Die Frauenquote wirkt, der Frauenanteil in den Chefetagen steigt. Doch die Wirtschaftsprofessorin Margrit Osterloh sagt: Die Quote ist ein Bumerang und schadet den Frauen. In ihrem neuen Buch fordert die einstige Befürworterin der Quoten ein Umdenken.
SRF News: Frau Osterloh, die Frauenquote wirkt. Der Anteil von Frauen in Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen ist in den letzten Jahren gestiegen. Das ist doch ein Erfolg?
Margrit Osterloh: Quantitativ wirkt die Quote zweifellos, der Frauenanteil hat sich erhöht. Das ist eine erfreuliche Tatsache und hat Dinge in Bewegung gebracht. Die Frage ist aber, wie wir das heute beurteilen, ob es die Quote immer noch braucht.
Sie sagen Nein. In Ihrer neuesten Untersuchung haben Sie festgestellt, dass Frauen in Spitzenpositionen ihre Stelle schneller wechseln als Männer.
Die Daten sind eindeutig: Frauen in Geschäftsleitungen der grössten Unternehmen bleiben im Schnitt nur etwa halb so lang wie Männer in der gleichen Position – also etwa drei bis vier Jahre. Wenn Frauen so viel weniger Erfahrung in einer Position sammeln können, sind sie ständig mit männlichen Kollegen konfrontiert, die ihnen etwas voraushaben. Das ist keine angenehme Situation.
Mit steigender Gleichberechtigung gleichen sich die Präferenzen von Männern und Frauen nicht an, sondern entwickeln sich auseinander.
Woran liegt das?
Ein Grund ist die Quote selbst. Weil Unternehmen die Quote erfüllen müssen, werden Frauen bei anderen Firmen abgeworben. Das führt zu einem «gläsernen Lift»: Frauen werden zwar schnell von aussen befördert, aber intern kommen sie nicht schneller voran. Dort konkurrieren sie mit Männern, die länger im Unternehmen und besser vernetzt sind.
Sie beschreiben eine «Leaky Pipeline»: Von unten rücken zu wenige Frauen nach. Warum?
Früher lag das klar an der Diskriminierung. Heute liegt es wohl eher an den Präferenzen der Frauen selbst. Sie sind zwar ausserordentlich gut ausgebildet, haben aber im Schnitt weniger Führungsaspiration als Männer. Mit steigender Gleichberechtigung gleichen sich die Präferenzen von Männern und Frauen nicht an, sondern entwickeln sich auseinander. Das müssen wir akzeptieren, ob es uns gefällt oder nicht.
Sie sagen, wenn weniger Frauen in Machtpositionen sind, liegt das an den Frauen selbst?
Heutzutage, ja. Wir können das auch in der Glücksforschung sehen: Obwohl Frauen weniger verdienen, weniger Karriere machen und mehr Care-Arbeit leisten, sind sie nicht unglücklicher als Männer. Im Gegenteil, sie haben oft eine höhere Arbeitszufriedenheit. Wir können Frauen nicht vorschreiben, was sie wollen sollen.
Wenn durch die Quote Frauen in Positionen gebracht werden, in denen sie Schwierigkeiten haben, sich zu bewähren, haben wir ein Problem.
Der Wind hat sich gedreht, Diversitätsprogramme werden gestrichen: Wenn man jetzt die Frauenquote abschaffen würde, würde der Frauenanteil vermutlich wieder sinken. Finden Sie das richtig?
Es kann auch sein, dass er gleich bleibt. Wenn aber durch die Quote Frauen in Positionen gebracht werden, in denen sie Schwierigkeiten haben, sich zu bewähren – und das zeigt ja diese verkürzte Verweildauer der Frauen in Führungspositionen –, dann haben wir ein Problem. Dann war das vielleicht ein Parforceritt, der wieder gebremst werden sollte.
Sie werfen sich mit über 80 Jahren mit Elan in eine hochemotionale Debatte. Haben Sie Lust auf Provokation?
Es ist spannender, ein wissenschaftliches Ergebnis zu präsentieren, das überraschend ist. Wenn ich etwas herausbringe, was jeder schon weiss, ist das langweilig. Und in meinem Alter kann mir niemand mehr wirklich an den Karren fahren.
Das Interview ist ein Ausschnitt aus dem Tagesgespräch mit Simone Hulliger.