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Einblick in Pflegealltag Pflegefachfrau: «Wir sind auf Kante genäht»

Während das Parlament die Pflegeinitiative diskutiert, schildert eine Pflegefachfrau die Dringlichkeit der Umsetzung.

Rund 165'000 Pflegeprofis in der Schweiz umsorgen Verunfallte, Kranke, Operierte und Betagte. Patricia Tschannen ist eine von ihnen. Sie erholt sich gerade von ihren Nachtschichten in einem Spital. Die Pflegefachfrau schildert ihren Arbeitsalltag, der jeweils um 22:30 Uhr startet und um 7 Uhr in der Früh endet.

Person mit brille, rotem Oberteil, vor verzierter Gebäudewand.
Legende: Patricia Tschannen arbeitet seit über dreissig Jahren im Pflegeberuf – im Spital und in der Langzeitpflege. SRF

Nachtarbeit ist unbeliebt. Für viele Pflegefachleute sind unregelmässige Arbeitszeiten ein Stressfaktor – nicht so für Patricia Tschannen. «Ich bin ein Nachtmensch», sagt die 48-jährige diplomierte Pflegefachfrau, die seit acht Jahren jeweils nachts in einem Berner Spital arbeitet.

Für bis zu 14 Patientinnen zuständig

Ihre Schicht startet sie mit Blick in die Akten. «Ich habe gut eine halbe Stunde Zeit, um mich in die Patientenakten einzulesen.» Sie ist jeweils für zehn bis vierzehn Patientinnen und Patienten zuständig. Meist reiche diese halbe Stunde Aktenstudium aber nicht aus, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Es kann dann schon passieren, dass ich innerhalb einer Stunde zehn Blutentnahmen machen muss.

«Danach mache ich meine Medikamente für die ganze Nacht bereit und gehe dann auf die erste Runde, die sogenannte Antrittskontrolle.» Sie sehe nach jedem Patienten. In den Betten liegen Menschen nach einer Operation oder wenn sie von der Notfallaufnahme zugewiesen wurden. In dieser Abteilung arbeiten nachts insgesamt drei diplomierte Pflegefachpersonen und zusätzlich eine Pflegehilfe.

«Wir sind von der Kapazität her auf Kante genäht.» Es gehe auf, wenn alle Patienten einigermassen stabil seien. Wenn nicht, dann sei es schwierig, fasst Tschannen die Situation zusammen. Im Vergleich zu ihrer Anfangszeit sei der Druck gestiegen. Sie spricht von Kostendruck und von vielen komplexen Eingriffen – das fordere auch die Pflege.

Ich muss mich nie fragen, welchen Sinn meine Arbeit hat.

Sie selbst fühlt sich enorm privilegiert, dass sie in einem 70-Prozent-Pensum arbeiten kann und dadurch genug Ruhezeit hat. Denn: «Es geht extrem an den Körper, aber auch an die Psyche. Man braucht Zeit, um zu verarbeiten, was man sieht und was man erlebt.»

Tschannen spricht von Versorgungsproblem

Sorgen bereitet ihr neben den knapp aufgestellten Teams die kurze Verweildauer im Pflegeberuf. Vierzig Prozent der Pflegenden steigen aus – oft schon kurz nach der Ausbildung. Das schwächt bestehende Teams. Andere müssen dann einspringen, können sich dadurch weniger gut erholen und fallen später selbst aus.

Patricia Tschannen aber liebt ihren Beruf: «Es ist ein sehr attraktiver Beruf, weil er vielseitig ist, weil er direkt am Menschen ist. Ich muss mich nie fragen, welchen Sinn meine Arbeit hat.» Aber unter den bestehenden Bedingungen werde die nächste Generation diesen Beruf gar nicht erst ergreifen.

Die Schweiz laufe in ein Versorgungsproblem. Deshalb müsse die Pflegeinitiative umgesetzt werden, fordert die Pflegefachfrau. Ihre Priorität sind verbindliche Vorgaben zur Grösse eines Teams im Verhältnis zur Anzahl Patienten oder Bewohnerinnen.

Person erhält Infusion im Krankenhausbett.
Legende: Blutentnahme im Akkord: Jede Nachtschicht ist anders. Keystone / Gaetan Bally

Ihre Nachtschichten im Spital seien sehr unterschiedlich. Manchmal gebe es kaum Zeit für eine Pause während der Runden durch die Abteilung. «Es kann dann schon passieren, dass ich innerhalb einer Stunde zehn Blutentnahmen machen muss.» Darin sei sie aber ziemlich gut, meint Tschannen lachend.

Um sechs Uhr bricht die letzte Stunde im Nachtdienst an. Es sei die strengste Runde, aber «es ist für mich auch die schönste Runde, weil dann die Patienten wach sind und wir noch einige Worte wechseln können».  

Der Tag und das Spital erwachen – Feierabend für Patricia Tschannen.

Rendez-vous, 28.4.2026, 12:30 Uhr;stal;brus

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