Letzte Woche wurde bekannt, dass alle Filialen von Ex Libris schliessen. Tanja Messerli, Geschäftsführerin des Schweizer Buchhandels- und Verlagsverbands, spricht im «Tagesgespräch» über persönliche Erinnerungen, die überraschende Pionierrolle der Buchbranche und warum Algorithmen keine Menschen ersetzen können.
SRF News: Haben Sie persönliche Erinnerungen an Ex Libris?
Tanja Messerli: Absolut, für mich ist Ex Libris eine grosse Marke. Ich komme aus einem eher armen Hintergrund und für uns war das Lesen zentral. Ex Libris war der Laden, wo man zuerst Büchergutscheine kaufen konnte. Wenn ich als Mädchen so einen bekommen habe, konnte ich meine Bücher selbst aussuchen. Das fand ich genial.
Wie bewerten Sie den vollständigen Übergang von Ex Libris in den Onlinehandel von Digitec Galaxus?
Mich schmerzt das persönlich. Die Filialen werden fehlen, vor allem, weil sie an Orten waren, wo man Büchern zufällig begegnete. Angesichts des allgemeinen Trends zum Onlinehandel war es keine absolute Überraschung. Die unternehmerische Entscheidung selbst kann aber nur der Konzern beurteilen, da bin ich sehr vorsichtig mit Vorhersagen.
Das Buch war das perfekte Versuchskaninchen für den Onlinehandel.
Die Buchbranche gilt als Vorreiterin der Digitalisierung. Stimmt das?
Ja, wir sind fast immer zuerst mit Veränderungen konfrontiert, speziell bei der Digitalisierung. In meiner Lehre hatten wir schon 1990 ein Mailsystem, das nur für den Buchhandel war. Das Buch war auch das perfekte Versuchskaninchen für den Onlinehandel: Es geht nicht kaputt und ist dank der ISBN-Nummer seit 1970 zweifelsfrei identifizierbar.
Wie hoch ist der Anteil des Onlinehandels heute?
Bei gedruckten Büchern liegt das Verhältnis in der Deutschschweiz bei etwa halb und halb zwischen Online- und Ladenverkäufen.
Ersetzt der Algorithmus die Beratung im Laden?
Es ist etwas ganz anderes. Als Buchhändlerin berate ich nach vorne, ich schaue, was der Mensch für einen Wunsch hat und wo er hin will. Der Algorithmus berät nur nach hinten und schaut, was in der Vergangenheit war. Das interessiert mich eigentlich nicht.
Der Umsatz ist über die Jahre rückläufig. Wie stabil ist das gedruckte Buch noch?
Der Umsatz ging seit 2008 um einen Fünftel zurück. Das gedruckte Buch ist dabei überraschend stabil geblieben. Vor 20 Jahren hätten wir das nicht erwartet. Der Anteil an E-Books liegt weltweit nur bei 5 bis 10 Prozent.
Social-Media-Trends schlagen sich direkt im Buchverkauf nieder.
Welchen Einfluss haben Social-Media-Trends wie Booktok?
Einen erstaunlich grossen. Dieser Trend schlägt sich direkt im Verkauf nieder. Was mich am meisten erstaunt: Es boomen nicht nur Bestseller, sondern manchmal auch Klassiker oder Nischenbücher, weil die Influencer so glaubwürdig sind. Darauf können die Buchhandlungen reagieren.
Was geht verloren, wenn Buchläden aus dem Stadtbild verschwinden?
Die Sichtbarkeit der Bücher. Wir sehen klar: Wenn eine Buchhandlung schliesst, sinken in dieser Umgebung die Bestellungen. Bücher müssen gesehen werden. Das ist gerade für den Schweizer Buchmarkt enorm wichtig. Es gibt aber eine Lücke zwischen Wunsch und Verhalten. Die Leute wünschen sich eine nette Buchhandlung am Bahnhof, aber sie verhalten sich nicht so, dass die Buchhändlerin davon leben kann.
Wird es also auch in Zukunft noch Buchläden geben?
Es hängt tatsächlich an den Kundinnen und Kunden. Wenn sie das Fachgeschäft frequentieren, dann wird es noch ewig Buchhandlungen geben.
Das Gespräch führte Karoline Arn.