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Aus Echo der Zeit vom 26.10.2020.
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Erschöpftes Spitalpersonal Intensivpflegerin: «Emotionale Belastung ist extrem hoch»

Wie sieht es aus auf einer Intensivstation – jetzt, wo sich die zweite Welle vor uns auftürmt? Und mit welchen Herausforderungen hat die Pflege auf der Intensivstation zu kämpfen? Paola Massarotto vom Universitätsspital Zürich kennt die Situation an der Spitalfront. Sie warnt eindringlich davor, dass das erschöpfte Pflegepersonal an seine Grenzen stossen könnte.

Paola Massarotto

Paola Massarotto

Mitglied Leitung Pflege, Unispital Zürich

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Massarotto ist Mitglied der Leitung Pflege auf der Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin.

SRF News: Wie ist die aktuelle Situation am Universitätsspital Zürich?

Paola Massarotto: Aktuell haben wir Covid-Patientinnen und -Patienten auf der Intensivstation. Diese sind mit den anderen Patienten, die wir auf der Intensivstation haben, in der Balance. Das heisst, wir haben noch Kapazitäten für weitere Covid-Patienten.

Wie gross ist die Belastung für das Pflegepersonal derzeit?

Sie ist sehr hoch. Seit der ersten Welle im Frühjahr hatten wir viele Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation. Die Erholung für die Kolleginnen und Kollegen in der direkten Pflege war sehr gering. Nicht nur die körperliche, sondern auch die emotionale Belastung ist extrem hoch bei der Begleitung von Covid-Patienten.

Nicht nur die körperliche, sondern auch die emotionale Belastung ist extrem hoch bei der Begleitung von Covid-Patienten.

Die Kolleginnen und Kollegen sind neben ihrer professionellen Tätigkeit auch Privatpersonen. Die unsichere Situation mit der Corona-Pandemie hat sie sehr belastet, sowohl während der Arbeitszeit als auch während der Freizeit. Der Erholungswert war sehr niedrig.

Wie äussert sich diese grosse psychische Belastung für das Pflegepersonal?

In der ersten Welle waren viele Kolleginnen und Kollegen bereit, Ausserordentliches zu leisten. Jetzt merken wir, dass viele von ihnen schneller einmal krank sind, keine Energie mehr haben und auch sagen, dass sie müde sind und schlechter schlafen. Diese Belastungen bereiten uns Sorgen.

Die Spitalverantwortlichen hatten über den Sommer ein paar Monate Zeit, die Bedingungen für das Personal zu verbessern und Lehren aus der ersten Welle zu ziehen. Ist das geschehen?

Die Situation hat sich bezogen auf Material und Geräte verbessert. Diese sind jetzt vorrätig. Wir haben Beatmungsgeräte, aber für diese brauchen wir auch das entsprechende Personal. Diesbezüglich haben wir zwar einiges aufgegleist.

Wir haben die Befürchtung, dass es diesmal anders sein wird als im Frühjahr. Die Kolleginnen und Kollegen sind bereits ermüdet.

Wir hätten aber vermutlich auch noch mehr tun können. Die Personalsituation im Gesundheitswesen ist angespannt, nicht nur bei den Pflegenden, auch bei den Ärzten. Wir suchen Personal, aber das findet man nicht immer.

Sie sagen, man hätte mehr tun können. Warum ist das nicht geschehen?

Geschehen ist es sicherlich. Wenn wir bloss eine Glaskugel hätten und wüssten, wie sich die Situation in den kommenden Wochen entwickeln wird. Wir haben die Befürchtung, dass es anders sein wird als im Frühjahr. Die Kolleginnen und Kollegen sind bereits ermüdet. Wir hätten sie vermutlich mehr und intensiver unterstützen sollen.

Auftakt zu Protestwoche

Auftakt zu Protestwoche

In der ganzen Schweiz beginnt heute eine Protestwoche des Pflegepersonals, die am Samstag mit einer Aktion auf dem Bundesplatz in Bern enden wird.

Das Pflegepersonal fordert konkrete Massnahmen, um eine zweite Welle in der Pandemie bewältigen zu können. Dazu gehören verstärkter Schutz, eine Corona-Prämie – und grundsätzlich bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitsbereich.

Massarotto schliesst sich dem Protest an. Sie fordert, dass die Arbeitsbedingungen nun nachhaltig verbessert werden. «Der Pflegeberuf muss für die Zukunft gestärkt und gut positioniert werden.» Jetzt sei der richtige Zeitpunkt dafür.

Sie sind Mitglied im Vorstand der schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin. Wie gut sind die Schweizer Spitäler für die nächsten Wochen vorbereitet?

Ich denke, sie sind gut vorbereitet. Wir sind im ständigen Kontakt untereinander und versuchen herauszufinden, wo die Engpässe sind. Natürlich können wir nicht immer gleich Unterstützung leisten. Grundsätzlich sind wir aber gut vorbereitet.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Echo der Zeit vom 26.10.2020, 18 Uhr;

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77 Kommentare

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  • Kommentar von Heidi Kübler  (Heidi Kübler)
    @Eva Wädensweiler Intensivpflege ist sehr aufwendig. Die verschiedenen Zugänge dürfen nicht abgeklemmt werden. Ob es 6+Pflegende benötigt um evtl+80 Kilo von der Rückenlage in die Bauchlage zu heben, in voller Schutzkleidung und einer 12 Std. Schicht? Mit Sicherheit. Ob diese Anzahl immer zur Verfügung steht, möchte ich bezweifeln. Das soll aber kein Streit Wirtschaft gegen Pflege werden, sondern wie wir die Situation für beide Seiten verbessern können. Lieber Wirtschaftshilfe als Kampfjets.
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  • Kommentar von Barbara Jermann  (BarbaraJ)
    Solange es Ärzte gibt die COVID positive aber asymptomatische Patienten zur Arbeit schicken weil sie ja nicht krank sind, frage ich mich, was es für einen Sinn macht, dass sich andere am anderen Ende der Realität überanstrengen.
    Ich selber war nach einer Swiss COVID App Notifikation gestern testen und danach wurde ich wieder zur Arbeit geschickt. Ich solle einfach nur "unnötige Kontakte" verhindern.
    Tja...
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  • Kommentar von Paul Borer  (Paulus)
    Das Personal auf den Intensivstationen ist durch Corona bestimmt überlastet.
    Was mir zu denken gibt, ist die extreme Bürokratie in den Spitälern.
    Eine kleine Untersuchung an der CHUV kam ja unlängst zum Schluss, dass die Assistenzärzte dreimal so lange vor dem Computer wie vor den Patienten sitzen. Konkret waren es 1,7 Stunden beim Patienten, aber 5,2 Stunden an elektronischen Geräten wie Computer oder Tablet. Das wird beim Pflegepersonal ganz ähnlich aussehen.
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    1. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      Paulus. Meine Frau arbeitete bis zur Pensionierung in einem Pflegeheim. Was sie alles am PC aufschreiben musste kann man fast nicht begreifen. Vieles für die Krankenkassen.
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