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Kuriosum am Inselspital Bern: Patienten bringen Material mit
Aus Espresso vom 09.01.2018.
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Bring it yourself Kuriosum am Inselspital: Patienten bringen Verbandsmaterial mit

Der Patient erhält das medizinische Material von einer Firma nach Hause geschickt. Und bringt es in die Behandlung mit.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Wer im Berner Inselspital in die ambulante Wundbehandlung muss, erhält das Verbandsmaterial in gewissen Fällen von einer externen Firma heimgeschickt. Und zwar in grossen Mengen.
  • Patienten müssen das medizinische Zubehör selber in die Behandlung mitbringen.
  • Das Spital begründet dies mit der zu aufwändigen Lagerhaltung und mit dem Kampf gegen die Materialverschwendung des Personals.
  • Verschwendung ist allerdings eher der Versand des Verbandmaterials. Ein Patient vom Inselspital wird buchstäblich mit Wundversorgungs-Material überschwemmt.

Der Berner Paul Baumgartner musste sich im September einer grösseren Darmoperation unterziehen. Nach sieben Tagen Spitalaufenthalt wurde er entlassen, musste danach aber noch während mehreren Wochen zwei Mal wöchentlich in die ambulante Wund- und Stomaberatung des Inselspitals.

Patienten werden zum medizinischen «Lager»

Was ihn verblüffte: Wenige Tage nach Spitalaustritt lag ein Paket einer externen Firma mit medizinischem Material im Briefkasten. Darin waren sterile Kompressen, Schere, Pinzetten, Wundreinigungslösung, Folienverband, Einmalspritzen, Pflasterentfernungsspray, Kanülen und mehr. Der Wert des Pakets: 350 Franken. Bestellt wurde es vom Inselspital. Dieses Material müsse er jeweils selber in die Wundbehandlung mitbringen, hiess es.

«Personal verschwendet Material»

Paul Baumgartner fand das Vorgehen eher eigenartig: «Das ist ja so, wie wenn ich in ein Restaurant gehe und das Fleisch und das Gemüse selber mitbringen muss, das dort dann gekocht wird.» Aber auch die Begründung der Fachperson fand er seltsam: Man könne nicht mehr alles im Spital an Lager haben, zudem würde das Personal das Material verschwenden, wenn zuviel davon im Haus wäre, hiess es von der zuständigen Person.

Paket folgt auf Paket

Die Fragezeichen von Paul Baumgartner wurden noch grösser, als in den nächsten drei Wochen vier weitere Pakete mit Verbandsmaterial eintrafen. «Das vierte Paket habe ich schon gar nicht mehr geöffnet: Ich hatte schon so viel Material im Haus, dass es bis im Frühling gereicht hätte.» Baumgartner lacht und meint: «Ich könnte mittlerweile einen kleinen Materialhandel aufziehen.»

Doch bei allem Humor: Für Paul Baumgartner ist das pure Verschwendung – auf Kosten der Prämienzahler. Zwei Drittel des Materials blieb ungeöffnet liegen. Und hätte die externe Firma auf sein Drängen keine frankierten Rücksendeetiketten geschickt, hätte er das Material vermutlich entsorgt.

Begründung: Zielgerichtetere Behandlung

Am Inselspital können die Verantwortlichen die Kritik nachvollziehen. Doch das Vorgehen habe gute Gründe: In drei Vierteln der Fälle reiche das interne Lager zwar vollständig aus. Doch in manchen Fällen wolle man den Patienten spezielles Wundbehandlungszubehör zur Verfügung stellen. Zudem habe so auch die Spitex beim Patienten Zuhause Zugriff auf das Material.

Doch so speziell wie das Inselspital dies darstelle, sei das meiste des zugeschickten Verbandsmaterials nicht, sagen mehrere Ärzte auf Anfrage des SRF-Konsumentenmagazins «Espresso».

Auszug aus einer Rechnung.
Legende: Der Patient muss so einiges ins Spital mitbringen (Auszug aus der Rechnung). zvg

Dass Paul Baumgartner von Kompressen, Pinzetten und anderem medizinischen Material regelrecht überschwemmt wurde, sei tatsächlich ein Versehen, räumt das Inselspital ein. Zwar sei die Materialplanung bei offenen Wunden schwierig, da nicht klar sei, wie sich die Situation entwickeln werde. Doch irgendjemand hätte in diesem Fall tatsächlich «Stopp» sagen müssen, sagt die Verantwortliche.

Nicht branchenüblich

Eine nicht repräsentative Umfrage des SRF-Konsumentenmagazins «Espresso» bei anderen grossen Spitälern in Zürich, Basel, St. Gallen und Baden zeigt, dass das Vorgehen kein Branchenstandard ist. Selbstverständlich müssten die Patienten ihr Verbandsmaterial nicht in die Wundberatung mitnehmen, heisst es auf Anfrage. Der Zusatzaufwand, das Material für den Patienten zu lagern und für die Behandlung bereitzustellen, gehöre zu einer guten Dienstleistung dazu.

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42 Kommentare

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  • Kommentar von H. (männlich) Hostettler  (Ich bin's)
    Die Pharmaindustrie verdient ihr Geld an den verkauften Produkten, nicht an denVerbrauchten. Sie kämpft um die Ehrenmitgliedschaft in der Wegwerfgesellschaft.
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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Die Wirtschaft machts vor und prägte den Begriff BYOD (Bring Your Own Device), was meist bedeutet dass der Mitarbeiter den Arbeitsplatzcomputer selbst beistellen muss. Hier gehts ab auf den nächsten Level und der Begriff BYOM (Bring Your Own Mull) kann in den Spitälern Einzug halten. BYOF (Bring Your Own Food) wird endlich mit den veralteten "no Picnic"- Schildern auf den Terrassen der Restaurants aufräumen. ;-))
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  • Kommentar von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
    So sind wir denn in einem der reichsten Länder der Erde nicht mehr weit von dem entfernt, was ich vom britischen NHS hüben und drüben zu hören bekomme von Freunden aus Grossbritannien. Man müsse in gewissen Spitälern die Bettwäsche mitbringen, da jene des Spitals kaum einmal gewechselt werde. Dazu sei man nahezu verloren, wenn man keine Verwandten hat, die einem Essen mitbringen und dafür sorgen, dass das Pflegepersonal seine Aufgabe erfüllt. Mehrfach bestätigt bekommen. Toll, Inselspital!
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