Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana nun schon die nächste. Ein Mann hat sich in einem Postauto in Kerzers FR selbst in Brand gesetzt. Das Feuer hat sich innerhalb einer Minute ausgebreitet. Dabei sind sechs Menschen ums Leben gekommen, darunter auch der mutmassliche Täter. Fünf weitere Personen wurden verletzt.
Solche einschneidenden Ereignisse werfen auch Fragen auf: Wie reagieren Menschen in solchen Notsituationen und wie kann man helfen?
Wenn der Mensch in eine Notsituation gerät, dann reagieren wir automatisch. Das sei auch biologisch bedingt, sagt Urs Braun, Präsident des Vereins Notfallpsychologie. Anstatt unsere Reaktion auszuwählen, laufen automatische Programme ab: Flight, Fight oder Freeze. So könne es sein, dass wir in Gefahrensituationen die Flucht ergreifen, uns entscheiden zu kämpfen, also in diesem Falle auch zu helfen, oder eben erstarren und für einen Moment handlungsunfähig werden.
Was uns hindert, zu helfen
Ein Phänomen, das die Menschen daran hindert, in Notsituationen zu helfen, nennt sich «Bystander-Effekt». Es wurde von den amerikanischen Sozialpsychologen John M. Darley und Bibb Latané geprägt.
Laut ihrer Forschung muss eine Person fünf Entscheidungsstufen durchlaufen, bevor sie einem Opfer tatsächlich hilft. Das Dilemma: Mit jeder Stufe wird die Bereitschaft zur Hilfeleistung immer unwahrscheinlicher.
Ein weiteres Phänomen, das bei jüngsten Katastrophen immer wieder beobachtet wird: Statt einzugreifen, beginnen Menschen zu filmen. Auch in Crans-Montana hat man das gesehen.
Petra Strickner, Notfallpsychologin und Leiterin des Freiwilligenteams der Stiftung Carelink, vermutet im Gebrauch des Handys auch eine Art Sicherheit: «Das Handy ist fast wie ein Reflex. Es gibt einem möglicherweise das Gefühl von Distanz zum Geschehen und es ist vertrautes Handeln – und das wiederum gibt uns Sicherheit», erklärt sie und betont: «Das sind jedoch lediglich Erklärungsversuche und keine Aufforderung, so zu handeln.»
Auch Braun sieht im Filmen eine unbewusste Gewohnheit. «Es ist eine allgegenwärtige Handlung geworden», meint er. Zudem könne heute ein zusätzlicher Anreiz entstehen: Wer ein spektakuläres Video aufnimmt, könnte damit in sozialen Medien Aufmerksamkeit bekommen. «Das ist sehr problematisch», sagt Braun.
Wie man vom Zuschauer zum Helfer wird
Dabei kann schon eine kleine Handlung den Unterschied machen. Oft gehe es zunächst darum, den Mut aufzubringen, überhaupt anzufangen. In diesem Zusammenhang spricht man von Zivilcourage – und die sei lernbar, betont Braun: «Das ist keine angeborene Charaktereigenschaft.»
Gleichzeitig sei es schwierig, in einer chaotischen Situation richtig zu reagieren, sagt Strickner. Hilfreich könnte sein, wenn jemand die Initiative bzw. Verantwortung übernimmt und klare Anweisungen gibt: «Du rufst den Notruf. Du sperrst die Strasse ab.» Solche direkten Aufforderungen wirken dem «Bystander-Effekt» entgegen.
Übung macht den Meister
Um in Notfällen handlungsfähig zu bleiben, ist Übung entscheidend. Oft fühlen sich Menschen nicht fähig zu helfen. Diese Zweifel können durch regelmässiges Üben verringert werden. «Darum ist es auch sinnvoll, Nothelferkurse immer wieder zu wiederholen», sagt Braun.
«Auch alltägliche Mechanismen zur Bewältigung von Stress können helfen», fügt Strickner hinzu. Dazu gehören etwa beruhigendes Atmen, eine aufrechte Körperhaltung oder das bewusste Strukturieren der Situation: Was passiert hier gerade? Was ist mein Auftrag?