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Risikogruppe 65+ – Taugt das Alter allein als Kriterium?
Aus Puls vom 27.04.2020.
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Corona-Risikogruppe 65+ Taugt das Alter als einziges Kriterium?

Ob vorbelastet oder nicht: Für den Bund zählen alle ab 65 zu den besonders gefährdeten Personen. Betroffene, aber auch Organisationen stören sich zunehmend daran.

Trotz der Lockerungen des Corona-Regimes Anfang Woche hat sich für Menschen über 65 grundsätzlich nicht viel geändert: Sie zählen weiterhin pauschal zur Risikogruppe der besonders Gefährdeten – egal, ob fit und gesund oder mit einem chronischen Leiden belastet.

Bei den fitten Seniorinnen und Senioren weckt das immer grösseren Unmut. Entsprechende Klagen bekommt Alain Huber, Direktor von Pro Senectute, vermehrt zu hören. Und auf Nachfrage des SRF-Gesundheitsmagazins «Puls» hält er klar fest: Der Jahrgang allein reicht nicht als Kriterium.

«Die Altersgruppe ab 65 ist sehr heterogen. Da gibt es ganz unterschiedlich gesunde und weniger gesunde Seniorinnen und Senioren. Die kann man nicht einfach alle pauschal als Risikogruppe betrachten.»

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«Man sollte jetzt differenziert schauen, wer in die Risikogruppe gehört und nicht einfach pauschal alle ab 65 nehmen.»
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Wer stirbt an Covid-19, wer nicht? Statistisch gesehen ist die Sterblichkeit nach einer Covid-Erkrankung sehr deutlich vom Alter abhängig.

Über 80 klar das grösste Risiko

Berechnet auf jeweils 1 Million Personen gleichen Alters ist die Sterblichkeit bei jungen Menschen zunächst sehr gering. Erst ab 50, eindeutiger noch ab 60 Jahren, steigen die Opferzahlen. Richtig deutlich wird es dann ab 70.

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Legende: SRF/PULS

Eindeutig am gefährlichsten wird Covid-19 aber den Menschen über 80. In dieser Altersklasse treten im Vergleich klar die meisten Todesfälle auf. In absoluten Zahlen waren es bis Anfang Woche 936 Todesfälle, was in der Schweiz knapp 70 Prozent aller Verstorbenen entspricht.

Altersgrenze höher ansetzen

Wenn das Alter pauschal als Risikokriterium herangezogen wird, müsste man die Limite nicht näher bei 80 Jahren ansetzen? Oder ganz vom Alter wegkommen? Denn was auffällt: 97 Prozent der Verstorbenen hatten mindestens eine Vorerkrankung.

Das Geburtsjahr alleine erscheint Altersmedizinerin Gabriela Bieri als wenig taugliche Messgrösse für die Risikobeurteilung: «Die Kombination mit den anderen Faktoren ist wahrscheinlich ausschlaggebender.»

Das Alter könne man aber nicht völlig ausser Acht lassen: «Das Risiko ist bei einem gesunden 80-Jährigen schon grundsätzlich grösser als bei einem gesunden 65-Jährigen.»

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«Das Alter hat schon auch einen Einfluss. Aber die Kombination mit den anderen Faktoren ist wohl ausschlaggebender.»
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Mit einem Umdenken des Bundes bei der Einteilung der Risikogruppen ist zurzeit nicht zu rechnen. So meinte Patrick Mathys, Leiter Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit am BAG, bei der Medienkonferenz vom 20. April: «Über die Altersgrenze 65 lässt sich streiten. Aber ob 64 oder 66 – je älter, desto grösser das Risiko. Also werden wir weiter empfehlen, die Massnahmen konsequent umzusetzen. Und das wird bis auf Weiteres so bleiben.»

Immerhin: Einen Lichtblick haben die Lockerungen von Anfang Woche dieser Altersgruppe doch noch gebracht: Enkel dürfen wieder in die Arme genommen werden – wenn sie jünger sind als 10 und ihre Eltern auf Distanz bleiben.

