Churchill und Europa – Gedenken an die visionäre Zürcher Rede

Europa lag in Trümmern, als Winston Churchill vor 70 Jahren in Zürich eine denkwürdige Rede hielt. Auch heute noch sind die rhetorische Kraft und die politische Vision seiner Worte bemerkenswert.

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Winston Churchill in Zürich

2:06 min, aus Tagesschau vom 18.9.2016

Als Winston Churchill 1946 in die Schweiz reiste, war er bereits eine Legende. Der Mann, der im Zweiten Weltkrieg Hitler die Stirn geboten und Grossbritannien vor dem Untergang bewahrt hatte. In der Schweiz wurde Churchill wie ein Popstar empfangen. In Genf, Bern und Zürich säumten begeisterte Massen seinen Weg.

In seiner Rede an der Universität Zürich kam er gleich auf den Punkt: Über die europäische Tragödie wolle er sprechen, über die Zerstörung also, die den alten Kontinent heimgesucht hatte. Churchill gab ganz klar Deutschland die Schuld an den beiden Weltkriegen. Deutschland müsse auch bestraft und daran gehindert werden, sich wieder aufzurüsten.

Dann folgte der überraschende Teil der Rede: Frankreich und Deutschland, die beiden Erzfeinde, müssten sich aussöhnen. Nur so könne der Frieden in Europa langfristig gesichert werden. Überraschend war der Vorschlag deshalb, weil Churchill Deutschland einbinden, nicht ausgrenzen wollte.

Winston Churchill spricht am 19. September im Münsterhof in Zürich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Winston Churchill spricht am 19. September im Münsterhof in Zürich. Keystone/Archiv

Und schliesslich formulierte der berühmte Brite seine Vision der europäischen Zukunft: Vereinigte Staaten von Europa schwebten Churchill vor, also eine Vereinigung der europäischen Länder. Und die Aussöhnung mit dem Kriegsgegner Deutschland.

Diese Worte aus dem Mund des berühmten britischen Ex-Premiers hatten damals im kriegsversehrten Europa eine grosse symbolische Kraft, wie Dieter Ruloff sagt, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Zürich. Churchills Rede sei wichtig gewesen, denn sie habe den Menschen eine Perspektive gegeben.

«  Die Leute brauchen immer das, was man Perspektive nennt. Da hat Churchill Entscheidendes geleistet und den Europäern den Weg gewiesen. Das ist gehört worden und hat die Dinge in Gang gesetzt. »

Dieter Ruloff
Emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Zürich

Als Vater der europäischen Einigung kann man Churchill hingegen nicht bezeichnen. Denn er wollte nicht, dass sein Land, Grossbritannien, Teil dieses vereinten Europas wird. Churchill sei eher eine Art Pate Europas gewesen, sagt Churchill-Biograph Thomas Kielinger. Dennoch: Gerade die Tatsache, dass der Brite die Vision eines vereinigten Europas zeichnete, habe der Rede eine spezielle Wirkung gegeben: «Es war eine absolute und zentrale Botschaft für Europa. Dass ein Brite das gemacht hat, aus einem Land, das in der Geschichte immer auf Abstand zu Europa gestanden hat, war besonders bemerkenswert.»

Heute findet an der Universität Zürich ein Jubiläumsanlass zum 70. Jahrestag der Rede Churchills statt. Wo steht Europa heute? Seit dem Entscheid des britischen Volkes, aus der Europäischen Union auszutreten, ist die Krise der EU offensichtlich.

Churchill: «Let Europe arise!»

Trotzdem ist für Politologe Ruloff klar, dass auch heute vom Geiste Churchills profitieren könne, wer dies wolle: «Bei denen, die davon zehren wollen, ist er sicherlich weiterhin vorhanden, als eine der grossen Figuren europäischer Politik.»

Und obwohl Churchill die Rolle Grossbritanniens ausserhalb des vereinigten Europas sah, hielt er 1946 an der Universität Zürich ein flammendes Plädoyer für Europa. Es endete mit den Worten: «Lasst Europa entstehen!» Er erntete dafür stürmischen Applaus.