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Gemeinde-Tageskarten: Städte und Dörfer denken um
Aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 28.12.2020.
abspielen. Laufzeit 03:19 Minuten.
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Auslaufmodell Tageskarte Coronakrise beschleunigt das Ende der Gemeinde-Tageskarten

Einen Tag lang fast alle Züge, Busse und Schiffe in der Schweiz zu einem niedrigen Preis nutzen: Für Nicht-GA-Besitzer ist das ein attraktives Angebot, das viele Schweizer Gemeinden seit Jahren möglich machen. Rund 45 Franken kostet eine Gemeinde-Tageskarte aktuell, also deutlich weniger als eine Tageskarte der SBB.

Allerdings verzichten immer mehr Gemeinden auf den Verkauf solcher Tageskarten. Der Grund: Der Verkauf lohnt sich nicht mehr und ist für einige Gemeinden sogar zum Verlustgeschäft geworden. Wegen der Coronakrise ist die Nachfrage gesunken, zeigen diverse Beispiele aus dem Mittelland. Die Folgen der Pandemie beschleunigt das Sterben der Gemeinde-Tageskarten.

Es lohnt sich nicht

Aargauer Gemeinden wie Neuenhof oder Gansingen haben mitgeteilt, dass sie auf das Angebot verzichten. Auch das Aargauer Städtchen Lenzburg (über 10'000 Einwohner) oder die Solothurner Gemeinde Lommiswil stellen den Service ein.

Es kann nicht sein, dass wir mehrere zehntausend Franken mit diesem Angebot verlieren.
Autor: Luzia MeisterStadtschreiberin Grenchen

Auch die Solothurner Stadt Grenchen (knapp 17'000 Einwohner) will nichts mehr von Tageskarten wissen. Es lohne sich nicht, erklärt die Grenchner Stadtschreiberin Luzia Meister: «Es kann nicht sein, dass wir tausende oder mehrere zehntausend Franken mit diesem Angebot verlieren. Draufzahlen, das geht nicht», sagt sie.

Tageskarten
Legende: Keystone

Das Angebot funktioniert so: Eine Gemeinde kauft Tageskartensets der ÖV-Branche. Ein Set à 365 Tageskarten kostet 14'000 Franken. Die Solothurner Stadt Grenchen zum Beispiel zahlte in den vergangenen Jahren 70'000 Franken pro Jahr, um der Bevölkerung fünf Tageskarten pro Tag anbieten zu können. Bringt eine Gemeinde die meisten Karten weg, verdient sie Geld. Kann sie die Karten nicht verkaufen, ist das Ganze hingegen ein Verlustgeschäft.

Coronakrise stoppt Run auf Tageskarten

Früher waren die Gemeinde-Tageskarten heiss begehrt. Nun aber ist alles anders. Die Schweizer Bevölkerung ist gezwungenermassen weniger mobil, Ausflüge sind nicht mehr so gefragt. «Der Verkauf ist mit Corona eingebrochen. Wir bleiben auf den Karten sitzen. Nun haben wir entschieden, den Verkauf nächstes Jahr zu stoppen. Er wäre nicht mehr sinnvoll», begründet die Grenchner Stadtschreiberin Luzia Meister den Entscheid.

älteres Paar
Legende: Keystone

Die Coronakrise ist aber nicht der einzige Grund, weshalb die Gemeinde-Tageskarte zum Auslaufmodell geworden ist. Die günstigen Ausflugskarten sind nur am Schalter der Gemeinde erhältlich. Im Zeitalter von Online-Tickets auf dem Smartphone ist vielen der Gang zum Schalter zu umständlich. Zudem bieten ÖV-Anbieter wie die SBB mittlerweile zu gewissen Zeiten online Spartickets an, auch Spar-Tageskarten. Diese können günstiger sein als eine Gemeinde-Tageskarte und konkurrenzieren also das Angebot der Gemeinden.

Man kann diese Karten im Voraus bestellen und gut planen.
Autor: Markus DietlerStadtschreiber Olten

In der Stadt Olten sieht man keine Konkurrenz durch Spar-Tageskarten. Solche verbilligten Tageskarten auf dem Mobiltelefon zu ergattern, könne mühsam sein, die Gemeinde-Tageskarte hingegen sei ein sicherer Wert, sagt Stadtschreiber Markus Dietler: «Man kann die Gemeinde-Tageskarte im Voraus bestellen und gut planen. Wir müssen als Gemeinde auch nicht unbedingt Geld verdienen, sondern möchten der Bevölkerung eine Leistung anbieten», erklärt er.

Dass sich mit den Gemeinde-Tageskarten kein Geschäft mehr machen lässt, hat allerdings auch die Stadt Olten erkannt. Sie hat die Anzahl Tageskarten, die sie pro Tag anbietet, deshalb reduziert. Auch andere Gemeinden bieten nicht mehr so viele Tageskarten an wie früher, Wettingen AG oder Oberdorf SO beispielsweise.

Die Gemeinde-Tageskarte scheint in der jetzigen Form also ein Auslaufmodell. Die Branchenorganisation Alliance SwissPass will das heutige Angebot Ende 2023 einstellen. Bis dahin soll jedoch ein neues Format erarbeitet werden.

Regionaljournal Aargau Solothurn, 28.12.2020, 17:30 Uhr;

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43 Kommentare

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  • Kommentar von Dani Keller  (¯\_(ツ)_/¯ ____)
    Der ÖV wird in den nächsten Jahren ihr Tarifsystem sowieso auf den Kopf stellen müssen, weil die Elektromobilität günstiger ist und ebenso umweltfreundlich wie ÖV. Ich würde mal mit der Abschaffung des Halbtax anfangen und im Gegenzug die Vollpreistickets halbieren. Das wäre ein relativ schmerzloses Nullsummenspiel, würde aber wieder eine breitere Schicht zum Zugfahren animieren. Der nächste Schritt wäre weniger Mengenrabatte (GA usw.) zu gewähren. Zonentarife abschaffen und km als Preisbasis.
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    1. Antwort von Max Wyss  (Pdfguru)
      Dieser Vorschlag ist so etwas das dümmste, was man machen könnte.

      "Elektromobilität" ist nie günstiger und umweltfreundlicher als der öV, weil die Ressourcen-Nutzung weitaus schlechter ist. Zudem müsste, um auch nur einen Teil für den Strassenunterhalt einzunehmen, eine leistungsabhängige Verkehrsabgabe eingeführt werden, welche Gewicht und Grösse des Fahrzeugs berücksichtigt.
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    2. Antwort von Dani Keller  (¯\_(ツ)_/¯ ____)
      @Wyss: Wetten dass ein E-Auto (BEV) mit vier Plätzen besetzt umweltfreundlicher unterwegs ist als jeder Regionalzug (im Durchschnitt 20% Belegung)?! Und auch preislich wird das E-Auto die Bahn locker schlagen. Es ist ja schon heute so, dass ein Verbrenner mit 2 Personen meist günstiger unterwegs ist als die Bahn (aber natürlich nicht umweltfreundlicher).
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    3. Antwort von Ernst Boller  (BOER)
      @(¯\_(ツ)_/¯ ____): Ich denke, die Staus auf den Autobahnen und die Verstopfung der Ortschaften werden nicht weniger werden, nur weil die Fahrzeuge elektrisch angetrieben werden.
      Ich gratuliere den Behörden von Olten zu ihrer Haltung. Die Ortschaften, die jetzt die Tageskarten wegen einigen Tausend Franken Verlust, nach Jahren mit Gewinnen, abschaffen sind nur noch kleinlich. Nicht jeder kann sich übers Internet die Schnäppchen ergattern.
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  • Kommentar von Andreas Wiedler  (infonews)
    Im Moment ja.. aber wenn wir wieder reisen dürfen? Also noch eine Sparpaket auf Kosten der ÖV-Benützer.
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  • Kommentar von Urs Heinimann  (uh4000)
    Die grösste Konkurrenz zu den Gemeindetageskarten sind die Ausflugs-Abos der SBB.
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