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Nagra-Bohrungen am Bözberg
Aus Rendez-vous vom 27.05.2020.
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Endlager radiokative Abfälle Das Loch ist das Ziel

Seit 40 Jahren sucht die Schweiz ein Standort für radioaktiven Abfall. Jetzt bohrt die Nagra am Bözberg.

Es ist ein metallisches Ungetüm, das sich auf dem Bözberg in den Untergrund bohrt. Projektleiter und Geologe Michael Gysi von der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) erklärt: «Wir wollen ungefähr 1000 Meter in den Boden bohren. Unser Hauptinteresse liegt beim Opalinuston, der liegt circa auf 500 Meter Tiefe.»

Was ist Opalinuston?

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Der Opalinuston ist eine Gesteinsschicht, die gut 170 Millionen Jahre alt ist. Einst waren es Meeresablagerungen, die sich zu einer über 100 Meter dicken Schicht verdichtet haben. Aus Sicht der Nagra eignet sich der Opalinuston für ein Tiefenlager, weil es vergleichsweise weiches Gestein ist, das sich allfälligen Behältern mit radioaktivem Abfall anpasst. Zudem gilt das Gestein als selbstabdichtend, eindringendes Wasser von aussen wird also ferngehalten.

Dieses Gestein kommt sowohl unter dem Bözberg vor als auch an den beiden anderen Standorten. Die Nagra ist überzeugt, dass in diesem Gestein der radioaktive Abfall für die nächsten 200'000 Jahre sicher eingelagert werden kann.

Zwei Probebohrungen finden in den kommenden Monaten am Bözberg statt. Seit Ende April laufen die Arbeiten am ersten Bohrplatz. Laufend werden drei Meter lange Bohrkerne an die Oberfläche geholt. «Die Analysen werden zum grossen Teil an der Universität Bern, aber auch in spezialisierten Labors im Ausland durchgeführt», erklärt Michael Gysi. Bis alle Resultate vom Bözberg vorliegen, dauert es noch ein paar Monate.

Beide Standorte würden sich für ein Tiefenlager eignen
Autor: Philipp SennGeologe Nagra

An den beiden anderen Standorten, Nördlich Lägern und Zürich Nordost, sind die Bohrungen bereits ausgewertet. Philipp Senn, Geologe und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei der Nagra: «Wir sehen tatsächlich schon heute gewisse Unterschiede zwischen den Standortgebieten.» So seien die Gesteinsschichten unter- und oberhalb der Opalinustonschicht nicht überall gleich dick. Solche Unterschiede könnten entscheiden, wo ein Tiefenlager gebaut werden sollte, erklärt Senn. Aber schon heute sei klar: «Beide Standorte würden sich für ein Tiefenlager eignen.»

Widerstand gibt es an allen Standorten

In allen drei möglichen Standortgebieten gibt es Widerstand gegen ein allfälliges Tiefenlager. Auch am Bözberg. Fährt man den Bözberg hoch, stehen am Strassenrand grosse, gelbe Plakate mit der Aufschrift: «Kein Atommüll im Bözberg» (KAIB). Dahinter steht ein Verein mit rund 700 Mitgliedern. KAIB-Präsident Max Chopard: «Hier sind wir in einem Gebiet mit viel Wasser und mit geologischen Störungszonen. Da zweifeln wir, ob das wirklich der bestmögliche Standort ist.»

Der Verein stützt sich dabei auf eigene geologische Analysen. Die Nagra widerspricht: Wenn die Region ungeeignet wäre, würden nicht Dutzende Millionen Franken in Bohrungen investiert. Ob der Bözberg besser oder weniger gut geeignet sei als die beiden anderen Orte, wisse man erst in rund zwei Jahren. Dann sollten die drei Standorte anhand der Resultate miteinander verglichen werden können.

