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René Buholzer, braucht die Schweiz einen eigenen Impfstoff?
Aus Tagesgespräch vom 14.04.2021.
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CEO von Interpharma Braucht die Schweiz einen eigenen Impfstoff, René Buholzer?

Gute und weniger gute Nachrichten wechseln sich in der Pharmabranche momentan fast täglich ab. Auch in der Produktion eines Covid-19-Impfstoffs läuft nicht alles rund. René Buholzer, CEO von Interpharma, spricht im «Tagesgespräch» über die Kritik am Patentschutz und ob eine Impfstoffproduktion in der Schweiz sinnvoll wäre.

René Buholzer

René Buholzer

Geschäftsführer von Interpharma

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Interpharma ist der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz. Der Verein mit Sitz in Basel wurde 1933 gegründet. René Buholzer ist Geschäftsführer von Interpharma.

SRF News: René Buholzer, vor einem Jahr haben Sie gesagt: Vor Frühling 2021 wird es keinen Impfstoff gegen Covid-19 geben. Warum haben selbst Sie sich getäuscht, als Verbandschef der forschenden Pharmaindustrie?

René Buholzer: Ich glaube, ich habe das Potenzial der mRNA-Technologie unterschätzt. Die Technologie wurde zwar vor zehn Jahren entwickelt, bisher wurde aber weder ein Impfstoff noch ein Medikament auf dem Markt zugelassen. Auch die Schnelligkeit, die man mit dieser neuen Technologieplattform erreicht hat, hatte ich nicht auf dem Radar.

Moderna hat zwei Milliarden Dollar investiert, aber 4.2 Milliarden waren öffentliche Gelder der US-Steuerzahler. Es gibt die Forderung, dass die Patente darum auch der Allgemeinheit zugutekommen. Die Pharmaindustrie wehrt sich aber dagegen. Warum?

Bei der Impfstoffentwicklung ging es darum, Geschwindigkeit zu gewinnen. Die staatlichen Gelder wurden vor allem dafür eingesetzt, die Produktion und die Phasen der Forschung parallel zu schalten. Das ist ein enormes Risiko, das private Investoren nicht eingehen würden. Zuerst will man wissen, ob ein Impfstoff funktioniert, bevor dafür eine Produktionsanlage gebaut wird.

Wir konnten einfach nicht schneller Produktionskapazitäten aufbauen.

Zudem sind Patentrechte nicht der Hemmschuh für die grosse Nachfrage an den Covid-19-Impfstoffen. Wenn Sie nur ein Kochrezept haben, aber keine Zutaten und keinen Backofen, nützt Ihnen das auch nichts. Daher ist dies der falsche Punkt, um anzusetzen. Wir konnten einfach nicht schneller Produktionskapazitäten aufbauen.

Aber Unternehmen machen damit Milliardenprofite. Wenn die Patente so nebensächlich sind, könnten sie ja darauf verzichten?

Die Firmen geben diese Sachen zu einem wesentlichen Teil ohne Profit heraus. Man darf nicht vergessen: Wir sprechen nur über die, die auch erfolgreich sind. Wir hatten mehrere hundert Impfstoffkandidaten im Rennen. Als die mRNA-Technologie erfunden wurde, hat man Risikokapital eingesetzt. Dieses hätte es ohne Patentschutz nicht gegeben. Davon konnten wir profitieren.

WTO-Chefin
Legende: Indien und Südafrika haben bei der Welthandelsorganisation den Antrag gestellt, den Patentschutz für Covid-19-Impfstoffe temporär ausgesetzt werden soll. Buholzer findet es wichtig, dass ärmere Länder nicht benachteiligt werden. Aber es gebe bereits Initiativen und Lizenzen, damit auch diese Länder Impfstoffe erhalten oder selber herstellen können. Reuters

In der Schweiz wird für den Impfstoff von Johnson & Johnson geforscht, der hier auch zugelassen ist. Nun wurden Fälle bekannt, bei denen es zu Blutgerinnsel gekommen ist. Ist es ein Glücksfall oder ein Fehler, dass der Bund keine Impfstoffe von J&J gekauft hat?

Ich möchte diese Fälle nicht überbewerten. Trotzdem muss man es ernst nehmen und analysieren. Die Schweizer Impfstoffbeschaffungsstrategie war auf Diversität ausgerichtet. Das war richtig. Es wäre natürlich ein starkes Zeichen gewesen, den Impfstoff, den die Schweiz mitentwickelt hat, der Bevölkerung zugänglich zu machen. Aber man musste diese Entscheide treffen, als man noch nicht wusste, welcher Wirkstoff erfolgreich ist.

Bedauert Interpharma den Entscheid?

Wir wissen, dass uns jeder Tag im Shutdown zwischen 25 und 100 Millionen pro Tag kostet. Da glaube ich, hätte man grosszügiger sein und mehr Risiko auf Impfstoffe setzen können, die vielleicht nicht funktionieren oder die man dann gar nicht benutzt hätte.

Impfstoffdose
Legende: Das Parlament hat im Covid-19-Gesetz verankert, dass auch in der Schweiz Impfstoffe hergestellt werden könnten. Die Umsetzung sei aber schwierig, sagt Buholzer: «Impfstoffe bestehen aus mehreren hundert Komponenten, die an bis zu einem Dutzend Standorten hergestellt werden, bis die Spritze fertig ist.» Keystone

Die Universität Zürich hat 2018 postuliert, die Schweiz müsste im Hinblick auf eine mögliche Pandemie eigenen Impfstoff produzieren können. Hat man zu lange weggeschaut?

