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Wie werden die Todesfälle in der Coronakrise statistisch erfasst?
Aus Rendez-vous vom 03.04.2020.
abspielen. Laufzeit 04:25 Minuten.
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BAG-Zahlen kritisch betrachtet Sterben die Patienten wegen oder mit Corona?

«Auch heute sind in der Schweiz wieder …»: So beginnen in den letzten Wochen viele Nachrichtenmeldungen. Es geht um die Neuinfizierten und die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus. Bei den SRF-Usern tauchen zunehmend Fragen zu diesen Todeszahlen auf – auch weil besonders viele Menschen mit Vorerkrankungen betroffen sind. SRF-Wissenschaftsredaktor Daniel Theis bringt nun etwas Licht ins Dunkel.

Daniel Theis

Daniel Theis

SRF-Wissenschaftsredaktor

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Daniel Theis ist promovierter Atmosphärenchemiker und Mikrobiologe. Seine Spezialgebiete sind Energiethemen, Mobilität und technische Entwicklungen. Er arbeitet seit 2013 in der SRF-Wissenschaftsredaktion.

SRF News: Sind die vom BAG ausgewiesenen Corona-Toten am Corona-Virus gestorben oder an einer bestehenden Krankheit? Zum Beispiel Nierenversagen durch Diabetes, und waren zusätzlich an Corona erkrankt, welches aber nicht zum Tod führte – gibt es dazu eine verlässliche Antwort?

Daniel Theis: Das ist gerade bei Menschen mit Vorerkrankungen je nachdem wirklich schwierig. Die Frage ist: Wäre jemand sowieso bald gestorben? Das lässt sich im Einzelfall aber nur abschätzen.

Das heisst, es sind bestimmt Todesfälle jetzt als Corona-Todesfall erfasst, die auch sonst bald gestorben wären. Dieses Problem lässt sich aber kaum lösen. Im Einzelfall ist es der Arzt oder die Ärztin, die abschätzt, wer woran gestorben ist. Ich gehe aber davon aus, aufgrund der meist schweren Lungenkrankheit, dass die Unterscheidung recht gut gemacht werden kann, dass es also nicht viele falsch gezählte Corona-Todesfälle gibt.

Könnte es auch sein, dass nicht alle Corona-Todesfälle als solche erfasst werden?

Ja, es gibt auch die umgekehrte Situation: Aus Italien zum Beispiel kommen Meldungen, dass möglicherweise fast die Hälfte der Menschen, die am Coronavirus gestorben sind, zu Hause oder in einem Heim daran starben – und zwar ohne je getestet zu werden. So tauchen sie auch nicht in der Zahl der Corona-Toten auf.

2017 gab es rund 1000 Grippetote – das zeigt die Statistik – wie werden denn die Grippetoten berechnet?

Die saisonale Grippe ist nicht jedes Jahr gleich schlimm, da gibt es grosse Unterschiede. 1000 oder sogar noch mehr Tote sind möglich, aber auch nur ein paar Hundert, je nachdem wie aggressiv die Viren sind und wie der Winter verläuft.

Bei der Grippe werden nur ganz eindeutige Fälle von den Ärzten als Grippetote klassifiziert. 2017 waren es exakt 284. Dass man aber am Schluss auf die Zahl von gegen 1000 Toten kommt, lässt sich nur mit Statistik errechnen.

Quelle: BfSWöchentliche Todesfälle in der Schweiz2015ÜbersterblichkeitAltersgruppe 65 Jahre und älterAltersgruppe 0 – 64 Jahre0201620172018201920201‘600Obere und untere Grenze des statistisch zu erwartenden WertsStarke GrippewelleStarke GrippewelleCovid-19- Pandemie

Wie kommt das?

Viele Menschen sterben zu Hause oder in Heimen. Sie werden gar nicht auf Grippeviren getestet. Ganz ähnlich wie in Italien einem Teil der Corona-Toten jetzt.