Fragen und Antworten

Fragen und Antworten

Vier Expertinnen haben im PULS-Chat vom Montag Fragen zum Corona-Risiko 65+ beantwortet. Eine Auswahl der häufigsten Anliegen:

Ich werde im Juni 67 und arbeite noch zwei halbe Tage in einer Schule. Eigentlich fühle ich mich fit und gesund. Ich treibe regelmässig Sport, esse gesund, rauche nicht. Darf ich dieses Pensum ab 11.05.20 wieder ausüben? Und darf ich mit dem ÖV an den Arbeitsort und zurück reisen?

Das Alter von 65 Jahren ist nicht als strikte Grenze zu betrachten. Eine wichtige Rolle in der Risikogruppeneinschätzung spielen z.B. andere Vorerkrankungen. Wenn Sie keine andere Risikofaktoren als Ihr Alter aufweisen, ist eine Ausübung Ihrer Arbeitstätigkeit an einer Schule möglich, da Ihr Alter sehr nahe an der 65-Jahresgrenze liegt. Die Kinder, die jünger als 10 Jahren sind, sind kaum ansteckend. Das Ansteckungsrisiko ist dann eher im Kontakt mit Arbeitskollegen und im ÖV am grössten. Es ist in diesen Situationen wichtig die Schutzregeln vom BAG zu beachten (2 Meter Abstand, regelmässig Hände desindizieren/waschen). Falls Ihre ÖV-Möglichkeiten dies nicht erlauben (z.B. zu dicht), steigt das Ansteckungsrisiko deutlich.

Kennt man den Grund, wieso vor allem Menschen über 65 das grösste Ansteckungsrisiko haben? Könnte das unter Umständen auch mit unserer Lebens- und Ernährungsweise zusammenhängen?

Das Ansteckungsrisiko ist altersabhängig nicht so unterschiedlich – aber das Risiko, aufgrund der Erkrankung mit Covid-19 Komplikationen zu erleiden oder zu versterben.

Ich bin 86 Jahre alt. Habe alle 14 Tage eine Putzfrau. Seit einem Monat habe ich sie nicht kommen lassen. Nächster Mittwoch wäre wieder ihr Termin. Kann ich sie ohne Sorge putzen lassen? Sie ist ungefähr 4 Stunden bei mir. Sie wohnt zusammen mit ihrer Tochter, deren Ehemann und den zwei Kindern zudem ihrem eigenen Ehemann. Die Männer arbeiten auf dem Bau und als Gärtner.

Ihre Putzfrau darf bei Ihnen vorbeikommen, wenn Sie die Vorsichtsmassnahmen einhalten: Ihre Putzfrau soll sich nach Ankunft als erstes die Hände gut waschen oder desinfizieren und Sie sollten während ihrer Anwesenheit immer die zwei Meter Abstand einhalten. So sollte dies möglich sein.

Ich bin 70 Jahre alt und muss keine Medikamente einnehmen. Habe keine Herz- oder Lungenprobleme. Mein Partner hat Herzerkrankung und Krebs. Darf ich nun einkaufen oder nicht?

Noch immer wird Personen mit Risikofaktoren (in Ihrem Fall das Alter) abgeraten, einkaufen zu gehen. Dies umso mehr, als Ihr Partner sich keinesfalls mit Covid-19 anstecken sollte. Wenn Sie es einrichten können: Delegieren Sie das Einkaufen weiterhin.

Ich bin 69 Jahre alt und hatte vor gut 4 Jahren einen Herzinfarkt. Nehme deshalb täglich mehrere Medikamente ein. Es geht mir heute eigentlich besser als vor dem Herzinfarkt. Obwohl ich mich sehr wohl fühle, wundert es mich, wie sich die Einnahme der Medikamente auf das Risiko, mit dem Virus angesteckt zu werden, auswirken. Bin ich wirklich stärker gefährdet als ein Gleichaltriger ohne Herzinfarkt?

