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Seeland: Ringen um ehemaliges «Polenlager»
Aus Rendez-vous vom 01.09.2022. Bild: KEYSTONE/ARCHIV/Walter Henggeler
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Erinnerungsort im Bernbiet Wie weiter mit dem letzten Überbleibsel des «Polenlagers»?

Die Nachkommen von internierten Soldaten der polnischen Armee wollen das einzige noch stehende Gebäude in Büren an der Aare vor dem Verfall retten. Die Eigentümer sperren sich.

Ein Schuppen mit rissiger Fassade, verfallenem Dach und bröckelndem Kamin ist übriggeblieben. Das frühere Waschhaus auf einem Feld in Büren an der Aare ist der letzte noch sichtbare Zeuge des ehemaligen Interniertenlagers. Wo heute eine grüne, frisch gemähte Wiese ist, standen während des 2. Weltkriegs über 120 Gebäude. Aus dem Boden gestampft innert wenigen Monaten, wurden hier zwischen 1940 und 1942 polnische Soldaten untergebracht und bewacht.

Männer erstellen eine Holzbarracke. Ein Soldat überwacht die Arbeiten.
Legende: Internierte Soldaten aus Polen errichten im August 1940 Barracken für das Lager in Büren an der Aare. Ein Soldat der Schweizer Armee überwacht die Arbeiten. Keystone/Photopress-Archiv/Walter Henggeler

Wie ein Magnet ziehe ihn dieser Ort an, sagt Witold Konkol: «Bei jeder Velotour Richtung Seeland mache ich hier Halt.» Zusammen mit Stefan Paradowksi läuft er um das Waschhaus. «Dieses Gebäude steht für das, was unseren Vätern während des Krieges in der Schweiz widerfahren ist», so Paradowski. Die Väter der beiden Männer gehörten zu jenen 12'000 polnischen Soldaten, die 1940 in der Schweiz interniert wurden.

Erfolgloser Kampf

Die polnischen Soldaten wurden damals auf mehrere Lager und in der ganzen Schweiz verteilt. Es ist darum unklar, ob die Väter von Witold Konkol und Stefan Paradowski tatsächlich in Büren an der Aare interniert wurden. Trotzdem ist es den beiden Pensionären eine Herzensangelegenheit, den baufälligen Schopf auf dem Feld an der Aare vor dem Verfall zu retten: «Nur so bleibt die Geschichte greifbar und die Erinnerung lebendig.»

Holzbaracken, dazwischen Männer, die eine Strasse bauen.
Legende: Im Sommer 1940 werden in nur drei Monaten 120 Baracken und Gebäude aus dem Boden gestampft. Im Oktober wird das Lager mit rund 1'500 Internierten eröffnet. Keystone/Photopress-Archiv/Walter Henggeler

Zusammen mit anderen Nachfahren polnischer Soldaten setzen sie sich für den Erhalt ein, möchten den Schopf sanieren und im besten Fall einen Gedenkort daraus machen. Ein Vorhaben, dass auch der örtliche Heimatverein, die Gemeinde und der Kanton Bern unterstützen. Das kantonale Amt für Landwirtschaft und Natur versuchte gar, das Land, auf dem der Schopf steht, zu kaufen. Bisher aber ohne Erfolg. Die Besitzerfamilie sperre sich gegen einen Dialog, sagen Witold Konkol und Stefan Paradowski.

Polnische Soldaten in der Schweiz

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Frankreich, Juni 1940: Polnische und französische Soldaten kämpfen Seite an Seite gegen Hitlers Wehrmacht. Sie scheitern und fliehen in einer Juninacht in die Schweiz, wo sie interniert werden.

Die 12'000 Polen sollen aus Kostengründen zentral an einem Ort untergebracht werden. Es entstehen Grosslager, eines davon in Büren an der Aare.

Innert kurzer Zeit wird das Lager an der Aareschlaufe aus dem Boden gestampft: 120 Baracken, umzäunt mit Stacheldraht. Im Oktober 1941 wird das Lager eröffnet.

Die Zustände im Lager sind miserabel, es kommt zur Meuterei. Es zeigt sich, dass das eine Fehlkonzeption ist. In der Folge werden fast alle der über 3'500 hier internierten Polen in andere kleinere Lager in der ganzen Schweiz verteilt.

Max Müllers Familie gehört das Land. «Während fünfzig Jahren hat sich niemand für den Schuppen interssiert, und nun ist plötzlich das Interesse da», sagt er. Der Boden sei verpachtet, sagt er, und solange der Schopf stehe, werde er als Scheune genutzt, so Max Müller.

«Gedenksteine sind ausreichend»

Er habe zwar Verständnis dafür, dass der Schuppen für die Nachkommen der polnischen Soldaten wichtig sei, aber auch seine Familie seit stark mit dem Land verbunden: «Mein Grossvater musste damals während des Krieges das Land hergeben, nach dem Krieg hat mein Vater das Land bewirtschaftet. Und ich, ich bin hier aufgewachsen.»

Max Müller verweist auf die grossen Steine des Denkmals, die wenige Schritte vom baufälligen Schuppen stehen. «Meine Familie hat bereits dafür Land hergegeben.» Vor zwanzig Jahren wurden die Steine aufgestellt und mit Erinnerungs- und Informationstafeln versehen. Seither dienen sie als Denkmal. «Das reicht, um sich ein gutes Bild der damaligen Situation zu machen», sagt Max Müller.

Granitstein mit Informationstafel
Legende: Seit 2000 erinnern diese Granitblöcke an das Schicksal der polnischen Soldaten in der Schweiz während des 2. Weltkriegs. SRF/Matthias Baumer

Für Witold Konkol und Stefan Paradowski sind die Gedenksteine nicht genug. Sie wollen mehr, wollen, dass die Geschichte ihrer Väter und der 12'000 internierten polnischen Soldaten weiterhin sichtbar bleibt: «Wir kämpfen weiter für den Schopf und gegen das Vergessen.»

SRF 1, Rendez-vous, 01.09.2022, 12:30 Uhr;

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