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Die Viren-Falle Gondel
Aus Rundschau vom 27.01.2021.
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Coronavirus in den Bergen Fenster auf! Sonst werden Gondeln zu Virenfallen

«Skifahren ist sicher», sagen die Bergbahnen. Der Test zeigt: Heikel wirds in der Gondel bei geschlossenem Fenster.

Es ist kalt, es weht ein starker Wind – die Skifahrer frieren. Rasch schliessen sie die Fenster in der Gondel. «Die Gäste haben die Tendenz, die Fenster zu schliessen. Wir müssen sie laufend wieder öffnen», sagt Carlo Danioth, Betriebsleiter der Skiarena Andermatt-Sedrun. Was wohl die wenigsten Skifahrer realisieren: Eine Gondel mit geschlossenen Fenstern kann zur Virenfalle werden.

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Betriebsleiter Carlo Danioth: «Wir müssen die Fenster immer wieder öffnen.»
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Michael Riediker, Experte für Arbeits- und Umweltgesundheit, stellt das Szenario für die «Rundschau» nach: Mit einer Theaterpuppe nimmt er in Andermatt die Gondel Richtung Skigebiet: Aus der Puppe lässt er künstlichen Rauch strömen. Der Rauch macht sichtbar, wohin die Atemluft abzieht und wie rasch sie sich verdünnt.

Sind die Fenster geschlossen, füllt sich die Gondel innert Sekunden mit dichtem Rauch. Die Atemluft fliesst also kaum ab und reichert sich in der Gondel an. Wenn ein Passagier ansteckend sei und die Masken nicht korrekt getragen würden, dann könnten während einer solchen Gondelfahrt Tausende Viren übertragen werden, sagt Riediker: «So kann eine zehnminütige Gondelfahrt hochkritisch werden».

Risiko steigt um Faktor 10

Fenster offen oder zu – der Unterschied ist enorm. Das zeigen auch Messungen von Ivan Lunati. «Das Risiko einer Ansteckung mit Viren ist bei geschlossenen Fenstern zehnmal grösser», sagt der Physiker an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa. Lunati hat mit seinem Team Luftströme und Luftqualität in Gondeln und grossen Seilbahn-Kabinen untersucht.

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Empa-Experte Ivan Lunati: «Fenster offen lassen – diese Information sollte zu den Skifahrern kommen»
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Sein Fazit dürfte Bergbahn-Betreiber und Skifahrer freuen: Offene Fenster wirken wie eine gewaltige Lüftung: Die Luft in Gondeln und Kabinen wird jede Stunde dutzendfach komplett ausgetauscht. Die natürliche Lüftung führt gar zu einem deutlich häufigeren Austausch der Luft als etwa in Zügen oder in typischen Büroräumen.

Arbeit im Büro ist gefährlicher

Modell-Rechnungen von Empa-Abteilungsleiter Lunati zeigen: Bleiben die Fenster offen, so bedeutet ein Skitag mit einigen Fahrten ein deutlich geringeres Ansteckungsrisiko als ein Arbeitstag in einem Zweierbüro. Selbst dann, wenn im Büro einmal pro Stunde gelüftet wird.

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Empa-Experte: «Risiko im Büro grösser als im Skigebiet»
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Auch eine Zugfahrt birgt laut den Daten von Empa-Forscher Lunati ein höheres Risiko. «Die Bergbahn-Verantwortlichen müssen den Leuten aber klar kommunizieren, dass die Fenster offen bleiben müssen», so Ivan Lunati.

Andermatt reagiert

Der Branchenverband «Seilbahnen Schweiz» hat die Grundlagen erarbeitet für die Schutzkonzepte der Seilbahnen. Im 18-seitigen Dokument fehlt ein ausdrücklicher Hinweis auf die offenen Fenster. Michael Riediker, der Experte für Umwelt- und Arbeitssicherheit, regt an: Die Bahnen sollten die Fenster so sichern, dass sie sich nicht schliessen lassen. Das sei nicht machbar, entgegnen die Verantwortlichen der Skiarena Andermatt-Sedrun.

Streit um Restaurant-Terrassen

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Zwischen Bund und Kantonen gibt es Differenzen darüber, was in Skigebieten auf Restaurant-Terrassen erlaubt ist – oder nicht. In Andermatt können Skifahrer ihr Mittagessen auf der Restaurant-Terrasse einnehmen. Spitzenkoch Markus Neff, der das Bergrestaurant «Gütsch» mitten im Skigebiet führt, serviert seinen Gästen das Essen in Porzellangeschirr. Neffs Version von Take-away: Er stellt die angerichteten Teller auf einen leeren Tisch auf der Terrasse. Die Gäste holen ihre Bestellung an ihren Tisch.

