Zum Inhalt springen

Header

Audio
Die Stromproduktion im Umbruch
Aus Trend vom 20.09.2019.
abspielen. Laufzeit 15:15 Minuten.
Inhalt

Erneuerbare Energien Ein Boom in Deutschland mit Strahlkraft bis in die Schweiz

Dank staatlicher Förderbeiträgen boomen erneuerbare Energien in Deutschland. Mit Auswirkungen auf ganz Europa.

Mittag, blauer Himmel über Süddeutschland. An diesem Herbsttag entfaltet die Sonne nochmals ihre volle Kraft. So wie schon oft in diesem Jahr. Zwischen Tausenden von Solarmodulen steht Bene Müller und bilanziert: «2019 ist ein leicht überdurchschnittliches Solarjahr. Das lässt sich bereits jetzt sagen, weil drei Viertel des Jahresertrages im Sommer kommen, von April bis September».

Bene Müller ist Geschäftsführer von Solarcomplex, einem Solarunternehmen aus Singen (D). Im Raum Konstanz hat das Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren über 1000 Photovoltaik-Anlagen gebaut. Eine davon ist in Rickelshausen, wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt: «Das ist unsere erste Photovoltaik-Anlage auf einer Freifläche, hier auf einer stillgelegten Mülldeponie. Wir machen rund 7 Millionen Kilowattstunden im Jahr.» Das entspricht dem privaten Stromverbrauch von 7000 Menschen.

Sonne und Wind im Aufschwung

Die Solaranlage in Rickelshausen ist eine von über zwei Millionen Photovoltaik-Anlagen, die inzwischen in Deutschland installiert ist. Sie steht damit auch für den gewaltigen Ausbau der erneuerbaren Energiequellen in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten: Im ersten Halbjahr 2019 dürften 44 Prozent des deutschen Stroms aus Wasserkraft, Wind, Sonne oder Biomasse kommen, so die jüngste Schätzung des Umweltbundesamts. Ein neuer Rekord. Noch vor 20 Jahren hatten die erneuerbaren Energien einen Anteil von wenigen Prozenten. Parallel dazu ist die Stromproduktion von Kohle- und Kernkraftwerken stetig zurück gegangen.

Durchbruch dank staatlicher Förderung

Angeschoben wurde der Boom der erneuerbaren Energien durch staatliche Förderbeiträge. Die Grundlage wurde im Jahr 2000 mit dem Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) gelegt. «Ohne die staatliche Förderung würden wir nicht da stehen, wo wir heute sind», ist Solarpionier Müller überzeugt und fährt fort: «Auch wäre kein Massenmarkt für Solarmodule entstanden».

Der Boom der erneuerbaren Energien wird in Deutschland weitergehen. Doch bereits heute hat er Auswirkungen auf die Stromproduktion in ganz Europa. An sonnigen Tagen ist der Anteil des Solarstroms zwischenzeitlich so gross, dass die Strompreise sinken. Die Folgen davon zeigen sich auch im Berner Oberland, im Haslital.

Der Strompreis bestimmt die Stromproduktion

Mittag, blauer Himmel über dem Haslital. «Jetzt läuft bei uns nur eine von 5 Maschinen», erklärt Gian-Marco Maier, Produktionsleiter bei den Kraftwerken Oberhasli (KWO), in der riesigen Kaverne in Innertkirchen. Hier befindet sich das leistungsstärkste von insgesamt 13 Kraftwerken der KWO.

Weiter oben, im Grimsel- und Sustengebiet, fassen die KWO das Wasser der umliegenden Gletscher und nutzen es ein erstes Mal zur Stromproduktion. Über unterirdische Druckstollen gelangt das Wasser anschliessend ins Tal, treibt in Innertkirchen nochmals die Turbinen an und ergiesst sich schliesslich in die Aare. So produziert die KWO jährlich Strom für eine Million Menschen.

«Wir haben jetzt Mittag, die Sonne scheint. Das heisst, momentan gibt es wahrscheinlich in Europa Strom im Überfluss», erklärt Maier. Ein Blick auf die Strompreiskurve bestätigt seine Vermutung: Am Mittag erreichen die Strompreise für diesen Tag ihren Tiefpunkt; ein Indiz für ein grosses Stromangebot. Angesichts des sonnigen Wetters in Deutschland, ist ein Teil dieses Angebotes der dortigen Solaranlagen zuzuschreiben. Die KWO wiederum setzt ihre Maschinen mit Vorliebe dann in Betrieb, wenn die Preise höher sind. Ein Zeichen, dass Strom eher knapp ist: «Am Morgen, zwischen 6 und 10 Uhr, und ab 18 Uhr sobald die Sonne untergeht», erklärt Maier anhand einer Grafik, die den Produktionszyklus der Turbinen für den gesamten Tag zeigt.

…und wenn es regnet und kalt ist?

Im Haslital zeigt sich wie stark der Strompreis heute die Produktion steuert. Und zwar über die Landesgrenzen hinweg. Wenn es in Deutschland allerdings regnet oder windstill ist, sieht die Situation ganz anders aus. Erst recht in den kalten und trüben Wintermonaten. In solchen Situationen liefern die Kern- und Kohlekraftwerke in Deutschland konstant Strom. Auch die Schweiz bezieht während dieser Periode einen Teil ihres Strombedarfs bei diesen Anlagen. Ab Dezember dürfte es wahrscheinlich sogar noch mehr sein, weil das AKW Mühleberg endgültig vom Netz geht.

