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Die Pflegefachfrau Jenny Meichtry ist wegen Corona häufig die einzige, die noch zu den Leuten nach Hause geht.
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 10.11.2020.
abspielen. Laufzeit 06:47 Minuten.
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Der einzige Sozialkontakt Einsame Zeiten: Zum Glück kommt noch die Spitex

Wegen Corona ist die Spitex für manche der einzige Kontakt zur Aussenwelt. Neben der Pflege gehts um den Sozialkontakt.

Morgens um sieben Uhr im Oberwalliser Dorf Steg in der Nähe von Visp. Die Pflegefachfrau Jenny Meichtry klingelt an der Türe ihrer ersten Kundin dieses Tages. Sie desinfiziert ihre Hände, geht hinein – wie immer im weissen Spitex-Kittel und wegen Corona mit einer Gesichtsmaske. «Guten Morgen.» Jenny Meichtry begrüsst die 74-jährige Franziska Bregy, die vor knapp einem Jahr eine schwere Darmoperation hatte und seither jeden Morgen die Hilfe der Spitex braucht.

Spitex im Badezimmer
Legende: Waschen, anziehen, frisieren. Alles unter Einhaltung der strengen Schutzmassnahmen. Corona bestimmt die Arbeit der Spitex-Pfelgenden Jenny Meichtry. zvg/David Graefen

Aufstehen, waschen, Haare strählen, Narbe eincremen, Kleider anziehen. Jenny Meichtry nimmt sich Zeit, fragt nach, hört zu. «Wenn man niemanden hat fürs Reden, ist das sehr wichtig,» sagt die Kundin Franziska Bregy. Das sei fast wichtiger als die Pflege selbst: «Ich rede eben gerne», sagt die 74-Jährige mit einem Lächeln.

Das Reden ist sehr sehr wichtig.
Autor: Franziska BregyBraucht jeden Morgen Hilfe der Spitex

Normalerweise würden die beiden Frauen ihren Schwatz bei einem Kaffee weiterführen. Wegen Corona geht das aber nicht. «Wir dürfen die Maske nicht ausziehen», sagt Jenny Meichtry. Das sei für ihre Kunden zusätzlich schwierig.

Gerade jene Personen, die die Hilfe von der Spitex benötigen, sind gesundheitlich angeschlagen und sollten darum ihre Kontakte minimieren. Kein Besuch der Kinder, kein Besuch der Enkelkinder, kein Jassnachmittag unter Freunden – zu gross die Gefahr einer Ansteckung.

Sozial- und Körperkontakt schaffen Nähe

An einer Wand in der Wohnung von Franziska Bregy hängt ein Foto ihrer grossen Familie. Viele von ihnen hat sie schon lange nicht mehr gesehen. Wenn, dann nur von Weitem. «Wir knuddeln gerne und nehmen uns in die Arme. Das geht nun nicht, das ist schwer», sagt Bregy. Aber es sei halt für die Gesundheit, anders gehe es nicht.

Wir nehmen uns mehr Zeit fürs Eincremen.
Autor: Jenny MeichtryPflegefachfrau HF

Der Körperkontakt sei derzeit sehr wichtig bei der Pflege, das habe ihr ganzes Team beobachtet, sagt die Pflegefachfrau Jenny Meichtry. Auch ihre Kolleginnen und Kollegen würden sich nun mehr Zeit fürs Eincremen nehmen. «Wegen Corona versucht man so, Nähe zu schaffen», sagt Meichtry.

Regionale Unterschiede bei der Spitex

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Die Spitex hat aufgrund der Coronavirus-Pandemie tendenziell mehr zu tun, zeigt eine Umfrage des Dachverbandes Spitex Schweiz bei den Kantonalverbänden.

Eine Mehrheit von ihnen versorgt Corona-Patienten zu Hause, rund die Hälfte der Spitex-Organisationen führen zudem Corona-Tests durch.

In gut der Hälfte der Kantone sei die Personalsituation angespannt. Sollte die zweite Welle länger andauern, rechnen auch die anderen Verbände mit einem Engpass.

Die Situation sei jedoch entspannter als während der ersten Welle, als es an Schutzmaterial und Wissen bei den Klienten fehlte. Trotzdem sei der Aufwand mit den Schutzmassnahmen anhaltend hoch. Zudem sehe man regionale Unterschiede. «Wo es viele Fälle hat, ist auch die Spitex stärker gefordert», so Francesca Heiniger, Leiterin Kommunikation bei Spitex Schweiz.

Die Spitex sei auch vermehrt in die Nachbetreuung der nicht-Corona-Patienten involviert, da diese früher aus dem Spital entlassen werden, um Betten freizuhalten.

Sie stehe aber selbst unter Druck, das sei ganz anders als während der ersten Welle: «Ich schränke mich privat sehr ein.» Kontakte minimieren, Corona stets im Hinterkopf haben. «Ich sehe das mit anderen Augen und habe auch eine Verantwortung.» Zumal die Pflegenden der Spitex von Haus zu Haus gehen und sich um verschiedene Patienten kümmern.

Die Dankbarkeit bei den Kundinnen und Kunden sei jedoch sehr gross, sagt Jenny Meichtry. Sie verabschiedet sich von Franziska Bregy, die sagt: «Danke viel viel Mal», man spürt, das kommt von Herzen.

Sie würden das nicht nur sagen, sondern auch zeigen. Gerede jetzt vor Weihnachten würden einige ihr Pulswärmer häkeln oder eine Tasche stricken. «Das ist sehr schön, das gibt Kraft, weiterzumachen», sagt Jenny Meichtry und fährt zum nächsten Kunden.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 06.11.2020, 17.30 Uhr;

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Sehr schöner Bericht. Herzzerreissend, wie sich die Weisung, Kontakte tmzu vermeiden, auf die Menschen auswirkt, die wir schützen sollten. Was wäre es für ein Problem, gemeinsam kurz die Luft anzuhalten und sich, meinetwegen mit desinfizierten Händen, zu umarmen? Wir wissen aus der Forschung bestens, wie gut Abstand schützt. Dann sitzt man eben einen Meter weiter auseinander als empfohlen, passt vielleicht ein bisschen mit dem lauten Reden oder Lachen auf und lüftet ab und zu!.
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Solange MENSCH mobil ist, bietet die Natur unglaublich viel, um Freude und Zufriedenheit zu erlangen (Spaziergänge, Wanderungen, etc). Raus aus dem Haus! Ansonsten ist zu hoffen, dass MENSCH genügend soziale Kontakte über all die Jahre aufbaute, damit auch Menschen, welche nur mit Unterstützung aus dem Haus können, entsprechende Menschen anfragen können...
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Umso wichtiger, sind die - hoffentlich - über all die Jahre aufgebauten sozialen Kontakte: Familie - Freunde - Nachbarn - KollegenInnen.
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