Für die Bergbahnen Andermatt ist das zulässig. Kevin Levy, technischer Leiter Skiarena Andermatt-Sedrun, sagt gegenüber der Rundschau: «Die Skiarena Andermatt-Sedrun ist immer wieder im Kontakt mit dem Kanton und der Stand heute ist, dass wir Aussensitzplätze haben dürfen. Es ist immer wieder in Abklärung, ob wir das weiterführen dürfen, oder ob es so bleibt, wie es ist.» Der zuständige Informationsbeauftragte des Kantons Uri Adrian Zurfluh bestätigt dies. Was erlaubt sei und was nicht, liege in der Hoheit der Kantone, heisst es auf Anfrage.

Beim Bundesamt für Gesundheit sieht man das kritisch. Das BAG schreibt der «Rundschau»: «Aus unserer Sicht ist die Öffnung der Terrassen nicht zulässig, weil wir davon ausgehen, dass für Take-away-Betriebe keine Sitzgelegenheiten zur Verfügung stehen dürfen.»

Gemäss BAG sollen Take-away-Betriebe keine Sitzgelegenheiten zur Verfügung stellen. Dies, um Ansammlungen zu vermeiden, bei denen die Personen keine Maske tragen, wie etwa beim Essen. Das BAG könne Kantone, welche die Verordnung anders auslegen, aber nicht sanktionieren.

Im Kanton Uri hat das Bundesamt für Gesundheit bislang nicht interveniert; im Kanton Graubünden bereits mehrmals. Bislang ohne Erfolg. Auf der Internetseite der Skiregion St. Moritz steht beispielsweise: «Wir freuen uns, unseren Gästen ein Take-away-Angebot auf Marguns und Corviglia anzubieten. Bei schönem Wetter ist zudem auch Take-away auf dem Piz Nair, bei der Chamanna und der Glünetta erhältlich.»

Auf den «Rundschau»-Gondeltest reagieren sie aber dennoch: Die Fenster der Gondelkabinen werden neu mit einem Kleber versehen – Aufschrift: «Für Ihre Sicherheit: Fenster nicht schliessen».

SRF Rundschau, 27.01.2021, 20:05 Uhr

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96 Kommentare

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  • Kommentar von Roland Hofmann  (rolhof)
    Eine komplexe Anlage wie Gondelbahnen funktioniert fast störungsfrei. Da soll es nicht möglich sein das Schliessen der Fenster durch einfache Massnahmen zu verhindern? Das gleiche gilt für den Windschutz der Sesselbahnen. Die Verhindere sind die Betreiber - und auch die Verantwortlichen.
  • Kommentar von Michael Mehltretter  (Meichel M)
    Merkwürdig, Die WHO lässt verlauten in neuen Weisungen, dass Menschen mit positivem Tests ohne Symptome gar nicht den Virus verbreiten.
    In dem Falle ist die Gefahr auf jemanden zu treffen, der keine Symptome hat und ansteckend ist sehr sehr klein. Somit wären geschlossene Fenster auch nicht tragisch.
    Wer Symptome hat solle aber nicht unter Menschen gehen und in jedem Falle eine Maske tragen.
  • Kommentar von Peter Müller  (PeRoMu)
    Im Gegensatz zu vielen Kommentaren störe ich mich nicht am Rundschau-Beitrag zum Thema 'Aerosole in Gondeln'. So sind nun mal die Fakten betreffend Aerosole, ob das genehm ist oder nicht. Dasselbe Problem wie in den Gondeln haben wir notabene auch in Treppenhäusern und Liften von Mehrfamilienhäusern. Nein, sogar noch viel ausgeprägter! Denn die dort Wohnenden tragen im Treppenhaus und im Lift kaum je eine Maske - zumindest im Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne.
    1. Antwort von Mike Steiner  (M. Steiner)
      Sagen viele Leute schon lange. Auch in Trams, Bussen und S-Bahnen zu gewissen Zeiten sieht's nicht besser aus (und nein, gewisse Bus- und TRampiloten haben den Lüftunksknopf noch nicht entdeckt oder es wird altes Rollmaterial eingesetzt). Allein man will nicht hören. So hört der Schlamassel nie auf! FFP2 könnten es richten, doch da wiederholt sich die Geschichte: zu wenig vorhanden, um es zu propagieren...
    2. Antwort von Roland Hofmann  (rolhof)
      Vor allem die Grundregel "unnötige Kontakte vermeiden" wird weder in Skigebieten, im ÖV oder in Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden eingehalten. Da hilft die Maske auch nur bedingt, der Abstand wird sowieso nicht eingehalten. Im ÖV müssten deutlich weniger Menschen Zutritt erhalten - home office verstärkt umsetzen. Dann sind nur noch die unterwegs, die an den Arbeitsplatz fahren müssen.