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Boom der Rüstungsindustrie Rheinmetall-CEO: «Wir sind im Ausland kein verlässlicher Partner»

Die Nachfrage nach seinen Luftabwehrsystemen sei weltweit explodiert, sagt Rheinmetall-CEO Oliver Dürr im «Club».

Oliver Dürr

CEO Rheinmetall Air Defence

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Der Ostschweizer Oliver Dürr ist seit fünf Jahren CEO der Rheinmetall-Sparte Air Defence.

Rheinmetall ist das europäische Rüstungsunternehmen mit der grössten Präsenz in der Schweiz. Der Konzern produziert hier unter anderem Munition sowie Flugabwehr- und Radarsysteme. In den vergangenen fünf Jahren hat das Unternehmen den Personalbestand hier fast verdoppelt auf rund 2000 Mitarbeitende. Wichtigster Standort ist in Zürich-Oerlikon.

SRF News: Sie sagen, die Marktsituation versetzt Sie in eine glückliche Lage. Die Flugabwehr erlebt durch den Einsatz von Drohnen eine Renaissance. Aber Sie profitieren vom Krieg und auch von der Angst vor einem Krieg.

Oliver Dürr: Ja, für das Geschäft ist es eine glückliche Lage. Aber wir sehen unsere Aufgabe im Schutz der Truppe und der Bevölkerung.  
 
Aber es gibt ja nicht gute und schlechte Waffen.
  

Doch, ich würde sagen: Eine Waffe, die schützt, die abwehrt, ist für mich eine Okay-Waffe.  
 
Sie waren zeitweise weg. Weshalb sind Sie in die Rüstungsindustrie zurückgekehrt? Ist das auch eine Gewissensfrage?

Ja, das ist natürlich so. Trotzdem bin ich der Überzeugung: Wir arbeiten für jemanden, der sein Land verteidigt, der seine Truppe schützt. Das ist für mich eine sinnstiftende Aufgabe. 

Sehen Sie sich als CEO von Rheinmetall Air Defence als Teil einer westlichen Wertegemeinschaft oder verkaufen Sie einfach dorthin, wo Sie können?

Es ist nicht an uns, diese Werte zu beurteilen. Die Politik gibt den Rahmen vor, oder bei uns das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass die Politik uns die richtigen Rahmenbedingungen gibt.

Die Rüstungsindustrie boomt

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2025 exportierte die Schweiz Kriegsmaterial im Wert von rund 948 Mio. Franken – und erreichte damit fast den Rekordwert von 2022. Der grösste Teil ging nach Europa, mit Deutschland auf Platz eins. Wichtigste Exportgüter sind Munition sowie gepanzerte Fahrzeuge.

Die Branche boomt seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs europaweit. Davon profitieren grosse Konzerne wie BAE Systems, Rheinmetall, Leonardo und Thales. Rheinmetall steigerte seinen Umsatz 2024 um rund 80 Prozent gegenüber der Zeit vor dem Krieg. Das zeigt sich auch an der Börse: Seit 2022 stieg die Rheinmetall-Aktie von 100 auf rund 1700 Euro – ein Plus von rund 1600 Prozent.

Der Bundesrat hat kürzlich die Armeebotschaft 2026 verabschiedet. Bei der Luftverteidigung soll mit Krediten in Milliardenhöhe nachgerüstet werden. Unter anderem will der Bundesrat ein Luftabwehrsystem kurzer Reichweite von der Rheinmetall Air Defence beschaffen, Kostenpunkt: 800 Millionen Franken.

Die Schweizer Rüstungsindustrie hat in den letzten Jahren Rekordumsätze geschrieben. Und doch hört man immer wieder, sie stehe unter Druck. Wie passt das zusammen?

Wir haben folgendes Problem: Sobald wir nicht exportieren können, können wir in der Schweiz nur produzieren. Eines ist klar: Wenn das Kriegsmaterialgesetz nicht geändert wird, dann haben wir ein Thema. Es macht dann auch keinen Sinn mehr, da mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

Panzerfahrzeug mit Tarnmuster vor Glasgebäude.
Legende: Das Flugabwehrsystem Skyranger von Rheinmetall wird unter anderem in der Schweiz hergestellt. KEYSTONE/DPA/Sebastian Gollnow

Wollen Sie damit die Politik unter Druck setzen, wenn Sie sagen, ohne Lockerungen wandern wir ab?

Es ist keine Erpressung, sondern ein Aufzeigen von Folgen. Mir tut fast am meisten weh, dass wir im Ausland nicht mehr als verlässlicher Partner angesehen werden. Das ist eigentlich mein grösstes Problem.

Nach heutiger Lesung des Kriegsmaterialgesetzes in der Schweiz sind wir nicht einmal in der Lage, Ersatzteile zu liefern, wenn ein Land in einem Konflikt ist.

Heisst das, dass Sie noch mehr auslagern ausserhalb der Schweiz?

Es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Wenn wir diese Streitkräfte bedienen wollen, und da reden wir jetzt nur von Nato-Ländern, dann gibt es Länder, die sagen, wir müssen das Kriegsmaterial in der Not weitergeben oder Ersatzteile kaufen können. Nach heutiger Lesung des Kriegsmaterialgesetzes in der Schweiz sind wir nicht einmal in der Lage, Ersatzteile zu liefern, wenn ein Land in einem Konflikt ist. Das akzeptiert kein Land, und darum braucht es eine Anpassung.

Ist es denn mittlerweile so, dass man sagt: keine Waffen aus der Schweiz?

Wir haben zwei Kunden, die wegen dieser Situation explizit den Vertrag nicht mit Zürich machen wollten, obwohl sie unsere Stammkunden sind.

Darum geht es beim Kriegsmaterialgesetz

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Momentan gilt in der Schweiz ein vergleichsweise restriktives Kriegsmaterialgesetz: Exporte sind verboten in Länder, die in bewaffnete Konflikte verwickelt sind, sowie an Staaten mit Menschenrechtsproblemen.

Im Dezember 2025 hat das Parlament eine Lockerung beschlossen. Künftig sollen Lieferungen an 25 westliche Staaten auch im Konfliktfall möglich sein. Der Bundesrat kann allerdings ein Veto einlegen, wenn er die Interessen der Schweiz in Bezug auf die Neutralität oder die Aussenpolitik gefährdet sieht. Auch die Wiederausfuhr von Schweizer Waffen wird gelockert.

Gegen die Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes wurde ein Referendum ergriffen – getragen von SP, Grünen, EVP und NGOs. Die Schweiz stimmt voraussichtlich im Herbst 2026 darüber ab.

Die sicherheitspolitische Lage und das Sicherheitsgefühl der Menschen haben sich verändert. Was heisst das konkret für Ihre Industrie?

Es hat sich in dem Sinne gewandelt, dass wir vom nicht salonfähigen Auftritt zu den Superstars geworden sind. Ich glaube, der Mensch ist sich bewusst geworden, dass es wieder Konflikte geben kann, die in der Nähe sind. Es hat ja immer Konflikte gegeben, und wir haben immer mit diesen Konflikten zu tun gehabt. Es hat einfach nicht so viele Menschen interessiert, weil es weit weg war. Die Menschen sind jetzt sensibilisierter. In der Schweiz noch nicht so ganz, stelle ich fest, aber im näherliegenden Ausland hat ein unheimlicher Wandel stattgefunden. 

Das Interview führte Barbara Lüthi.

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Club, 31.3.2026, 22.25 Uhr ; 

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