Zum Inhalt springen

Header

Audio
Positive Bilanz für Kohäsionszahlungen
Aus Echo der Zeit vom 20.01.2020.
abspielen. Laufzeit 09:49 Minuten.
Inhalt

Bilanz zur Kohäsionsmilliarde Weckruf für bulgarische Bauern – mit Schweizer Hilfe

Der Bund zieht eine positive Bilanz zu Projekten, die mit Schweizer Geld im Osten realisiert wurden. Wir haben eines besucht.

Sie schaut so unschuldig, lässt die Glocke bimmeln – die weisse Kuh sieht lammfromm aus. «Das täuscht», sagt Bauer Nicolas Kulov. Die Kuh durfte frei herumlaufen, wie alle. «Doch dann begann sie, den Bauern Gemüse wegzufressen – und andere machten es ihr nach, die mögen lieber Gemüse als Gras.»

Jetzt trotten die frechen Kühe und Rinder durch ein grosses Gehege, sind sozusagen in Haft, wie es der Bauer sagt – bis sie vergessen, wie gut Gemüse schmeckt. Damit ist schon einiges erzählt über Vasil Levski – ein Dorf in Bulgarien, dort, wo das Balkangebirge der weiten Ebene jäh den Atem nimmt.

Das Dorf Vasil Levski vor dem Balkan-Gebirge in Bulgarien.
Legende: Das Dorf Vasil Levski vor dem Balkangebirge in Bulgarien. Sarah Nowotny/SRF

Hier, auf dem Hof der Familie Kulov, ist alles Bio, ganz ohne Bescheinigung. Die Tiere laufen frei herum, fressen, was wächst, geben dicke Milch.

Bis vor kurzem habe ich jedes Jahr nur Verlust gemacht.
Autor: Nicolas KulovBulgarischer Bauer

Stiere, Kühe, Schafe, Ziegen und Pferde hat Bauer Kulov, fast alles alte bulgarische Rassen. Futter pflanzt er selbst an, sein Hof ist ziemlich gross nach bulgarischen Massstäben. «Und trotzdem», erzählt der Bauer neben seiner Melkmaschine – Occasion aus Deutschland –, «trotzdem habe ich bis vor kurzem jedes Jahr nur Verlust gemacht.»

Bund zieht positive Bilanz

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Vor 14 Jahren sprach sich die Schweizer Stimmbevölkerung dafür aus, sich an den Kosten für die EU-Osterweiterung zu beteiligen – die sogenannte Kohäsionsmilliarde zu Gunsten der neuen EU-Mitgliedstaaten. 2009 wurden weitere Millionen für Rumänien und Bulgarien gesprochen, die später der EU beitraten. Ende letzten Jahres gingen die Projekte zu Ende.

Während den zehn Jahren hat die Schweiz Bulgarien und Rumänien mit einem Betrag von 257 Millionen Franken unterstützt. Damit habe sie einen Beitrag zum Abbau wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheiten in Europa und innerhalb dieser beiden Länder geleistet, sagten die Verantwortlichen des Bundes vor den Medien in Bern. Die Resultate aus den 93 Projekten seien zufriedenstellend.

Bis vor wenigen Jahren galten in Bulgarien Gesetze aus der Zeit der riesigen, kommunistischen Landwirtschaftsbetriebe. Bauern durften ihre Milch, ihr Fleisch nicht selbst verarbeiten, mussten alles zu tiefen Preisen an grosse Sennereien und Schlachthöfe verkaufen.

Kulovs Büffel, eingezäunt in einem grosszüzigen Gehege.
Legende: Kulovs Büffel, eingezäunt in einem grosszügigen Gehege. Nach dem Ausflug der frechen Kuh sind auch sie auf kaltem Gemüse-Entzug. Sarah Nowotny/SRF

Dann kam die Schweiz, und zwar gründlich. Über vier Millionen Franken steckte der Bund in ein Vorhaben mit dem Namen «Für den Balkan und die Leute». Zuerst lud man bulgarische Beamte in die Schweiz ein und zeigte ihnen, wie Bauern hier wirtschaften. Die Schweizer Überzeugungsarbeit wirkte, die Bulgaren schrieben ihre Gesetze um. Bauern dürfen nun selbst verarbeiten und verkaufen.

