Gesamte Luftverteidigung kostet bis 17 Milliarden
Die bis zu elf Milliarden decken lediglich die Luftverteidigung grösserer Reichweite ab. Hinzu kommen Abwehrsysteme kürzerer und mittlerer Reichweite. Das lässt die Gesamtkosten auf 15 bis 17 Milliarden steigen.
Ergibt der Grossausbau mit verschiedenen Reichweiten Sinn? Aus militärischer Sicht ja, sagt Douglas Barrie vom International Institute for Strategic Studies (IISS) in London. Der Ukrainekrieg zeige, dass mehrere Ebenen und Schichten sinnvoll seien. «Man will Raketen, Drohnen oder Marschflugkörper so weit entfernt wie möglich abfangen und sich Optionen offenhalten, falls der erste Versuch scheitert», so Militärforscher Barrie: «Eines ist klar bei der Luftverteidigung: Sie ist nie günstig.»