KAIB: Lokaler Widerstand

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Den Verein «Kein Atommüll im Bözberg» (KAIB) gibt es seit Mai 2010. Damals ist der Bözberg erstmals als möglicher Standort für ein Tiefenlager für radioaktiven Abfall genannt worden. Seither wehrt sich der Verein gegen eine unterirdische Anlage am Bözberg. Gemäss eigenen Angaben hat der Verein aktuell rund 700 Mitglieder. Rund die Hälfte davon stammt aus den Standortgemeinden rund um den Bözberg, die andere Hälfte aus anderen Teilen des Kantons Aargau.

Der Verein KAIB bleibt jedoch skeptisch, auch wenn Chopard den laufenden Probebohrungen sogar Positives abgewinnen kann: «Diese Bohrungen könnten tatsächlich Schwierigkeiten bestätigen. Aber das Problem daran ist, dass die Nagra bohrt, auswertet und die Ergebnisse kommuniziert. Wir finden das problematisch.»

Die Nagra wird in rund zwei Jahren einen Vorschlag machen, wo das Lager aus geologischer Sicht am geeignetsten wäre. Anschliessend werden Bundesrat und Parlament über den Standort entscheiden, allenfalls gibt es auch noch eine Volksabstimmung. Fiele der Entscheid für Bözberg, will KAIB das Referendum ergreifen.

Somit ist schon jetzt klar, dass frühestens Mitte dieses Jahrhunderts radioaktiver Abfall in der Tiefe entsorgt werden könnte. Fast 100 Jahre nachdem in der Schweiz das erste Kernkraftwerk ans Netz ging.

Wer ist die Nagra?

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Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) wurde 1972 gegründet und hat den Auftrag, die radioaktiven Abfälle aus den Kernkraftwerken, Medizin, Industrie und Forschung in der Schweiz sicher einzulagern. Allerdings hat die Schweiz ihren radioaktiven Abfall bis 1982 im Atlantik entsorgt. Seither ist klar, dass der Abfall innerhalb der Schweiz eingelagert werden muss. Nachdem während mehrerer Jahrzehnte der Wellenberg im Kanton Nidwalden als möglicher Standort für ein Lager zur Debatte stand, fokussiert die Nagra jetzt auf die drei Standorte Zürich Nordost, Nördlich Lägern und Jura Ost (Bözberg).

«Rendez-Vous», 27.5.20, 12:30 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Hans-Ulrich Rechsteiner  (Rechi)
    Es ist ja klar, wenn jeder Verein, der von der Sache so wieso nichts versteht, seinen Senf dazu gibt, wird es nie ein Endlager geben. In solchen Fragen soll das Volk gar nicht mitreden dürfen, das bringt nichts.
  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Der Dreck ist da, Tonnenweise. Letztlich wird der Bund einfach befehlen müssen, wo das Endlager hinkommt. Oder er wird die umliegenden Gemeinden mit grosszügigen Geldflüssen milde stimmen und so zu einem Ja bewegen. Viel Geld.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Tiefenlager für Atommüll: International nach Lösungen suchen!

    Muss denn wirklich jedes Land mit Atomkraftwerken ein eigenes Tiefenlager betreiben? Sind die Risiken einer Vielzahl von Tiefenlagern, womöglich noch an nur bedingt geeigneten Standorten, nicht höher als bei international koordinierten, geologisch am besten geeigneten Standorten? Für alles und jedes werden internationale Lösungen gesucht, nur beim Atommüll scheint dies nicht zu funktionieren.
    1. Antwort von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
      Die Forderung nach internationalen Lösungen geht alleine schon deswegen nicht, weil sich die Schweiz gegenüber der EU abschottet. Und nur diese Zusammenarbeit brächte ein Ziel. Allerdings möchte ich noch sagen, Wir haben den Dreck produziert, ihn einfach mal schnell zu exportieren wäre typisch schweizerisch nach dem Motto "wir bezahlen einfach" Es könnte aber auch sein, dass ein internationales Lager in den Bözberg kommt.