Ja, das kann man kollektiv sagen. Wir alle hätten 50 Masken zu Hause haben sollen. Man hat die unangenehme Wahrheit definitiv vor sich hergeschoben. Wichtig ist aber: Das Thema Versorgungssicherheit heisst nicht Selbstversorgung. Impfstoffe sind hochkomplex und können nicht rein national produziert werden. Aber dass man ein grösseres Augenmerk auf die Versorgungssicherheit lenken muss, das wurde völlig klar.

Economiesuisse fordert, dass in der Schweiz mehr Impfstoffe hergestellt werden. Was ist die Haltung von Interpharma?

Für uns steht im Vordergrund, dass wir uns wieder stärker auf den Patienten konzentrieren und den Zugang zu neuen Medikamenten und Therapien schnell zur Verfügung stellen. Da haben wir ein grosses Problem mit der Vergütungspolitik des BAG. Auch in der Digitalisierung müssen wir ganz klar vorankommen. Die Bedeutung von Daten in der Forschung, aber auch in der Prävention und Behandlung ist enorm. Da sind wir leider eher in der Steinzeit als im 21. Jahrhundert. Und wir müssen für offene Märkte sorgen – dafür brauchen wir ein geregeltes Verhältnis mit der EU.

Das Gespräch führte Karoline Arn.

Interpharma offen für Zusammenarbeit mit dem Bund

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«Wir sind offen für eine Kooperation», sagt René Buholzer auf die Frage nach einer Zusammenarbeit mit dem Bund bei der Impfstoffproduktion. «Wir sind fest davon überzeugt, dass man eine Pandemie nur mit gemeinsamem Effort bewältigen kann.» Dafür brauche es einen intensiven Austausch, um auf die raschen Entwicklungen reagieren zu können. Bezüglich möglicher Investitionen des Bundes in eine Impfstoffproduktion sagt Buholzer: «Man muss schauen, in welcher Art und wo das Bedürfnis besteht. Aber ich denke, ein Dialog lohnt sich immer.»

Tagesgespräch, 14.4.2021, 13:00 Uhr;

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Trefzer  (ttre)
    Man stelle sich mal den Aufschrei von Links bis Rechts vor, der durch unser Land gehallt wäre, wenn der Bund Anfangs 2020 CHF 500'000'000.- für die Entwicklung und Herstellung eines CH-Impfstoffs der Pharmabranche zugesprochen hätte....
    1. Antwort von Verena Schär  (Nachdenklich)
      Stellen sie sich vor, dass es in der Schweiz anfangs 2020 zu spät gewesen wäre.
      Ja, das wäre nur zusätzlich verlochtes Geld gewesen.
      Sie wissen schon, dass die Entscheidung keine Impfstoff in der Schweiz herzustellen einige Jahre zurückliegt. Die Basis und die Technik der Impfstoffe gehen mindestens 10 jährige Erfahrungen voraus.
    2. Antwort von Thomas Trefzer  (ttre)
      @ Verena Schär
      Auch wenn der Entscheid gegen eine schweizerische Impfstoffentwicklung damals noch nicht gefallen wäre. Der Aufschrei wäre deutlich hörbar gewesen. Vermutlich würden wir heute alle unter Tinitus leiden ;-).
    3. Antwort von Maurice Piguet  (mpiguet)
      Um eine Impfung herzustellen, gerade eine basierend auf einer neuen Technologie (mRNA), braucht es Jahrzehnte und Milliarden an Grundlagenforschung. Die Schweiz gibt alleine 12 Mrd pro Jahr für Ihre Hochschulen aus. Ein Teil davon geht direkt in die Grundlagenforschung. Ohne diese gäbe es viele neuen Medikamente, Innovationen nicht etc. Das die funktionierenden Innovationen dann schlussendlich bei Privaten landen und sich diese Milliarden abschöpfen, ist ein Skandal. Wir bezahlen doppelt.
  • Kommentar von Thaddeus Keller  (Major Tupperware)
    "Wir wissen, dass uns jeder Tag im Shutdown zwischen 25 und 100 Millionen pro Tag kostet. Da glaube ich, hätte man grosszügiger sein und mehr Risiko auf Impfstoffe setzen können.." auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was Herr Buholzer sagt, da stimme ich mit ihm absolut überein. In solchen Extremsituationen sollten der Staat und die Kanton nicht nur als Krisenverwalter auftreten, sonder sollten aktiv die Entwicklung von technischen Lösungen anstossen und unterstützen können.
  • Kommentar von Verena Schär  (Nachdenklich)
    Nach der Pandemie darf nicht mehr vor der Pandemie sein. Infestierte Steuergelder gehören nicht der Pharma.
    Ganz bestimmt auch nicht den Aktienbesitzer und Spekulanten, die ihre Gewinne ja nicht einmal versteuern müssen.
    Schaut lieber zu, dass die Welt, die Natur und alles was Lebensgrundlage ist in Ordnung gebracht wird. Diese Art von Kapitalismus braucht Viren, kranke Menschen um zu existieren.
    Hört endlich auf die Welt als Spielkasino zu betrachten und zu benutzen.
    Es genügt.