Die Medikamente sind nicht der Grund, dass Sie ein erhöhtes Covid-19-Risiko haben. Das ergibt sich aus Ihren angeschlagenen Blutgefässen. Wie sich herausgestellt hat, löst der Virus eine Entzündung der Gefässe aus. Somit haben Sie in der Tat ein höheres Risiko als eine gleichartige Person ohne Gefässschäden. Was aber nicht heisst, dass sie eine Infektion nicht überleben können.

Ein 85 Jahre alter Mann möchte nun mit Maske einkaufen gehen, da es schwierig ist für ihn, alles anderen zu überlassen. Oder wie sind hier die aktuellen Empfehlungen?

Es stehen diverse Hilfsangebote zur Verfügung, sodass er sich nicht dem Risiko einer Ansteckung aussetzen muss. Die Pro Senectute Infoline (058 591 15 15) vermittelt ihn während der Bürozeiten an die Anlaufstelle in seiner Region, Link öffnet in einem neuen Fenster, die sämtliche Unterstützungsangebote kennt. Auf https://www.amigos.ch/de/produkte-gmlu, Link öffnet in einem neuen Fenster finden sich zudem weitere Information zu einem Einkaufs- und kostenlosen Heimlieferdienst für Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Bedarfs ausschliesslich für Menschen, die besonders vor einer Ansteckung geschützt werden müssen.

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«Die meisten Intensivpatienten sind zwischen 50 und 70. Über 80-Jährige wollen häufig nicht einmal ins Spital.» Studiogespräch mit Intensivmediziner Peter Steiger.
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Puls, 27.04.2020, 21:05 Uhr

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Max Baumann  (Ueberwacher)
    Ich kenne rüstige und agile 80-zig jährige und Greise mit 50-zig. Also hört endlich auf mit dem verallgemeinern !
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  • Kommentar von Ernst Kuhn  (ernkuhn)
    Es gibt kein Leben ohne Risiko. Ältere Leute hatten schon immer ein etwas grösseres Risiko, wenn sie auf die Strasse gingen. Die Zunahme des Risikos ist für Gesunde ist wohl so gering, dass jeder für sich selber eine Entscheidung treffen kann.
    Ziemlich sicher ist bei Covid-19 nicht das Alter, sondern die Vorerkrankungen der Hauptfaktor (mit genauen Daten überprüfbar). Der grösste Teil des Alterseffekts dürfte dadurch entstehen, dass die Vorerkrankungen mit steigendem Alter zunehmen.
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    1. Antwort von Denise Casagrande  (begulide)
      Ernst Kuhn: Tatsache ist, dass das Leben "endlich" ist! Dass naturgegeben, der Mensch ab 60 normaler- und logischerweise, näher dem Lebensende ist, ist unbestritten. Die Leitungsabnahme der Organe, des Immunsystem ist bei älteren Menschen, langsam aber stetig.
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    2. Antwort von Ernst Kuhn  (ernkuhn)
      Frau Casagrande, das stimmt, aber Tatsache ist auch, dass die Leute immer länger fit bleiben.
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  • Kommentar von Hans Fürer  (Hans F.)
    Völlig unverständlich, weshalb das BAG diesen einleuchtenden Überlegungen nicht folgen will und alle Menschen ab 65 Jahren weiterhin in den gleichen Topf wirft, ob gesund oder schwer krank! Ein derartiges Fehlen an gesundem Menschenverstand kann das Verständnis für die Massnahmen wahrlich nicht fördern. BR Berset sollte ein Machtwort sprechen!
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    1. Antwort von Christine Valentin  (Valentinmus)
      Es ist vor allem erstaunlich, dass Daniel Koch, trotz seinen 65 Jahren, weiterhin viel draussen unterwegs ist und nicht brav als Teil der Risikogruppe allein mit seinen Hunden daheim bleibt. Das zeigt von mir aus gesehen, die Absurdität dieser Altersgrenze.
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    2. Antwort von Ernst Kuhn  (ernkuhn)
      Das BAG tat sich bis jetzt immer schwer, von einer einmal geäusserten Vorschrift abzurücken. Der Bundesrat hat heute aber ein grosses Umdenken bewiesen.
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