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Schweiz «Ein Ja fällt sehr schwer, wenn man nie darüber gesprochen hat»

Neue Kampagne für Organspenden: Welche Wirkung hat so eine Aktion? Im vergangenen Jahr beobachtete man hoffnungsfroh, dass sie viel auslöste, denn die Zahl stieg auf 143 Organspenden. Doch 2016 sind die Organspenden regelrecht eingebrochen. Der CEO von Swisstransplant möchte das System ändern.

SRF News: Wie ist der Rückgang der Organspendefreudigkeit zu erklären?

Franz Immer: Die Spenderzahlen sind traditionell hohen Schwankungen unterworfen. Ich denke, dass wir in einem Wellental mit tiefen Zahlen sind. Wir haben von Notfall- und Intensivstationen keine anderslautenden Rückmeldungen erhalten.

Sie selbst sprachen im Januar in Interviews noch von einer Trendwende. Diese lässt weiter auf sich warten. Woran mangelt es denn am meisten?

Ich glaube durchaus immer noch an die Trendwende. Wir stellen fest, dass die Strukturen und Abläufe in den Spitälern von Tag zu Tag besser werden. Sie werden professionalisiert. Das Hauptproblem ist, dass in über der Hälfte der Gespräche mit Angehörigen der Wunsch des Verstorbenen nicht bekannt ist. Ein stellvertretendes Ja zur Organspende fällt sehr schwer, wenn man zeitlebens nie darüber diskutiert hat.

Das Hauptproblem ist, dass in über der Hälfte der Gespräche mit Angehörigen der Wunsch des Verstorbenen nicht bekannt ist.

Und wie wollen Sie das ändern?

Das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Sterben ist ein Thema, das wir sehr oft und gerne von uns drängen, weil wir denken, es sei für später. Ich denke, es wird immer einen grossen Teil der Bevölkerung geben, der sich damit nicht auseinandersetzt. Deshalb kann diese Ablehnungsrate, die in der Schweiz aktuell bei 60 Prozent liegt, was sehr hoch ist, nur unwesentlich beeinflusst werden. Das sind Faktoren, die trotz den Prozessen in den Spitälern auf die Bevölkerung bezogen sind. Eine Änderung könnte letztendlich nur ein Systemwechsel bringen. Leute, die nicht spenden möchten, könnte man verbindlich in ein Register eintragen und sonst geht man davon aus, dass man prinzipiell bereit wäre. Das wäre die so genannte vermutete Zustimmungslösung. Das ist eine Lösung, die eigentlich alle Länder Europas ausser Deutschland kennen.

In der Schweiz muss der Spender immer noch aktiv erklären, dass er spenden will. Ist das alles nicht viel zu kompliziert, wenn es drauf ankommt?

Das heutige System zeigt, dass sich eben nur ein Teil der Bevölkerung entscheidet und den Entscheid den Angehörigen mitteilt, so dass diese wissen, was eigentlich der Wunsch des Verstorbenen gewesen wäre. Die vermutetete Zustimmungslösung ist eine Modalität, die – sollten die Zahlen tief bleiben – sicherlich wieder Gegenstand von politischen Diskussionen wird. Dort haben wir auch die Sicherheit, dass Menschen, die eben nicht spenden wollen, nicht spenden. Auch die Angehörigen werden in einem schwierigen Moment entlastet. Letztendlich ist der Wunsch des Verstorbenen das zentrale Argument. Der muss immer und bestmöglich respektiert werden.

Gleichzeitig gibt es immer mehr Leute, die auf eine Organspende warten. Die Zahl ist von 1430 auf fast 1500 gestiegen.

Das ist so, wir sind in einer schwierigen Situation. Die Warteliste ist noch nie so rasch angestiegen. Wir hatten noch nie so viele Menschen, die auf eine Chance gehofft haben auf der Warteliste, verloren. Das ist sehr betrüblich. Wir haben zurzeit drei Todesfälle pro Woche aufgrund des Organmangels. Organspende wird sehr positiv wahrgenommen, über 80 Prozent der Bevölkerung sind für die Organspende. Man könnte diesen Menschen auf der Warteliste helfen, darum ist es wichtig, dass man das Gespräch führt. Man muss seinen Entscheid den Angehörigen kommunizieren und gibt den Menschen auf der Warteliste damit die berechtigte Chance auf ein neues Leben und mehr Lebensqualität.

Wir haben zurzeit drei Todesfälle pro Woche aufgrund des Organmangels.

Wird die neue BAG-Kampagne etwas an der Situation ändern?

