Beim Bergsturz von Blatten VS verloren vor einem Jahr über 300 Menschen innert kürzester Zeit ihr Zuhause. Der Umwelt-Historiker Christian Rohr erklärt, warum es noch viel schlimmer hätte kommen können und wo ein Wiederaufbau des Dorfes Sinn ergibt.
SRF: Im Zusammenhang mit dem Bergsturz von Blatten wird oft das Wort Jahrtausendereignis verwendet. Was halten Sie von diesem Begriff?
Christian Rohr: Gerade bei Bergstürzen ist dieser Begriff etwas schwierig. Denn naturwissenschaftlich ist es schwierig zu beweisen, dass ein solches Ereignis nur einmal in tausend Jahren vorkommt. Aber die Verwendung dieses Begriffs zeigt, dass die Menschen dieses Ereignis als sehr aussergewöhnlich wahrnehmen, dass sie damit sozusagen die «Unsagbarkeit» dieses Bergsturzes ausdrücken.
Welches Etikett würden Sie dem Bergsturz denn geben?
Von der Dimension her ist es ein extrem aussergewöhnliches Ereignis. Aber das Worst-Case-Szenario, von dem man oft hört, ist aus meiner Sicht nicht ganz gegeben.
Ein Todesopfer ist eine relativ geringe Zahl – gemessen an der Dimension des Bergsturzes.
Es gab Warnungen und vorgängige Evakuierungen. Und gemessen an der Dimension des Bergsturzes ist ein Todesopfer eine relativ geringe Zahl. Angenommen, der Berg wäre unvorhergesehen in einer Nacht heruntergekommen, dann hätten wir ganz andere Opferzahlen gehabt.
Sie beschäftigen sich schon lange mit Naturkatastrophen. Was ist aus wissenschaftlicher Sicht das Interessante am Bergsturz von Blatten?
Einerseits geben einem solch aussergewöhnliche Ereignisse immer neue Vergleichsmöglichkeiten mit früheren Katastrophen. Andererseits gibt es hier mit dem Auftauen des Permafrosts auch einen durch den Klimawandel beeinflussten Aspekt. Und das Dritte sind die Reaktionen der Menschen und was sie über ihre Identität aussagen, daraus kann man viel über das Verhalten der Menschen lernen.
Für die Walliser Behörden ist klar: Blatten soll wieder aufgebaut werden. In der übrigen Schweiz wird diese Frage etwas kontroverser diskutiert. Viele fragen sich, ob das überhaupt Sinn ergibt. Überrascht Sie das?
In der Region selbst ist das Bewusstsein für die Traditionen und die Verwurzelung der Menschen mit ihrem Tal natürlich grösser als weiter weg. Allerdings muss man sich als Historiker schon die Frage stellen: Wo möchte man dieses neue Blatten ansiedeln? Und: Wollen die Leute überhaupt so nahe am Bergsturz wohnen und ihn täglich als Wunde erleben? Denn: Es wird noch viele Jahrzehnte brauchen, bis diese Wunde in der Natur vernarbt ist.
Was lehrt uns die Geschichte? Sollte ein Wiederaufbau so schnell wie möglich passieren?
Klar ist, dass die Betroffenen selbst möglichst schnell ein neues Zuhause erhalten sollten. Wichtig ist auch, dass die soziale Dorfgemeinschaft wiederhergestellt wird. Diese Menschen waren zusammen in Vereinen wie Blasmusiken oder Fussballklubs. Eine andere Frage ist: Wo passiert der Wiederaufbau? Da spielen sehr viele Faktoren rein.
Das Gespräch führte Sabine Steiner.