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Schweizer in Konzentrationslagern – ein Kapitel Schweizer Geschichte wird aufgearbeitet
Aus Echo der Zeit vom 27.10.2019.
abspielen. Laufzeit 10:17 Minuten.
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«Die Schweizer KZ-Häftlinge» Der Zürcher Albert Mülli – Häftling in Dachau

Mindestens 391 Schweizer Staatsangehörige kamen in deutsche Konzentrationslager. Ein neues Buch erzählt ihre Geschichte.

Das ist die Geschichte von Albert Mülli, einem 22-jährigen Schweizer, der im November 1938 den Nachtzug nach Wien besteigt und erst im Frühling 1945 – noch in KZ-Kleidern – wieder Schweizer Boden betreten wird. Nur Wochen später soll er die Militärsteuer für die letzten sechs Jahre nachzahlen.

Die Reise nach Wien

Mülli – überzeugter Sozialdemokrat, Sohn einer Zürcher Arbeiterfamilie, Sanitär-und Heizungmonteur – wird 50 Jahre später in einer Radiosendung erzählen: «Ich war damals während 14 Tagen arbeitslos, weil der Meister keine Arbeit mehr hatte. Man bot mir an, einen Koffer nach Wien zu überbringen, zur Adresse eines Schuhmachermeisters an der Gusshausstrasse.»

Dort wird er von drei Gestapo-Schergen erwartet. Mülli, der für seinen Kurierdienst 70 Franken erhalten hat, wird verhaftet.

Albert Mülli.
Legende: Albert Mülli (11.2.1916-12.4.1997). Das Buch «Die Schweizer KZ-Häftlinge» erzählt auch seine Geschichte (Autoren: Balz Spörri, René Staubli, Benno Tuchschmid) Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich

Der Koffer

Der ominöse Koffer: Kleider seien drin für einen Mann in Wien, der in die Schweiz ausreisen wolle. Das habe ihm sein Auftraggeber gesagt, wird Mülli bei der Vernehmung zu Protokoll geben. Dass auch 1000 kommunistische Flugblätter drin waren, habe er nicht gewusst.

Sicher ist: Mülli war sich bewusst, dass er etwas Illegales tat. Seinen drei Töchtern wird er später erzählen, er habe angenommen, gefälschte Papiere für verfolgte Sozialdemokraten nach Wien zu schmuggeln. Um ihnen so die Flucht zu ermöglichen.

Vorbereitung zum Hochverrrat

Am 12. Dezember 1940 wird Mülli von einem Nazi-Gericht verurteilt: Drei Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Er verbüsst die Strafe, aber frei kommt er nicht: Über Mülli müsse Schutzhaft verhängt werden, teilt die Gestapo der Schweiz mit. Diese gelte für alle politischen Häftlinge, damit sie sich nicht weiter feindselig gegen das Deutsche Reich betätigen könnten.

Der politische Häftling Mülli wird jetzt namenlos – wird Nummer 29331 im Konzentrationslager Dachau. Wird geprügelt, bekommt mit, dass an einer Gaskammer gebaut wird, dass die Nazis Menschen zu Versuchszwecken in siedend heisses Wasser werfen.

Eingangstor zum KZ Dachau.
Legende: Die KZ-Gedenkstätte Dachau wurde am 05. Mai 1965 eröffnet. Im Lager starben über 41'000 Menschen. Imago/Archiv

Der gescheiterte Austausch

Im Herbst 1942 deuten die Nazis an, Mülli könnte eventuell gegen einen in der Schweiz inhaftierten Deutschen ausgetauscht werden. Auszug der Antwort aus Bern: Es liegt uns fern, uns für einen Strafgefangenen besonders einzusetzen, dessen kommunistische Tätigkeit auch in der Schweiz gesetzeswidrig gewesen wäre.

Der Austausch kommt nicht zustande. Und das, obschon sich der erste Sozialdemokrat im Bundesrat, Ernst Nobs, persönlich für den Genossen Mülli einsetzt. Erst im April 1945 wird Mülli von amerikanischen Soldaten befreit.

Zurück in der Schweiz, arbeitet Mülli in Zürich in verschiedenen Berufen, gründet eine Familie, sitzt vier Jahre für die SP im Kantonsrat – und wird jahrelang vom Staatsschutz bespitzelt. Müllis Akte ist 83 Seiten dick. Noch 1961 hörte der Staatsschutz ein Telefongespräch ab, als er an einem Treffen ehemaliger KZ-Häftlinge teilnehmen wollte.

«Manchmal brach es aus ihm heraus»

Den Vorwurf, ein Kommunist gewesen zu sein, weist der Sozialdemokrat zeitlebens vehement zurück. Kurz vor seinem Tod 1997 wird er vom Horror eingeholt – in qualvollen Albträumen, wie seine älteste Tochter im Buch «Die Schweizer KZ-Häftlinge» zitiert wird: «Manchmal brach es aus ihm heraus. Wie ein Maschinengewehr ratterte er dann Häftlings- und Blocknummern herunter und meldete sich dann, wie damals beim Appell in Dachau. Das mitansehen zu müssen, tat sehr weh.»

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Wüthrich  (ruishi)
    Wen wundert das 75jährige Schweigen? Auch die Petition von 1999 zur historischen Aufarbeitung der Verbotspolitik von 1940-1945 gegen kommunistische und linkssozialistische Parteien und Rehabilitierung der Opfer dieser Politik wurde im Bundesparlament mit dem Vermerk abgeschrieben "weil nicht innert zwei Jahren abschliessend im Rat behandelt".
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  • Kommentar von Asher Meng  (Ashi)
    Bin 1954 im Engadin geboren. Viele Fragen waren in meiner Jugend tabu. Niemand wollte oder konnte über die traurigste Zeit der letzen 2000 Jahre sprechen. Dass sehr viele Menschen immer noch Braunes Gedankengut in sich trugen und auch offen dazu standen, habe ich nie begriffen und schäme mich heute noch. Mein Papa war Zollbeamter und wollte nie Auskunft geben, was in dieser dunklen Zeit geschah. Gut, dass heute dieses Kapitel neu beleuchtet wird. Nie wieder muss in allen Köpfen reifen. MUSS SEIN
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  • Kommentar von Franz NANNI  (igwena ndlovu)
    Ich bin 41 geboren worden... trotzdem.. ich fuehle mich traurig und SCHAEME mich!!!
    Und WIR nennen uns Menschen, haben ein Wort : Menschlich... und benehmen uns.. wohl wie Menschen...eben Unmenschlich um dem eine Deutung zu geben
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