Zum Inhalt springen

Ein Jahr für die Allgemeinheit «Dienstpflicht für alle könnte die Lösung sein»

Legende: Audio Wie soll der allgemeine Bürgerdienst aussehen? abspielen. Laufzeit 05:30 Minuten.
05:30 min, aus Echo der Zeit vom 07.08.2018.

Deutschland diskutiert zurzeit über eine allgemeine Dienstpflicht. Dabei würden Frau und Mann zu einem Jahr Dienst am Staat verpflichtet. Ein Jahr für das Gemeinwesen sozusagen.

Diese Idee hat auch in der Schweiz ihre Anhänger. Hier heisst sie «allgemeiner Bürgerdienst». Ins Spiel gebracht hat diesen der liberale Think Tank Avenir Suisse. Im Gespräch erläutert Fabian Schnell Sinn und Zweck der Idee.

Fabian Schnell

Fabian Schnell

Ökonom

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Fabian Schnell ist Senior Fellow und Forschungsleiter Smart Government bei Avenir Suisse. Er betreut die Themen Staatsausgaben, Konjunktur, Geldpolitik, Wachstum sowie Hochschulbildung.

SRF News: Wie würde eine allgemeine Bürgerpflicht aussehen?

Fabian Schnell: Der «allgemeine Bürgerdienst» wäre eine Ausdehnung der bestehenden Wehrpflicht auf Männer und Frauen. Dazu würden auch niedergelassene Ausländerinnen und Ausländer gehören. Der Dienst könnte als Militär- oder Zivilschutzdienst geleistet werden, aber auch als soziale Tätigkeit, als Feuerwehrdienst oder – ganz wichtig – als Tätigkeit als Milizpolitiker. Der Dienst könnte irgendwann zwischen dem 20. und dem 70. Lebensjahr geleistet werden, und könnte – etwa bei einem Einsatz als Milizpolitiker – durchaus auch länger als ein Jahr dauern.

Junger Mann zieht einen Karren mit Holzscheiten im Wald.
Legende: Ein Dienst an der Allgemeinheit: Laut Avenir Suisse könnte ein solcher in vielen Bereichen geleistet werden. Keystone

Die heutige Gesellschaft ist optimiert, auch was die Karriereplanung angeht. Ist es da im Einzelfall nicht schädlich, für ein oder zwei Jahre weg vom Beruf zu sein?

Im Gegensatz zur ähnlichen Idee in Deutschland könnte der Bürgerdienst in der Schweiz während einer relativ langen Zeitspanne erfüllt werden. Man hätte also die Wahl: Beispielsweise als junger Mensch den Wehrdienst am Stück leisten und die Pflicht innert einer relativ kurzen Zeit erfüllt haben. Oder man könnte den Bürgerdienst in kleineren Tranchen über viele Jahre erfüllen – oder wiederum am Stück später im Leben – beispielsweise, wenn die Kinder erwachsen sind.

Gerade in der Schweiz mit dem Milizsystem ist ein Dienst an der Allgemeinheit besonders wichtig.

Ist es heute noch zeitgemäss, dass uns der Staat für eine bestimmte Lebenszeit vorschreibt, was wir zu tun haben?

Es ist sehr zeitgemäss. Denn neben Bürgerrechten gibt es auch Bürgerpflichten – im Steuerbereich etwa akzeptieren wir das als selbstverständlich. Gerade in der Schweiz mit ihrem Milizsystem ist ein Engagement für die Allgemeinheit aus unserer Sicht besonders wichtig – und es wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. So könnte die allgemeine Bürgerpflicht wegen der zunehmenden Alterung der Gesellschaft und für den Zusammenhalt der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen.

Junger Mann spricht mit alter Frau in einem Rollstuhl.
Legende: Die alternde Gesellschaft könnte auf Dienstleistende schon bald angewiesen sein, so Avenir Suisse. Keystone

Avenir Suisse ist ein liberaler Think Thank – müsste Ihnen eine solche Pflicht nicht gegen den Strich gehen?

Die Bürgerpflichten sind nicht zu vernachlässigen. Und wenn das Milizprinzip in der Schweiz überlebt, hält das den Staat klein und es ermöglicht, die Kleinteiligkeit der Schweiz zu erhalten. Aus dieser Perspektive korrespondiert der Dienst durchaus mit dem liberalen Prinzip.

Wo holen Sie die politische Unterstützung für ihre Idee?

Zuspruch kommt aus praktisch allen Parteien, am stärksten ist er von der Grünliberalen Partei. Sie hat einen entsprechenden Vorstoss im Parlament lanciert, der aber keine Mehrheit erreichte. Doch die Zeit und der zunehmende Druck aufs Milizsystem könnten durchaus dazu führen, dass die Eidgenössischen Räte nochmals über die Bücher gehen.

Die Armee könnte für Bürgerdienst-Pflichtige besonders attraktiv werden.

Der Bundesrat geht im Grunde in eine andere Richtung: Er will den Zivildienst unattraktiver machen. Warum sollte die Landesregierung da ihre Idee unterstützen?

Der «allgemeine Bürgerdienst» könnte die Lösung des gordischen Knotens bedeuten: Denn so wäre die ständige Diskussion über Militär- oder Zivildienst auf einmal obsolet – es wäre ja jeder und jede dienstpflichtig. Dadurch hätte auch die Armee Zugriff auf einen viel grösseren Pool an potenziellen Dienstleistenden. Gerade die Armee könnte in dieser neuen Situation für Bürgerdienst-Pflichtige besonders attraktiv werden.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

57 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Lucas Kunz (L'art pour l'art)
    Was hat eigentlich das Bild mit dem Kamin-Brennholz ziehenden Bauern mit Dienst an der Allgemeinheit zu tun?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von
      Guten Tag, Herr Kunz. Das Bild zeigt einen Zivildienstleistenden, der beim gemeinnützigen Landschaftswerk Biel-Seeland aushilft. Freundliche Grüsse, Ihr SRF News Team
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Simon Weber (Weberson)
    Wenn es darum gehen würde, dass alle Männer, Frauen egal ob Schweizer oder Ausländer einen Dienst im Sozialbereich/Feuerwehr etc. machen würden, (uns gehen ja die ganzen Pfleger aus) würde ich dieses Gesetz sinnvoll finden. Wenn es aber darum gehen würde, dass nun auch noch alle Frauen ein bisschen Munition in irgendeinen Erdhaufen schießen sollen, bin ich total dagegen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Paul Soltermann (ps)
    Endlich! kann man nur sagen!. Wird diese Idee aufgegriffen und Avenir Suisse macht damit ihrem Namen alle Ehre. Ich bin ueberzeugt, dass mit einer Dienstpflicht fuer 17 - 80 jaehrige (m/f) ALLE profitieren koennen. Es spielt daher keine Rolle aus welcher politischen Ecke diese Idee kommt und das Potential ist riesig, wenn man es mit der kuenftigen Landesverteidigung und Sicherheitsfragen verbindet.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen