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Erste Hilfe in Notsituationen Vom Zuschauer zum Helfer: Wie man im Notfall ins Handeln kommt

Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana nun schon die nächste. Ein Mann hat sich in einem Postauto in Kerzers FR selbst in Brand gesetzt. Das Feuer hat sich innerhalb einer Minute ausgebreitet. Dabei sind sechs Menschen ums Leben gekommen, darunter auch der mutmassliche Täter. Fünf weitere Personen wurden verletzt.

Solche einschneidenden Ereignisse werfen auch Fragen auf: Wie reagieren Menschen in solchen Notsituationen und wie kann man helfen?

Brennende Kerze vor gelbem Hintergrund mit unscharfer Schrift.
Legende: Beim Brand in einem Postauto in Kerzers kamen sechs Menschen ums Leben. Fünf weitere wurden verletzt. KEYSTONE/Anthony Anex

Wenn der Mensch in eine Notsituation gerät, dann reagieren wir automatisch. Das sei auch biologisch bedingt, sagt Urs Braun, Präsident des Vereins Notfallpsychologie. Anstatt unsere Reaktion auszuwählen, laufen automatische Programme ab: Flight, Fight oder Freeze. So könne es sein, dass wir in Gefahrensituationen die Flucht ergreifen, uns entscheiden zu kämpfen, also in diesem Falle auch zu helfen, oder eben erstarren und für einen Moment handlungsunfähig werden.

Was uns hindert, zu helfen

Ein Phänomen, das die Menschen daran hindert, in Notsituationen zu helfen, nennt sich «Bystander-Effekt». Es wurde von den amerikanischen Sozialpsychologen John M. Darley und Bibb Latané geprägt.

Laut ihrer Forschung muss eine Person fünf Entscheidungsstufen durchlaufen, bevor sie einem Opfer tatsächlich hilft. Das Dilemma: Mit jeder Stufe wird die Bereitschaft zur Hilfeleistung immer unwahrscheinlicher.

Die fünf Entscheidungsstufen

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  • Voraussetzung für eine Hilfeleistung ist, dass ich das Ereignis bemerke und dann als Notfall interpretiere.
  • Die Forschenden stellen fest, dass bereits die Anwesenheit anderer Menschen dazu führen kann, dass niemand hilft. Die zweite Stufe birgt also die Gefahr: Weil keiner eingreift, gelange ich schnell zur Auffassung, dass alles in Ordnung sein muss. In der Forschung nennt sich das «pluralistische Ignoranz».
  • Auf der dritten Stufe lauert eine weitere Hürde: Verantwortung. Nur wer sich persönlich dazu berufen fühlt, wird aktiv. Wenn fremde Personen an einer Bushaltestelle stehen, herrscht aber in der Regel keine Klarheit über Verantwortlichkeiten. So ergreift am Ende niemand die Initiative. Die Psychologie bezeichnet das als «Verantwortungsdiffusion».
  • Nun folgt die Frage: Wie genau soll man helfen? Zeuginnen und Zeugen, die darauf keine Antwort haben, werden im schlimmsten Fall gar nichts tun.
  • Zu guter Letzt kann auch die Furcht vor persönlichen Konsequenzen dazu führen, dass man Augen und Ohren verschliesst. Manche wollen sich nicht in Gefahr bringen oder haben Angst, dass sie sich strafbar machen.

Ein weiteres Phänomen, das bei jüngsten Katastrophen immer wieder beobachtet wird: Statt einzugreifen, beginnen Menschen zu filmen. Auch in Crans-Montana hat man das gesehen.

Petra Strickner, Notfallpsychologin und Leiterin des Freiwilligenteams der Stiftung Carelink, vermutet im Gebrauch des Handys auch eine Art Sicherheit: «Das Handy ist fast wie ein Reflex. Es gibt einem möglicherweise das Gefühl von Distanz zum Geschehen und es ist vertrautes Handeln – und das wiederum gibt uns Sicherheit», erklärt sie und betont: «Das sind jedoch lediglich Erklärungsversuche und keine Aufforderung, so zu handeln.»

Unterlassene Hilfe ist in der Schweiz strafbar

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Wer in der Schweiz einer Person in akuter Lebensgefahr nicht hilft, obwohl es zumutbar wäre, macht sich strafbar. Das ist im Schweizer Strafgesetzbuch Artikel 128 festgehalten. Unterlassene Hilfeleistung kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden.

Auch Braun sieht im Filmen eine unbewusste Gewohnheit. «Es ist eine allgegenwärtige Handlung geworden», meint er. Zudem könne heute ein zusätzlicher Anreiz entstehen: Wer ein spektakuläres Video aufnimmt, könnte damit in sozialen Medien Aufmerksamkeit bekommen. «Das ist sehr problematisch», sagt Braun.

Wie man vom Zuschauer zum Helfer wird

Dabei kann schon eine kleine Handlung den Unterschied machen. Oft gehe es zunächst darum, den Mut aufzubringen, überhaupt anzufangen. In diesem Zusammenhang spricht man von Zivilcourage – und die sei lernbar, betont Braun: «Das ist keine angeborene Charaktereigenschaft.»

So leiste ich Erste Hilfe:

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Die Samariter Schweiz empfehlen in einer Notsituation nach dem sogenannten Ampelschema vorzugehen.

Die Ampel steht auf Rot: In dieser ersten Phase beobachtet man lediglich und verschafft sich einen Überblick über die Situation.

Die Ampel schaltet auf Orange: Jetzt ist es Zeit, nachzudenken und mögliche Gefahren zu erkennen.

Die Ampel zeigt Grün: Erst in diesem letzten Schritt beginnt man zu handeln – notwendige Massnahmen treffen, Erste Hilfe leisten und den Notruf alarmieren.

Wichtig beim Helfen ist, dass man sich selbst nicht in Gefahr bringt. Man sollte erst helfen, wenn man mögliche Risiken erkannt und minimiert hat. Danach sollte man den Zustand der Person einschätzen. Ist die Person ansprechbar? Ist sie bewusstlos und wenn ja, atmet sie noch?

Um sicherzugehen, dass beim Notruf alles verstanden wird, sollte man am besten diesem Meldeschema folgen:

  • Wo ist der Unfallort?
  • Wer ist der Anrufer?
  • Wie lautet die Rückrufnummer?
  • Was ist genau passiert?
  • Wann ist der Unfall passiert?
  • Wie viele Personen sind betroffen?
  • Weiteres Gibt es besondere Gefahren?

Gleichzeitig sei es schwierig, in einer chaotischen Situation richtig zu reagieren, sagt Strickner. Hilfreich könnte sein, wenn jemand die Initiative bzw. Verantwortung übernimmt und klare Anweisungen gibt: «Du rufst den Notruf. Du sperrst die Strasse ab.» Solche direkten Aufforderungen wirken dem «Bystander-Effekt» entgegen.

Übung macht den Meister

Um in Notfällen handlungsfähig zu bleiben, ist Übung entscheidend. Oft fühlen sich Menschen nicht fähig zu helfen. Diese Zweifel können durch regelmässiges Üben verringert werden. «Darum ist es auch sinnvoll, Nothelferkurse immer wieder zu wiederholen», sagt Braun.

«Auch alltägliche Mechanismen zur Bewältigung von Stress können helfen», fügt Strickner hinzu. Dazu gehören etwa beruhigendes Atmen, eine aufrechte Körperhaltung oder das bewusste Strukturieren der Situation: Was passiert hier gerade? Was ist mein Auftrag?

SRF 4 News, 12.03.2026, 17 Uhr ; 

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