Er ist eines der ersten Wildtiere, die wir als Kinder kennenlernen, und ein vertrauter Gast in unseren Gärten. Pro Natura hat den Igel zum Tier des Jahres 2026 ernannt. Dem stacheligen Sympathieträger fehlt es aber an Lebensraum. Im Tagesgespräch erklärt Andreas Boldt, Wildtierbiologe bei Pro Natura, warum.
SRF News: Der Igel frisst Schnecken, so die landläufige Meinung. Nun stimmt das gar nicht?
Andreas Boldt: Das ist ein grosses Missverständnis. Der Igel ist ein Insektenfresser. Auf seinem Speiseplan stehen hauptsächlich Käfer, Raupen und Regenwürmer. Schnecken frisst er nur selten, sie können ihm durch Parasiten sogar schaden.
Dem Igel selbst geht es nicht so gut, wie viele glauben.
Der Igel ist prominent, auch auf Plakaten an Strassen wird auf ihn aufmerksam gemacht. Warum braucht es ihn als Tier des Jahres?
Der Igel ist ein Symboltier für die Natur im Siedlungsraum. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass dort einiges nicht so läuft, wie es sollte. Ausserdem muss man sagen: Auch dem Igel selbst geht es nicht so gut, wie viele glauben.
Inwiefern?
Er steht seit einigen Jahren auf der Roten Liste als «potenziell gefährdet». Auch wenn es noch nicht überall auffällt: Untersuchungen zeigen, dass die Bestände in den letzten Jahren zurückgegangen sind.
Dabei ist der Igel ein wahrer Überlebenskünstler.
Ja, er ist ein lebendiges Fossil. Seine Vorfahren gab es schon vor 60 Millionen Jahren. Er ist evolutionär so erfolgreich, weil er ein Generalist ist, der sich gut anpassen kann und keine hochspezialisierte Nahrung braucht.
Unsere Gärten sind oft versiegelt, steril und voller nicht-einheimischer Pflanzen.
Trotz der Anpassung ist er gefährdet?
Sein ursprünglicher Lebensraum, die reich strukturierte Kulturlandschaft, wurde durch die intensive Landwirtschaft eintöniger. Als Ersatz hat er den Siedlungsraum entdeckt. Doch auch hier wird es für ihn eng: Unsere Gärten sind oft versiegelt, steril und voller nicht-einheimischer Pflanzen. Es fehlen ihm Nahrung und Verstecke für den Winterschlaf.
Welches sind die grössten direkten Gefahren?
Ganz klar der Strassenverkehr, er ist eine der häufigsten Todesursachen. Aber auch Mähroboter sind eine grosse Gefahr. Wenn der Igel die Maschine wahrnimmt, kugelt er sich ein – seine natürliche Abwehrstrategie. Gegen die Klingen eines Mähroboters hilft das aber nicht.
Was will Pro Natura mit der Wahl des Igels erreichen?
Wir wollen die Bevölkerung für die Bedürfnisse der Natur im Siedlungsraum sensibilisieren. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen. Wir wären zufrieden, wenn viele Menschen versuchen, in ihrem eigenen Garten etwas für den Igel und andere Tiere zu tun. Das ist ein langfristiger Prozess.
Das Gespräch führte Karoline Arn.