Dann half die Schweiz fast 50 Bauern beim Bauen eigener Sennereien. Und überredete das Landwirtschaftsministerium in der Hauptstadt Sofia, jede Woche vor seinem Prachtsbau einen Bauernmarkt zuzulassen – auch dafür gab es ein bisschen Geld.

Eine reine Erfolgsgeschichte?

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Das Beispiel des Bauern Kulov ist ein Projekt, das bleibt, auch wenn die Schweiz mal nicht mehr zahlt. Doch ist es sinnbildlich für alle Schweizer Projekte in Bulgarien? Pauschal lasse sich das nicht sagen, so SRF-Osteuropa-Korrespondentin Sarah Nowotny: «Es stimmt aber, dass die Schweiz in Bulgarien einiges richtig gemacht hat.»

Die Schweiz habe im Land etwa erfolgreich für das Modell der dualen Berufsbildung geworben. Allerdings: Der Bund gibt an, dass es bei jedem vierten Projekt Probleme gegeben habe. «Diese reichen von Abbruch bis Verzögerung.» Bei einem Helikopter-Notfalldienst sei beispielsweise erkannt worden, dass sich das Projekt weder praktisch noch administrativ umsetzen lasse. Solche Schwierigkeiten seien oft fehlendem Know-how geschuldet – gerade in Provinz abseits der Hauptstadt Sofia.

Für Nowotny ist insgesamt aber klar: Bulgarien ist eines der Länder der östlichen EU, das Unterstützung nötig hat. Doch im Land grassiert auch die Korruption. Wie kann die Schweiz verhindern, dass ihr Geld versickert? Diesbezüglich mache sie einiges besser als etwa die EU, sagt Nowotny: «Sie behält die Projekte in ihrer Hand, von A bis Z. So hat sie jederzeit die Kontrolle über Geldflüsse.»

In der kleinen Sennerei der Familie Kulov ziehen wir Plastikhüllen über die Schuhe – hier soll alles sauber sein. Nicolas' Frau Tanya Kulov zeigt die Joghurtmaschine, die Wanne, in der sie Käse macht. Und entschuldigt sich für die Unordnung. Sie habe wenig Zeit, gleich fahre der Lieferwagen ab zum Bauernmarkt in Sofia.

Die Sennerei der Familie Kulov, mitfinanziert von der Schweiz:
Legende: Die Sennerei der Familie Kulov, mitfinanziert von der Schweiz: Nicolas und seine Frau Tanya gehören zu den bulgarischen Bauern, die von der Starthilfe profitieren konnten. Sarah Nowotny/SRF

Etwas will Nicolas Kulov aber noch sagen vor der Abfahrt: «Heute weiss ich, dass man in Bulgarien von Landwirtschaft leben kann.» Dass man dabei sogar alte Rassen erhalten, die Natur schützen könne. Und, dass der Sohn den Hof einmal übernehmen werde.

Die Sennerei der Familie Kulov
Legende: Das lachsrote Häuschen steht an der Durchgangsstrasse, das Schweizer Wappen auf einem Plakat gross im Vorgarten. 25'000 Franken hat die Anlage gekostet, die Hälfte des Geldes kommt aus der Schweiz. Sarah Nowotny/SRF

Stoilko Apostolov ist der Mann, der das Vorhaben der Schweiz in Bulgarien in die Tat umsetzt. Oft, sagt er, brauchten die Bauern Mut dringender als Geld. «Viele Bulgarinnen und Bulgaren sind es nicht gewohnt, Dinge anzupacken, zu verändern, sich zu diesem Zweck zusammenzutun.»