Ich glaube, die grossen Bemühungen, die das BAG nun macht, sind wesentlich, um das Thema Organspende in die Bevölkerung zurückzubringen. Die Kampagne kann helfen, dass Menschen sich entscheiden, nach dem Tod ihre Organe zu spenden. So können wir die Warteliste in den Griff kriegen.

Das Gespräch führte Lukas Schmutz.

Franz Immer

Der Schweizer Herzchirurg ist seit neun Jahren CEO von Swisstransplant. Er entscheidet am Ende über die Zuteilung der Organe in der Schweiz.

16 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Man sollte eine Namensliste und Fotos der Spenden-Sucher aufschalten, damit man (oder die Verwandten) sehen können wem ein Organ gespendet wird. Ich weigere mich ein Organ zu spenden ohne dass meine Verwandten wissen, wer es bekommt. Wenn ich spenden würde, möchte ich, dass meine Familie jemanden ausliest, den ich auch im Leben unterstützen möchte. Es gibt so viele Leute, denen ich auf keinen Fall ein Organ spenden würde, dass es für mich besser ist, gar nicht zu spenden.
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  • Kommentar von René Balli (René Balli)
    Offensichtlich können sich die Menschen nicht dazu entscheiden, ihre Organe zur Verfügung zu stellen. Propaganda und Werbung dafür gab es bis anhin schon sehr viel, es lief sogar ein mehrteiliger Film im Abendprogramm. Auch wenn es potenziell ein lukratives Geschäft ist, wir haben es gehört, es reicht mit der Hirnwäsche und Zwängerei. Es riecht eindeutig zu viel nach Geschäft und zu wenig nach Helfen, mit diesem Geld könnte man viele mehr Leben retten, darum geht es eben gar nicht wirklich.
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    1. Antwort von M. Roe (M. Roe)
      Es geht um "Forschung" und "Medizin-Standorte" und "Ruhm der Chirurgen" und "zentrale Spitalstandorte" usw. Wir sollten wieder zurück zur Vernunft kommen, und Menschen die sterben, eben sterben lassen. Jeder muss einmal gehen, und mit einem fremden Organ zu leben, ist nicht so zu leben wie vorher. Deshalb hört man kaum von Langzeitstudien von Organempfängern.Wenn da zwischendurch mal einer wirklich gut + lange überlebt, ist das eine Seltenheit. Der Tod ist ja nur für die Überlebenden schlimm.
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    2. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Die Dialyse bei Nierengeschädigte kostet pro Jahr 400'000. Was will man mit den Nieren machen, wenn man gestorben ist? Entweder werden die mit dem Leichnam beerdigt oder verbrannt. Da kann man doch die heraus nehmen und so helfen 800'000 pro Jahr einzusparen; Jahr für Jahr! Von der Lebensqualität will ich bei den paar Zeichen gar nicht anfangen. Die Egoisten sollten bei der Organverteilung hinten anstehen, zuerst sollten die potentiellen Spender berücksichtigt werden.
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  • Kommentar von Charles Halbeisen (ch)
    Ich bin auch für Transparenz. Soll bitte die Swisstransplant ohne Beschönigungen und Auslassungen den Zustand der Menschen schildern, denen Organe entnommen werden. Sie sind definitions-tot, aber keine Leichen, sondern warm und durchblutet. Und manche wären vielleicht wieder aufgewacht, wenn man etwas zugewartet hätte.
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    1. Antwort von Ernst Richener (Schmutz Fink)
      @Ch.Halbeisen: Ganz genau! ich glaube die meisten Menschen wissen gar nicht, wie so eine Transplantation vorsichgeht.Erst wenn der "Spender"für Hirntod erklärt wird,können Ihm die Organe entnommen werden. Er hängt aber noch an der HLM,er atmet noch und das Herz schlägt auch noch! Ergo der Spender wird bei lebendigem Leib aufgeschlitzt. Ich meinerseits werde nie ein Organ spenden und will auch nie ein fremdes Organ in meinem Körper. Und es sollen sich die eintragen lassen,die Spenden wollen.
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    2. Antwort von Robert Holzer (Typer)
      Seit Jahrzehnten ist erwiesen, dass allein das Gehirn Sitz unserer Persönlichkeit, Erinnerungen und Gefühle ist. Wenn es tot ist, ist auch der Mensch, den die Verwandten gekannt und geliebt haben, weg. Einzig die Hülle ist noch vorhanden, die mit Hilfe von medizinischen Apparaten noch erhalten wird. Es mag sein, dass in wenigen Fällen "Hirntote" wieder aufgewacht sind, allerdings verblieben diese meist im Wachkoma oder waren nachher schwerbehindert. Da ist mir der Tod ehrlich gesagt lieber.
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