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#balancetonporc Die etwas andere Sexismus-Debatte in der Romandie

Nicht Harvey Weinstein, sondern der Genfer Intellektuelle Tariq Ramadan hält die Sexismus-Debatte in der Westschweiz am Laufen. Bei diesen Diskussionen geht es nicht nur um das Verhältnis zwischen Mann und Frau, sondern ebenso um den Islam.

Legende: Audio Im Zentrum der Debatte steht der Genfer Intellektuelle Tariq Ramadan abspielen. Laufzeit 04:37 Minuten.
04:37 min, aus Rendez-vous vom 27.11.2017.

Unter dem Hashtag #metoo berichten und diskutieren Millionen Frauen seit Wochen über sexuelle Übergriffe. Das Pendent in Frankreich und der Romandie heisst #balancetonporc (dt. verpfeif dein Schwein).

Ramadan – ein Denker des modernen Islam

Die Debatte wird hier intensiver geführt: Radio und Fernsehen widmen dem Thema gleich mehrere Sendeabende. Und nicht der Skandal um Filmproduzent Harvey Weinstein steht im Fokus, sondern der Genfer Intellektuelle Tariq Ramadan. Im französischen Sprachraum ist Ramadan der einflussreichste muslimische Denker: 55-jährig, smart, rhetorisch brillant und ein mediengewandter Vertreter des modernen Islam.

Im Zuge der Debatte um Weinstein haben sich zwei Frauen aus Frankreich gemeldet, die Ramadan Vergewaltigung vorwerfen. Weitere, weniger weitreichende Anschuldigungen, folgten in der Schweiz.

Ich habe mit 250 Menschen gesprochen und alle haben es gewusst.
Autor: Alexis FavreModerator

In der Westschweiz werden die Konsequenzen der Vorwürfe in den Medien diskutiert. Dabei stellt Alexis Favre, Moderator der Sendung Infrarouge, Link öffnet in einem neuen Fenster, fest: «Um diese Sendung vorzubereiten habe ich mit rund 250 Personen über Tariq Ramadan gesprochen. Alle haben davon gewusst. Warum ist nichts davon an die Öffentlichkeit gelangt?»

Komplizenschaft durch Wegschauen

«Ich wusste es», sei eine ganz typische Reaktion, sagt Stéphanie Pahud, Linguistin an der Universität Lausanne. «So kann man signalisieren, dass man nicht naiv ist», erklärt Pahud. Tatsächlich aber sage man damit genau das Gegenteil: «Eigentlich sagt man damit: Ich weiss nichts, und vor allem weiss ich noch nicht, wie ich aus dem ganzen System wieder rauskomme.»

Zu sagen ‹ich wusste es› soll signalisieren, dass man nicht naiv ist.
Autor: Stéphanie PahudLinguistin Universität Lausanne

Laut der Linguistin ist der gesellschaftliche Wandel im Umgang mit sexuellem Missbrauch noch nicht da – und man kann diesen Wandel auch nicht vorhersagen. Aber immerhin könne heute niemand mehr so tun, als ob ihn diese Debatte nichts angehe.

Portrait von Stéphanie Pahud
Legende: Für die Linguistin Stéphanie Pahud braucht es rasch Mittel, um künftigen Machtmissbrauch zu verhindern. Universität Lausanne

Es geht um mehr als «nur» Sex

«Es geht nicht nur um die blosse Diskriminierung von Frauen durch Männer in dieser Diskussion. Es geht um Machtmissbrauch», sagt Pahud. Davon seien auch die Religion, die Nationalität oder die soziale Stellung betroffen – alle Elemente unserer Identität. «Da gibt es Überlagerungen. Es wird versucht, ganz andere Rechnungen zu begleichen.»