In Deutschland stehen allerdings beide Kraftwerkstypen auf dem Abstellgeleis: Bis 2022 werden alle Kernkraftwerke ausser Betrieb gesetzt. Die Stein- und Braunkohlekraftwerke wiederum sind wegen ihres immensen CO2-Ausstosses umstritten. Die Schweiz und Europa stehen somit vor der Herausforderung, dass – insbesondere – im Winter nicht der Strom ausgeht.

Stromspeicherung für die kalten Monate

Die Schweiz ist mit ihren Speicher- und Pumpspeicherseen vergleichsweise gut aufgestellt. Allerdings müssen für eine sichere Stromversorgung die Speicherkapazitäten ausgebaut werden. Die KWO verfolgt zwei Projekte: Eine Erhöhung der Grimselsee-Staumauer würde das Fassungsvermögen deutlich vergrössern. Das zweite Projekt wäre der Bau einer neuen Staumauer beim sich zurückziehenden Triftgletscher. «Mit beiden Projekten hätten wir die Möglichkeit, zusätzlich 500 Gigawattstunden Strom vom Sommer in den Winter zu verlagern. Das ist ein wesentlicher Beitrag», erklärt Gian-Marco Maier in der Leitzentrale Innertkirchen. Der Bund geht davon aus, dass die Schweiz bis 2050 die Jahresproduktion der Wasserkraft um gut 3'200 GWh auf 38'600 GWh ausbauen muss. Bislang zögern die Aktionäre der KWO allerdings mit einer Umsetzung der beiden Projekte: Zum einen wegen der tiefen Strompreise, zum anderen wegen hängiger Einsprachen.

In jedem Fall aber wird sich die Stromerzeugung in Europa in absehbarer Zeit weiter stark verändern, vor allem werden die erneuerbaren Energien die fossilen und nuklearen Quellen immer mehr ablösen.

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

68 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Fritz Münz  (Fritz Münz)
    Laufen die Pumpen der Pumpspeicherwerke zur Mittagszeit auf Hochtouren, um den überschüssige Strom zu speichern?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Jonas Bless  (Jonas Bless)
      Nur weil etwas Lärm macht heisst nicht, dass es auch produziert. Siehe SVP.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Arno Zingg  (Arno Zingg)
      Lieber Herr Münz, wie denken Sie funktioniert ein Pumpspeicherkraftwerk? Genau, überschüssiger Strom wird ins höher gelegene Becken hochgepumpt. Wenn Pumpen auf Hochtouren laufen, wird genau das getan, was im Bericht erwähnt wird. Wie wollen Sie sonst überschüssigen Strom in Stauseen speichern? Soll das Wasser selber hochfliessen?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Dominique Scheidegger  (donkey)
    Auf dem Dach jeden Hauses werden Solarzellen montiert, Versorger und Beleuchtung werden auf 12 oder 24 Volt beschränkt.Mit 2000 Watt Wandlern kann auch Normalstrom genutzt werden.Hitze einer Solarzelle und Regenwasser, kann als Trink und Brauchwasser verarbeitet werden.Ein Dieselmotor, würde als Wärme Erzeuger,Heizwasser und Stromerzeuger fungieren. Fäkalien können als Biogaserzeuger erstellt werden. Brennbare Abfälle mit Filteranlagen, als Wohnungsöfen, verwendet werden. Dominique Scheidegger
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Ich benötige keinen Dieselmotor, ausser (noch) im Auto.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    2019 war bisheriges Rekordjahr mit negativen Strompreisen, d.h. Grossabnehmern wurde für's sinnlose "Verheizen" von Strom sogar Geld ausbezahlt (zB in Weichenheizungen der DB), gleichzeitig wurden Solaranlagenbetreibern für denselben Strom rund das 7-fache des jahresdurchschnittlichen Preises ausbezahlt, und Windanlagen wurde für das Abstellen ihrer Anlagen ebenso viel ausbezahlt. Dieser "Irrsinn" kostet in DE inzwischen über 30Mia€ jährlich, oder 400€ pro Einwohner, vom Kleinkind bis zum Greis.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Hr. Zehner, Ihre Zahlen sind komplett falsch. Zum ersten wurde in D in den letzten 4 Jahren jedes Mal die Menge abgeregelten Stroms reduziert, obwohl die Lieferung von Windenergie jedes Mal gesteigert werden konnte. 2018 waren es total 5.4 TWh was Deutschland ca. 200 Mio gekostet hat. Der Grund dafür ist der zu langsame Netzausbau. An Emosson denkend wage ich zu sagen das wir in der CH zum Thema Netzausbau nicht mit dem Finger auf D. zeigen sollten. Mit weiterem Netzausbau wird das besser.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Norbert Zehner  (ZeN)
      br: Ach was, beim angeordneten Abregeln von Wind- und Solarstrom, damit Netz nicht zusammenbricht, wird Betreibern genauso viel vergütet wie wenn sie einspeisen würden, macht inzwischen über 1Mia€ pro Jahr aus. Das Pikante daran: wird nicht über EEG Abgabe finanziert, sondern über (erhöhte) Netzgebühren, mit Ausrede, es sei "Netzstabilisierung". Anstatt "Netz-Destabiliserer" Wind und Solar für den "angerichteten" Schaden zu belangen, wirft man ihnen noch eine "Belohnung" nach. E-Wende-Irrsinn.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen