Landwirtschaft 4.0 Die Schweiz steckt noch in den Kinderschuhen

Was ist ein digitaler Bauernhof? Wieso hinken die Schweizer Bauern ihren deutschen Kollegen hinterher? Der ETH-Experte Frank Liebisch im Interview.

SRF News: Frank Liebisch, warum muss die Landwirtschaft überhaupt digital werden?

Frank Liebisch: Die Landwirtschaft folgt, wie viele andere Lebensbereiche auch, dem gesellschaftlichen Trend: digitaler, das heisst vernetzter werden. Die digitalisierte und automatisierte Landwirtschaft soll dem Landwirt die Arbeit erleichtern und ihm dabei helfen, trotz schwieriger Umweltbedingungen das Produktions- und Qualitätsniveau zu halten oder zu steigern. Sie führt beispielsweise auch zu einem effizienteren Einsatz von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln.

«  Die Digitalisierung kann Verwaltungsaufgaben erleichtern, die den Landwirt heute viel Zeit kosten. »

Frank Liebisch
Agrarwissenschafter an der ETH Zürich

Was muss man sich denn unter einem digitalen Bauernhof vorstellen?

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Dr. Frank Liebisch

Frank Liebisch.

ZVG

Frank Liebisch forscht am Institut für Agrarwissenschaften an der ETH Zürich. Die digitale Entwicklung der Landwirtschaft ist einer seiner Forschungsschwerpunkte.

Auf einem solchen Betrieb wird eine sogenannte «Farm Management Software» genutzt, welche es ermöglicht, die Betriebe optimaler zu führen und letztlich die Wertschöpfungskette, von der Produktion bis zum Konsumenten, vereinfacht zu dokumentieren. So wird der Landwirt bei der Buchführung unterstützt und weiss noch besser was, wann zu tun ist. Der Konsument profitiert zudem von mehr Transparenz.

Sensoren am Traktor optimieren die Ausgabe der Dünge- und Pflanzenschutzmittel und Drohnen können mit hochaufgelösten Bildern zum Beispiel die Bodenbeschaffenheit des Bodens erfassen.

Die erhobenen Daten können in Feldbearbeitungskarten einfliessen, so dass der Landwirt den Dünger bedarfsgerecht ausbringen kann oder weiss, welches Futter in welcher Qualität bereitsteht. In der Tierwirtschaft werden Fütterungsroboter eingesetzt, die dann die Nahrung auf das einzelne Tier abstimmen. Auch die Erntemaschinen haben Sensoren. So können Ertragskarten erstellt werden, die das pflanzenbauliche Potential zeigen oder die Erntequalität erheben.

Wie wird all das die Arbeit der Landwirte verändern?

Das ist noch nicht ganz klar. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Arbeitszeit von Landwirten auf Betrieben mit fortgeschrittener Digitalisierung zwar insgesamt nicht sinkt, die Leistung pro Fläche aber steigt. Man kann also mit der gleichen Arbeit mehr erreichen. Durch die grössere maschinelle Unterstützung nimmt zudem die körperliche Belastung ab und die geistige Arbeit wird wichtiger. Gewisse Entscheide, etwa im wirtschaftlichen und im pflanzenbaulichen Bereich, wird der Landwirt auch in Zukunft selber treffen müssen. Die Digitalisierung kann auch Verwaltungsaufgaben erleichtern, die den Landwirt heute viel Zeit kosten.

«  Im Vergleich zu Ländern wie Deutschland, Frankreich, den USA oder Australien ist man in der Schweiz nicht sehr weit. »

Frank Liebisch
Agrarwissenschaftler an der ETH Zürich

Wie weit ist die Automatisierung der Schweizer Bauernhöfe fortgeschritten?

Die Schweiz steht noch in den Startlöchern. Im Vergleich zu Ländern wie Deutschland, Frankreich, den USA oder Australien ist man hierzulande nicht sehr weit. Das hat wirtschaftliche und kulturelle Hintergründe. Die Höfe und Felder in der Schweiz sind relativ klein und viele Betriebe kaum spezialisiert. Sie haben eine vergleichsweise hohe Produktionsvielfalt, was die Etablierung neuer Technologien schwieriger macht. Aber auch in der Schweiz kommt die Digitalisierung langsam an: Es gibt schon viele Landwirte, die unterstützende Software oder Apps benutzen oder mit vernetzbaren Geräten arbeiten.

Für welche Betriebe ist die Digitalisierung besonders interessant?

Eigentlich für alle. Spezialisierte Höfe, Grossbetriebe oder Lohnunternehmer haben aber einen Startvorteil, da sie in der Regel mehr und gezielter investieren können und sich diese Investitionen schneller amortisieren. Ausserdem besteht dort meistens die Möglichkeit der Spezialisierung von einzelnen Personen, so dass sich diese hauptsächlich mit den neuen Technologien beschäftigen.

Kleinbetriebe sind oft weniger finanzstark und alle Tätigkeiten werden von wenigen Personen ausgeführt. Hier sind das finanzielle Risiko und der Aufwand zur Etablierung neuer Technologien im Vergleich eher hoch. Jedoch geschieht die Digitalisierung fliessend: Wenn sich ein Landwirt heute eine neue Maschine anschafft, ist diese in der Regel schon so ausgerüstet, dass sie mit Software-Systemen verknüpft werden kann. Ausserdem wird die Nutzung von digitalen Geräten und Methoden in der ganzen Gesellschaft immer selbstverständlicher.

Wie wird ein durchschnittlicher Bauernbetrieb im Schweizer Mittelland in zehn Jahren aussehen?

Das ist schwer vorherzusagen. Er dürfte ein bisschen grösser sein als heute und mehr digitale Methoden einsetzen. Die meisten Höfe werden wohl eine «Farm Management Software» benutzen. Diese wird es dem Landwirt ermöglichen, alle seine Tätigkeiten zu dokumentieren und Informationen aus Datenbanken effizient zu nutzen.

Wie weit die Digitalisierung der Landwirtschaft in der Schweiz in zehn Jahren fortgeschritten sein wird, hängt unter anderem von der Unterstützung durch die Politik und der Ausrichtung der lokalen und internationalen Wirtschaft ab. Denn für grosse Landmaschinenhersteller sind heute Märkte wie Frankreich oder Deutschland natürlich interessanter für digitale Maschinen, weshalb sich die angebotene Produktpalette unterscheidet. Wichtig wird auch die Ausbildung zukünftiger Generationen sein.

Das Gespräch führte Andreas Reich

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