Die Zahl der Grippetoten ist immer nur eine Schätzung.

Auf die Zahl von 1000 Grippetoten kommt man, weil im langjährigen Durchschnitt in den Wintermonaten mehr Menschen als üblich sterben. Diese sogenannte «Übersterblichkeit» ordnet man dann der Grippe zu. Umgekehrt im Sommer: Sterben dort mehr Leute als üblich, rechnet man sie den Hitzetoten zu. Das heisst ganz konkret: Die Zahl der Grippetoten ist immer nur eine Schätzung.

Wird denn heute bei Verstorbenen immer gleich noch auf Corona getestet?

Davon würde ich nicht ausgehen, gerade wenn man die internationale Situation anschaut. Wie es in der Schweiz konkret ist, kann ich im Moment nicht sagen. Entscheidend ist aber, was der Arzt, die Ärztin sagt. Das Fachpersonal muss einschätzen, woran jemand wirklich gestorben ist – zusammen mit einem Testresultat.

Die Übersterblichkeit ist wohl ziemlich sicher wegen Corona.

Im Moment sieht man aber gerade, dass sich die Sterblichkeit Ende März in der Schweiz anfängt ausserhalb des normalen Rahmens zu bewegen. Wir haben also jetzt eine Übersterblichkeit und diese ist wohl ziemlich sicher wegen des Coronavirus.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Rendez vous, 3.4.2020, 12:30 Uhr,;

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158 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Holzer  (Peter Holzer)
    Ich lese immer über Zahlen, Impfstoffe, Therapien und leidender Wirtschaft.
    Wenig bis har keine Lösungsansätze für zukünftige ähnliche Szenarien!

    Die Wirtschaft weltweit wieder „hochfahren“ und hoffen, dass nie wieder ein solcher Virus alles lahm legt? Wird nicht wieder 1:1 genau das gleiche Problem entstehen für die Wirtschaft?

    Frage: Hat das Virus das Geld der Wirtschaft aufgefressen? Wo ist es abgeblieben? Verschwunden?

    Gedanken für die Zukunft!
  • Kommentar von Martin Müller  (Nonaeol)
    Wenn diese Coronakrise u. a. die Folge haben würde, nämlich die Überwindung des Mythos der Monokausalität in medizinischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten, dann wäre sehr viel gewonnen. Unser Denken ist aber leider seit den alten Griechen in der zweiwertigen Logik des Ja oder Nein, 0 oder 1, verfangen. Dieses Denken hat uns Computer und Wohlstand beschert. Die grossen Fragen der Biologie, Gesellschaft und Ökologie lassen sich damit aber nicht beantworten, weil kaum etwas monokausal ist.
  • Kommentar von Martin Müller  (Nonaeol)
    Wenn viele ausländische Pflegekräfte das Land verlassen, können die betagten Menschen nicht mehr zu Hause betreut werden und kommen ins Spital oder Pflegeheim, wenn die Betreuung anderweitig nicht sichergestellt werden kann. Dies verursacht Stress nur schon durch den Verlust der gewohnten Umgebung, des Umfelds, keine Besuche sind möglich. Dazu können Infektionen mit den vielen gefährlichen Spitalkeimen kommen. Eine monokausale Erklärung für die Situation z. B. in Italien greift m. M. n. zu kurz.
    1. Antwort von Martin Müller  (Nonaeol)
      Zur Erklärung: Zitat aus folgendem Artikel: "In ganz Europa gefährdet die Pandemie die Versorgung alter Menschen zu Hause, weil Pflegekräfte nicht mehr zu ihnen können - oder das jeweilige Land fluchtartig verlassen haben Richtung Heimat."
      https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-pflegekraefte-ausland-1.4866124
      Es wäre deshalb interessant zu wissen, wie viele Menschen auf Grund von pflegerischer Unterversorgung sterben, die durch die gesellschaftliche Reaktion auf das Virus entsteht.