So meldeten sich im Fall von Tariq Ramadan besonders laut diejenigen Leute zu Wort, die seine Thesen schon vor diesen Vorwürfen abgelehnt hatten. Und manche nutzten die jetzige Situation auch für eine Generalabrechnung mit dem Islam. «Ich will niemanden in Schutz nehmen», stellt Pahud klar. «Es ist für die Betroffenen sicher befreiend, gehört zu werden.»

Aber statt bei der blossen Denunziation stehen zu bleiben, sei es wichtig, neue Wege zu finden. Statt sich mit der einzelnen Person zu beschäftigen, sei es wichtiger, Mittel zu suchen, um künftig solchen Machtmissbrauch zu verhindern, meint Pahud.

#balancetonporc

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Seit Jahrzehnten, wird auf sexuellen Missbrauch aufmerksam gemacht - Schutz und Gerechtigkeit gegenüber den lebenslang traumatisierten Opfern aufmerksam gemacht - die lebenslange Verwahrung solcher, "nicht heilbaren" Täterschaft gefordert!? Nur interessiert sich niemand konkret um die wichtige Bestrafung der miesen Täterschaft ("unfähige Kuscheljustiz" und Co), welche absolut mehrheitlich "männlichen Geschlechts" ist....!??Täterschaft wird "verhätschelt" -"Verjährung" der abscheulichen Taten,etc
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  • Kommentar von Beatrice Mayer (signorinetta)
    @Margot Helmers soeben in der "Welt" von Fausia Kufi gelesen. "Mein Vater war so ein Mann". Ein Deutscher weisses besser: Sozialpädagoge und Leiter der Münchner Geschäftsstelle der Diakonie-Jugendhilfe sagt: "Denn grundsätzlich ist das Frauenbild von jungen Afghanen von Wertschätzung geprägt. Die Mutter hat in der Familie die Hosen an. Diese Wertschätzung gilt ebenfalls jüngeren Frauen oder Gleichaltrigen."
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    1. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Ja, klar. Ein Münchner Sozialpädagoge kennt die Situation von afghanischen Frauen in ihrer Heimat besser, als eine Afghanin... Das muss er sagen, davon lebt er. Man soll sich mal die Profite aus der Flüchtlingskrise ansehen: "Die Gewinner der Flüchtlingskrise: Caritas und Diakonie". Da sprudeln die Millionen nur so. Und in Deutschland gelten bei Angestellten von kirchlichen Instituten keine normalen Arbeitnehmerrechte, das gilt das Kirchenrecht. Was das bedeutet, kann Jeder selber googlen.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Frau Helmers, so schlecht scheint es Frau Kufi nicht gegangen zu sein. Immerhin durfte sie studieren und jetzt eine politische Karriere verfolgen. Sie hat sogar männliche Angestellte. Sie dürckt sich viel differenzierter aus als Sie hier darstellen und trennt zB auch klar die Afghanische Tradition von jener der Taliban.
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  • Kommentar von Andreas Kermann (Andreas Kermann)
    Solange es die Abrahamitischen Religionen gibt wird es auch Machtmissbrauch geben. Eine echte Gleichstellung zwischen Menschen ist nur möglich wenn die totalitäre Struktur der Religionen gebrochen ist. Alles andere bleibt Symptom und Symbolpolitik.
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    1. Antwort von Dölf Meier (Meier Dölf)
      Solange es Menschen gibt wird es Machtmissbrauch geben. Wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein. Machtmissbrauch ist in erster Linie eine Charakterschwäche!
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    2. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Aber ein kluger Mensch sagte mal:" Ein Mensch hat nur soviel Macht über mich, wie ich ihm/ihr zugestehe." Das wäre dann Stärke. Aber über diese ganzen Debatten, machen sich viele Frauen jetzt selber wieder zum schwachen Geschlecht. Davon wollte man doch weg! In den wilden 1968 haben die Frauen sich von diesem "Vorurteil" befreit. Jetzt "steuern" sie wieder in die verstaubte Zeit davor zurück. Einige Religionen dürften sich darüber freuen.
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