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Boom in St. Gallen Kokain-Konsum innert fünf Jahren beinahe vervierfacht

Eine europäische Abwasser-Studie zeigt: Nur in Zürich und Barcelona wird an Wochenenden mehr gekokst als in St. Gallen.

Legende: Video Kokain-Paradies: Schweizer schnupfen rekordverdächtig viel abspielen. Laufzeit 10:16 Minuten.
Aus Rundschau vom 28.03.2018.

Schweizer Städte gehören europaweit zu den Spitzenreitern beim Kokainkonsum am Wochenende: Nicht nur in Zürich, auch in St. Gallen wird besonders viel gekokst. Hier verdoppelte sich im Abwasser die Menge der Koks-Rückstände innert Jahresfrist. Das zeigt eine Studie der Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, die in 56 europäischen Städten Abwasser untersuchen liess.

Keine klare Erklärung

Eindeutige Ursachen für diesen massiven Anstieg des Kokainkonsums in St. Gallen kann Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe, nicht erkennen. Männer zwischen 25 und 35 Jahren konsumierten die Aufputschdroge wohl am häufigsten, und die seien in St. Gallen sicher gut vertreten: «Wir haben eine HSG, wir haben Clubs und Bars. Da haben wir sicher auch eine Kundschaft, die sich einerseits diese Droge leisten kann und sie auch als Funktion leistungssteigernd einsetzt.»

Die psychologische Beratungsstelle der Hochschule St.Gallen allerdings teilt der Rundschau mit: An der Hochschule sei keine Drogenproblematik bekannt.

Person von unten fotografiert schnupft Kokain ab einer Glasplatte.
Legende: Männer zwischen 25 und 35 Jahren konsumierten die Aufputschdroge wohl am meisten, sagt ein Fachmann. Keystone

«Überall in der Stadt gibt’s Kokain»

Szenenkenner Dani (Name von der Redaktion geändert), ein langjähriger Kokainkonsument, bestätigen die wachsende Nachfrage nach Kokain in der Stadt: «Es ist wie ein Hype- eine Modedroge. Es wollen einfach alle. Die Menge ist da. Es hat immer und überall Kokain da in St. Gallen.»

Der Kokainkonsum findet auch in den Clubs und Bars von St. Gallen statt. Dionys Meier, Geschäftsführer der Affekt-Bar kämpft mit Türstehern und einer Nulltoleranz-Doktrin gegen den Konsum in seinem Lokal. Doch auch Meier muss eingestehen: «Bei uns wird zu jeder Zeit und in jeder Altersklasse Kokain konsumiert. Am Wochenende mehr, aber auch unter der Woche.» Ganz nach dem Motto: «Not macht erfinderisch» versuchen die Bar-Betreiber mit Antirutschklebeband auf Abdeckungen in den Toiletten den Gästen das Schnupfen zu erschweren.

Zur Volksdroge geworden

Kokain ist nach Cannabis in der Schweiz die meist konsumierte Droge. Der Preis von Kokain ist in den vergangenen Jahren stark gesunken. Heute koste ein Gramm Koks noch rund 100 Franken. Damit sei das weisse Pulver zu einer Art «Volksdroge» geworden, glaubt Niggli. «Es ist nicht mehr so exklusiv, wie vor 10 oder 15 Jahren. Der Kokainkonsum ist auf den ersten Blick nicht sichtbar, wenn sie durch die Stadt laufen oder in die Clubs gehen, sehen sie es nicht sofort. Aber wenn sie bewusst einen Verkäufer suchen, finden sie diesen sehr einfach.»

Mehr Prävention nötig

Gerade aufgrund der steigenden Konsumzahlen muss die Prävention nun forciert werden, ist man sich bei der Suchthilfe einig. Jürg Niggli fordert deshalb, mehr Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen des Kokainkonsums: Nur so könne jemand entscheiden, ob er sich auf die Droge einlassen wolle oder nicht.

Abgabe an Süchtige kaum zielführend

Der Idee einer kontrollierten Kokain-Abgabe an Süchtige, wie sie Bundesrat Ignazio Cassis vor einigen Monaten vorgeschlagen hat, wird bei den Szenekennern in St. Gallen abgelehnt Selbst der Kokainkonsument Dani* findet das keine gute Idee: «Bei Kokain will man immer mehr. Wenn jemand vom Staat eine gewisse Menge kriegt, diese aber nicht genügt, gehe dieser Kokssüchtige irgendwo anders seine Ration holen bis er genügend hat. Die Folge: Eine weitere Steigerung des Konsums.»

(* Name von der Redaktion geändert)

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Und man fragt sich, warum so viele Autounfälle passieren, weil die Fahrer nicht mehr wissen auf welcher Strassenseite sie fahren sollten. Die Geister die man rief, wird man nicht mehr los.
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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Schnee war bereits in den 20er Jahren in. Ein Revival? Ich habe mich jedenfalls erinnert, mal einen guten, allseits beleuchtenden und nicht vorverurteilenden Artikel zum Thema gelesen zu haben. Ich habe ihn wieder ausgegraben: https://goo.gl/QSjsS1 - Er ist recht lang, aber lesenswert.
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  • Kommentar von Peter Holzer (Peter Holzer)
    Wer sich mit den verschiedenen Drogen und die Szene rumd um diese etwas auskennt, weiss warum Kokain eher „toleriert“ wird. Süchtige die es sich (noch) leisten können sauberes Kokain zu kaufen fallen kaum auf. Sie erscheinen Anfangs als extrem leistungsfähig, gut gelaunt und energiegeladen, also genau das was man in der heutigen Arbeitswelt sehen möchte. Das mag über Jahre gut funktionieren, aber das Burnout und der soziale Abstieg (und Kosten) werden unweigerlich folgen!
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