Gletscherabbruch im Wallis «Beim Triftgletscher hat der Sommer klar eine Rolle gespielt»

Für Glaziologe Martin Funk ist der Bergeller Felssturz und der Gletscherabbruch nicht vergleichbar. Warum erklärt er im Interview.

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Bildlegende: Martin Funk ist Professor für Glaziologie an der ETH. Er befasst sich unter anderem mit der Dynamik von Gletschern. SRF

SRF News: Der Gletscherabbruch hatte einen weniger drastischen Verlauf als befürchtet. Das Eis donnerte nicht bis ins Tal. Trotzdem: Es waren über 150'000 Kubikmeter Eis, die abbrachen. War das in den Augen eines Wissenschaftlers ein grosser Abbruch?

Martin Funk: Der Abbruch war nicht klein, aber das Wesentliche ist: Er ist nicht in einem Ereignis heruntergekommen, sondern in mehreren. Wie viele es genau waren, weiss man noch nicht.

Zuletzt hatte sich der Gletscher mit zwei Metern pro Tag bewegt. Das ist jetzt auch für mich als Laien ziemlich viel. Was passierte genau, wie ist das möglich?

Der Gletscher ist sogar noch viel schneller geworden. Bevor er abgebrochen ist, hatte er eine Fliessgeschwindigkeit von über 4 Metern pro Tag. Das ist natürlich ausserordentlich schnell, denn an dieser Stelle ist der Gletscher normalerweise mit rund 15 Zentimetern pro Tag unterwegs.

«  Dadurch ist die Stützwirkung verloren gegangen. »

Martin Funk
Glaziologe

Und warum wurde der Gletscher plötzlich so schnell?

Das hat damit zu tun, dass einerseits der Triftgletscher, der darunter weiter talwärts fliesst, dünner geworden ist. In den letzten Jahren hat er sich vom Hängegletscher gelöst. Dadurch ist die Stützwirkung verloren gegangen. Und so hat sich eine Instabilität eingestellt. Zudem: Dieser Hängegletscher, der in der Vergangenheit am Fels festgefroren war, begann aufzutauen. So ist er ins Rutschen geraten. Dieses Rutschen hat dann dazu geführt – zusammen mit Wasserzufuhr von der Gletscherschmelze –, dass die Gleitbewegung im Laufe des Spätsommers immer stärker geworden ist. Bis es nun zum Abbruch gekommen ist.

Der Triftgletscher stand seit einigen Wochen bereits unter näherer Beobachtung. Wie muss ich mir das vorstellen?

Der Gletscher ist sogar bereits seit drei Jahren unter Beobachtung. Angefangen hat das 2014. Damals hatte man erkannt, dass sich eine Instabilität einstellt. Während dieser ganzen Zeit hat man das intensiv beobachtet, mit einem Radargerät. In diesem Frühling ist man nun zum Schluss gekommen, dass dieses Radargerät nicht mehr passend war. Man stieg auf ein günstigeres Gerät um, um die Tendenz zu verfolgen. Und sollte sich eine ungünstige Entwicklung einstellen, dann würde man wieder mit dem Radargerät arbeiten. Und genau das ist passiert mit den Kamerabildern. Das war die Überwachung seit dem April: Man hat erkannt, dass der Gletscher seit drei Wochen wieder beschleunigt – und zwar sehr stark. Darum hat man Mitte letzte Woche das Radargerät wieder aufgestellt und damit Messungen gemacht. Man konnte dann sehr genau verfolgen, wie die Bewegung dieses Gletschers ändert. Das hat uns auch erlaubt etwas über den Zeitpunkt des Absturzes zu sagen.

«  Am Piz Cengalo war es eine reine Felsinstabilität. »

Martin Funk
Glaziologe, ETHZ

Wie viele Gletscher werden in der Schweiz aktuell intensiver beobachtet, weil sich eine Gefahrensituation abzeichnet?

Was Gletscherinstabilitäten anbelangt sind es nur zwei. Das sind der Weissmiesgletscher und der Bisgletscher im Mattertal.

Nun haben uns ja die Berge diesen Sommer in der Schweiz ziemlich beschäftigt. Wir hatten in den letzten Wochen den Bergsturz im Bergell und jetzt haben wir den Abbruch des Triftgletschers. Ist diese Häufung reiner Zufall oder hat das – wie viele Leute sagen – mit der Klimaerwärmung zu tun?

Die beiden Fälle sind nicht vergleichbar. Am Piz Cengalo war es eine reine Felsinstabilität. Und diese ist sicher nicht direkt mit dem warmen Sommer in Zusammenhang zu stellen. Das war eine sehr langandauernde Entwicklung, die sich da abgespielt hat. Beim Triftgletscher hat der warme Sommer klar eine Rolle gespielt. So ein Ereignis kann nur im Sommer stattfinden. Das ist am Piz Cengalo nicht so. Es braucht im Fall des Triftgletschers Wasser, das den Gletscher zum Rutschen bringt. Und das wird im Winter nicht möglich sein. Ein warmer Sommer begünstigt das. Und so gesehen, hat das Klima schon einen direkten Einfluss auf das Verhalten des Gletschers.

Gehen Sie als Wissenschaftler davon aus, dass wir vermehrt solche Ereignisse in Kauf nehmen müssen?

Das kann man so nicht sagen. Man darf folgendes nicht vergessen. Es gibt nicht viele Gletscher, bei denen es zu einem Abbruch kommt und bewohnte Gebiete betroffen sind. Ich glaube deshalb nicht, dass man in Zukunft eine Häufung solcher Ereignisse beobachten wird.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.