Wenn Klaus Tscherrig im Mattertal VS unterwegs ist, sieht er mehr als nur Postkartenidylle. Wo andere imposante Berggipfel oder rauschende Bäche bewundern, sieht er ein System, das ständig in Bewegung ist. Tscherrig beobachtet im Auftrag der Behörden die Natur im Mattertal. Das Tal erstreckt sich über gut 25 Kilometer von Stalden bis nach Zermatt.
«Von Steinschlag über Gletscher- und Felsabbrüche bis zu Lawinen und Murgängen – hier gibt es viele Naturgefahren, sie gehören zu Bergen dazu», sagt der 59-Jährige. Ist Klaus Tscherrig im Gelände unterwegs, scannt sein Blick die Umgebung: Gibt es frische Einschlagspuren auf dem Wanderweg? Neue Spalten im Eis?
Beobachten, beraten und ein gutes Gespür
Jeden Morgen schaut er sich die Wetterprognosen an. An heissen Tagen prüft er, ob Gewitter angesagt sind: «Hitzewellen kombiniert mit heftigen, oft sehr lokalen Gewittern können zu Murgängen führen. Das beobachten wir genau.»
Klaus Tscherrig kennt das Tal und die heiklen Stellen. Er ist Bergführer und arbeitet in der Bergrettung. Er ist es gewohnt, Situationen schnell einzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen. Das sind wichtige Fähigkeiten für einen Naturgefahrenbeobachter. Droht ein Murgang oder eine andere Naturgefahr, informiert der Beobachter die Behörden und empfiehlt, etwa eine Strasse oder eine Zugstrecke zu sperren.
Ein Ereignis, das Klaus Tscherrig besonders prägte: der Bergsturz von Randa im Jahr 1991. Damals absolvierte Tscherrig seine Ausbildung zum Bergführer und unterstützte die Behörden bei der Überwachung des Hanges. «Ich war einer der Letzten oben auf dem Berg. Es war erschreckend zu sehen, wie sich die Risse innert kurzer Zeit von weniger Zentimetern auf mehrere Meter Breite vergrösserten», erinnert er sich.
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Bild 1 von 4. Drei Felsstürze innert weniger Tage: Im Frühling 1991 brachen 30 Millionen Kubikmeter Gestein oberhalb von Randa ab und donnerten ins Tal. Bildquelle: Keystone/Str.
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Bild 2 von 4. Die Massen verschütteten Häuser und Ställe. Mit viel Glück kam niemand ums Leben. Bildquelle: Keystone/Rene Ritler.
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Bild 3 von 4. Kantonsstrasse und Bahntrassee wurden beschädigt, der Fluss, die Vispa, konnte nicht mehr abfliessen, drohte das ganze Dorf zu überschwemmen. Bildquelle: Keystone/Str.
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Bild 4 von 4. Die Spuren der Katastrophe sind noch immer sichtbar. Seit dem Unglück wird der ganze Berg überwacht und jede Bewegung registriert. Bildquelle: SRF/Sabine Steiner.
30 Millionen Kubikmeter Gestein donnerten kurz darauf ins Tal. Damals waren die Mittel für die Überwachung noch beschränkt. In den letzten 35 Jahren hat sich insbesondere die Technik stark verbessert. Heute überwachen technische Systeme permanent besonders heikle und gefährliche Stellen. Radargeräte scannen etwa die Bewegungen von Gletschern – und liefern die Ergebnisse direkt aufs Smartphone des Beobachters.
«Diese Mess- und Alarmsysteme sind wichtig. Aber auch die beste Technik stösst an ihre Grenzen», ist Tscherrig überzeugt. Was der Maschine fehlt, ist das menschliche Gespür.
Bergsturz Blatten: Wichtiger Hinweis von einem Beobachter
«Ein Radar scannt nur einen Hang, wir Beobachter haben die Gesamtschau. Wir kennen die Hänge des Tals, ihre Geschichten und Besonderheiten.» Als Naturgefahrenbeobachter wisse er: Nicht jede Bewegung eines Hanges führe zwangsläufig zu einer Katastrophe.
Wie wichtig der Faktor Mensch bei der Überwachung der Berge ist, zeige der Bergsturz von Blatten: Ein Lötschentaler Naturgefahrenbeobachter entdeckte im Mai 2025 einen Murgang am kleinen Nesthorn und meldete dies den Behörden. Daraufhin wurde der Berg technisch überwacht. Wenige Wochen später wurde das Dorf evakuiert, bevor ein Berg- und Gletschersturz Blatten zerstörte.
Ein Radar scannt nur einen Hang. Wir aber haben die Gesamtschau.
Für Naturgefahrenbeobachter Klaus Tscherrig ist klar: Es braucht beide, Technik und Mensch. Aber trotz aller Überwachung und Messsysteme lasse sich die Natur nicht vollständig kontrollieren. «Wir haben oft das Gefühl, alles im Griff zu haben, aber die Tatsache ist: Die Natur sagt uns, was läuft. Nicht umgekehrt.»