Zu lange sei immer über ihre Köpfe hinweg entschieden worden. Es gebe in Bulgarien keine lokale Politik, niemand engagiere sich für die kleinen Leute.

Bauernmark
Legende: Der Bauernmarkt vor dem Landwirtschaftsministerium in Sofia, initiiert von der Schweiz. Sarah Nowotny/SRF

Ein elegant gekleideter Herr mischt sich ein, die Plastiktüten voll Büffelmilch. «Es ist doch nicht normal, dass die Schweiz bezahlt für diesen Markt, das müsste doch das bulgarische Ministerium tun. Was ist das hier bloss für ein Land?»

Ein Land, findet Stoilko Apostolov, dessen Bauern aufgewacht seien, jetzt selbständiger arbeiteten. Fortan ohne die Schweiz. Aber auch dank der Schweiz.

Video
Positive Bilanz zu Kohäsionsprojekten in Bulgarien und Rumänien
Aus Tagesschau vom 20.01.2020.
abspielen
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von kurt trionfini  (kt)
    Da ist SRF immer wieder mal für eine Ueberaschung gut: Hintergrundinformationen jenseits von Tagesaktualitäten. Wenn es gar Good News sein dürfen- Tant mieux! Wenn ich lese, dass jedes vierte Projekt in die Hosen ging, dann ist das Glas mehr als halbvoll: Dann ist Journalismus mehr als distanzlose Hofberichterstattung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    Schön und gut, nur würde nicht nur mehr Geld am Ziel eintreffen ohne die unsägliche EU-Bürokratie, CH selber hätte auch weit bessere Kontrolle über Verwendung dieser Gelder, und es müssten keine EU-politischen Massnahmen für "europäische Integration" und dergleichen mitfinanziert werden, ohne die kein Projekt durch EU Bürokratie geht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Toni Koller  (Tonik)
      Können Sie ansatzweise aufzeigen, inwiefern die behauptete „EU-Bürokratie“ die Verwendung von Schweizer Hilfsgeldern bremst? Danke für konkrete Hinweise! Sollte niemand solche liefern, muss man bei den EU-Kritikern leider ideologische Voreingenommenheit vermuten.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von kurt trionfini  (kt)
      Herr Zehner: Da haben Sie etwas im obigen Beitrag übersehen: "Wie kann die Schweiz verhindern, dass ihr Geld versickert? Diesbezüglich mache sie einiges besser als etwa die EU, sagt Nowotny: «Sie behält die Projekte in ihrer Hand, von A bis Z. So hat sie jederzeit die Kontrolle über Geldflüsse".
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Pierre De Laval  (Petros74)
    Da sieht man mal wie „nett“ und immer hilfsbereit die Schweiz ist - absolut freiwillig und fast uneigennützig ( klar hilft es einem selber immer auch wenn man anderen hilft - aber das ist kein Egoismus)

    Umso mehr dürfte die EU uns mit mehr Respekt behandeln - diese Milliarden sind nämlich absolut uneigennützig und nicht wie viele denken das Eintrittsgeld in die EU - denn es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis das Medien gerne leugnen: das CH-Volk will mehrheitlich gar nicht in die EU!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Michel Künzli  (Mige)
      Uneigennützig ist das nicht. Das sind dann die Leute die eine Arbeit haben von der sie leben können. Die kommen dann auch nicht in die Schweiz und beziehen vielleicht dann mal Sozialgeld.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Toni Koller  (Tonik)
      Dass das CH-Volk mehrheitlich nicht in die EU will, ist kein „offenes Geheimnis“, sondern eine altbekannte Tatsache (leider, muss ich beifügen). Und: Welches Medium hat diese Tatsache je „geleugnet“? Beispiele und Zitate bitte!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Petros74. Haben sie den Beitrag überhaupt mitbekommen, oder ziehen sie einfach beim Stichwort EU los? Da wird auch beschrieben, wie nützlich es schlussendlich auch für den Export ist.....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen

Mehr aus SchweizLandingpage öffnen

Nach links scrollen Nach rechts scrollen