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Das alternative Jugendzentrum wird von Neubauten umzingelt
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 05.07.2021.
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Der «Chessu» in Biel Ältestes autonomes Jugendzentrum der Schweiz gerät in Bedrängnis

Neue Wohnungen und ein neues Hotel direkt neben dem autonomen Jugendzentrum: Der «Chessu» in Biel ist unter Druck.

Aus der 68er-Bewegung kam auch in der Stadt Biel die Forderung nach einem autonomen Freiraum. Nach einigem Hin und Her mit der Politik erhielten die jungen Bielerinnen und Bieler schliesslich den ausrangierten Gaskessel.

Der «Chessu», wie er in Biel genannt wird, wurde während mehreren Jahren zu einem Kulturlokal ausgebaut. 1975 wurde er offiziell eröffnet.

Schwarzweiss-Bild: Leute sitzten vor dem Chessu.
Legende: Aufnahme aus dem Jahr 1974. Während der Umbauphase wurden regelmässig Partys im und um den «Chessu» gefeiert. Archiv AJZ Chessu

Seit seiner Gründung ist der «Chessu» basisdemokratisch organisiert. «Das fasziniert mich, dass das über eine so lange Zeit so gut funktioniert», sagt Xine, sie ist seit über 20 Jahren Aktivistin im «Chessu». Machmal sei es zwar schon kompliziert, da effektiv jede und jeder mitreden könne. «So muss halt alles immer ausdiskutiert werden», so Xine.

Mina, eine Aktivistin der jüngsten Generation, ist erst seit sechs Jahren aktiv dabei. Sie sei herzlich aufgenommen worden, habe anfangs jedoch etwas Zeit gebraucht, um sich in den Strukturen zurechtzufinden.

Die Polizei betritt den «Chessu» nie

Anders als bei anderen autonomen Jugendzentren gab es beim «Chessu» nie eine Gewalteskalation mit den Behörden. Hier in Biel rede man noch zusammen, sagt Böbu, ein Aktivist der ersten Stunde. «Das war schon immer so. Wenn es Spannungen gibt, sitzt man mit den Behörden an einen Tisch.»

Die drei Sitzen an einem Tisch im Chessu.
Legende: Drei Generationen: Mina (seit 6 Jahren aktiv), Xine (seit 20 Jahren dabei) und Böbu (war schon beim Aufbau dabei) Matthias von Wartburg/SRF

Mit der Polizei gibt es eine Vereinbarung: Sie kommt nicht in den «Chessu» rein. Gibt es einen Vorfall, nehmen die Beamtinnen und Beamten mit dem Sicherheitsdienst Kontakt auf.

Neue Wohnungen hier – ein neues Hotel da

Die Behörden machen der autonomen Szene in Biel also nicht das Leben schwer – es ist eher die Stadtentwicklung. Auf der einen Seite ist eine Begegnungszone entstanden, auf der anderen Seite eine Überbauung mit neuen Wohnungen und aktuell wird gleich neben dem «Chessu» ein Hotel gebaut.

Luftbild vom «Chessu» mit der Hotel-Baustelle.
Legende: Begegnungszone, neue Wohnungen und nun ein Hotel: Der «Chessu» wird von der Stadtentwicklung eingekreist. Matthias von Wartburg/SRF

Es sei eine Horrorvorstellung, sagt Aktivist Böbu: «Ich weiss nicht, wie das funktionieren soll. Ein First-Class-Hotel direkt neben dem ‹Chessu›, das wird todsicher Konflikte geben.»

Das wird todsicher Konflikte geben.
Autor: BöbuAktivist im «Chessu»

Diese sich abzeichnenden Konflikte sind mit ein Grund, warum der «Chessu» nun saniert werden muss. Mit der bestehenden Infrastruktur kann zum Beispiel der Lärmschutz nicht mehr gewährleistet werden. Der ringförmige Anbau, welcher in den 90er Jahren gebaut wurde, ist marode.

Der ringförmige Anbau soll abgerissen und mit einem Neubau ersetzt werden. In diesem Anbau gäbe es auch Sitzungsräume oder Platz für kleinere Anlässe. Kostenpunkt: Sechs Millionen Franken. Rund die Hälfte übernimmt die Stadt, der Rest müssen die Betreiberinnen und Betreiber des «Chessu» selber auftreiben.

Die Geldsuche wurde von der Pandemie lahmgelegt. Nun versuchen die Aktivistinnen und Aktivisten mit einem Crowdfunding das fehlende Geld zusammenzukratzen.

Passt das zu einem autonomen Jugendzentrum?

Die Pläne des Neubaus kommen geschniegelt daher. Im «Chessu» fragen sich manche: Passt das zu uns? Aktivistin Xine winkt ab: «Pläne sehen halt so aus. Das wird schnell alles so bunt aussehen, dass es passt.»

Der alte Hase Böbu schmunzelt: «Genau diese Befürchtungen gab es auch in den 90er-Jahren, als der Ringbau kam.» Der Neubau sei aber nach wenigen Wochen voll mit Graffitis gewesen – und mit dem Zentrum verschmolzen.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 09.07.2021, 17:30 Uhr

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Gerber  (1Berliner)
    M.M. Rechte Aktivisten?
    Was soll das sein? Konservative? Dafür gibt es viele Kulturorte in der Schweiz.
    Nazis? Ich glaube, die braucht wirklich niemand.
    Junge Linksalternative?
    Die braucht eine Gesellschaft dringend, denn deren Kreativität und Idealismus bringen eine Gesellschaft weiter im Sozialen.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Im "Chessu" ist vielfältige Kultur vorhanden, viel Phantasie von Jugendlichen und anderen, ehemaligen 68-ern, die tiefere Werte im Kopf und Herz haben als den Menschen -im innereren Sinn -auffressenden masslosen Kapitalismus.Das Leben besteht sehr aus Nächstenliebe, Freude und Anteilnahme an Mitmenschen und nicht aus leblosem "Klüder" (Geld).Geld braucht es nicht mehr als als Mittel zum Leben/Ueberleben,aber nicht als Wucher und als Mittel,phantasievollen Menschen den Platz streitig zu machen.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Viel lieber habe ich den "Chessu" (ehemaliges autonomes Jugendzentrum) als neue Wohnungen und ein Hotel.Der Kapitalismus hat viele Ungerechtigkeiten, Krankheit (Burn Out), Verlierer geschaffen, die vom Kapitalstärkeren "aufgefressen" wurden.Mir sind ideell phantasievolle Jugendliche und andere lieber als zum Teil Leute, die dünkelhaft in 1. Klasshotels residieren. Nicht alle sind dünkelhaft, aber es gibt eine ganze Reihe, die unbarmherzig Geld einheimst und daneben Leute verarmen lässt.