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Frank Urbaniok im Gespräch «Ich habe vieles gesehen, was man sich nicht vorstellen kann»

Der bekannteste Forensiker der Schweiz tritt zurück. Frank Urbaniok über Schwerverbrecher und die Macht der Psychiater.

Legende: Audio Gerichtspsychiater Frank Urbanioks Streben nach Sicherheit abspielen. Laufzeit 28:54 Minuten.
28:54 min, aus Samstagsrundschau vom 04.08.2018.

Er ist der Mann für die ganz schweren Fälle: Frank Urbaniok, der wohl bekannteste Gerichtspsychiater der Schweiz. Über 20 Jahre lang hat er nach schweren Gewalt- und Sexualverbrechen immer wieder öffentlich versucht, die Geschehnisse einzuordnen. Nun gibt er aus gesundheitlichen Gründen die Leitung des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich ab.

Mehr verwahrte Straftäter

Er sei kein Hardliner, sagt Frank Urbaniok in der «Samstagsrundschau» von SRF. Er wehrt sich vehement gegen diesen immer wiederkehrenden Vorwurf: «Ich glaube, das ist eine falsche Einordnung. Mir ging es immer darum, den Einzelfall möglichst genau abzubilden. Ideologische Sachen waren mir immer fremd.»

Doch Zahlen zeigen, dass in den letzten Jahren mehr gefährliche Straftäter verwahrt wurden. Das räumt Urbaniok ein. Er stellt aber klar: «Das ist auch eine Reaktion auf die 1990er-Jahre, als das Pendel auf der anderen Seite war und man zu naiv mit Risiken umgegangen ist.» Die Verschärfung, die danach eingetreten ist, sei berechtigt gewesen – auch wenn die Zahl der Verwahrten immer noch sehr klein ist. Diese liegt laut Urbaniok bei unter einem Prozent.

Denken in Schubladen?

Die Verwahrungsdiskussion begann 1993, als der Mord an einer 20-jährigen Pfadiführerin am Zollikerberg (ZH) die Schweiz erschütterte. Der Täter war auf Hafturlaub gewesen. Damals arbeitete die Gerichtspsychiatrie nach der Methode, dass alle Straftäter resozialisierbar seien. Nach dem Fall Zollikerberg hat Urbaniok die forensische Psychiatrie weiter entwickelt und jahrelang geprägt.

Er hat auch Fotres entwickelt, ein diagnostisches System zur Erfassung von Risiken bei Straftätern. So berechnet Urbaniok die Rückfall-Wahrscheinlichkeit eines Schwerverbrechers: «Wenn ein Täter sadistisch ist und Freude am Quälen von Menschen empfindet, reicht dieses Merkmal dafür aus, dass Gefährlichkeit ausgelöst wird. Es braucht nicht noch zehn andere.»

Die Gutachten und damit auch die Psychiater haben eine grössere Bedeutung, als vor 10, 20 Jahren.

Das System Fotres kommt auch in mehreren anderen Ländern zum Einsatz, sein Erfinder wurde über die Landesgrenze hinaus bekannt. Damit kam auch Kritik auf, er «schubladisiere» alle Straftäter und wolle möglichst viele wegsperren.

«Der Richter entscheidet»

Urbaniok kennt diese Kritik, er hält sie für falsch. Die Macht liege immer noch beim Richter: «Die Gutachten und damit auch die Psychiater haben eine grössere Bedeutung, als das vor 10, 20 Jahren gewesen ist. Die Rollenteilung ist aber nach wie vor die gleiche: Der Richter ist der, der entscheidet.»

Der Gerichts-Psychiater tut sich schwer mit der Frage, ob ihn der jahrelange Umgang mit Schwerstverbrechern verändert hat. «Ich bin sicher, dass mich das geprägt hat. Mir ist bewusst: Es gibt nichts auf der Welt, was es nicht gibt. Ich habe vieles gesehen, was man sich nicht vorstellen kann. Wichtig ist, dass man den Einzelfall betrachtet und nicht schubladisiert.»

Urbaniok gilt als unermüdlicher Schaffer, er wurde auch schon als «besessen» bezeichnet. Der Psychiater relativiert: «Ich würde eine nettere Vokabel wählen und von ‹Leidenschaft› sprechen. Aber man kann das schon so sehen.» Wegen einer schweren Erkrankung wird Professor Urbaniok nun beruflich kürzer treten.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Armin Schweigler (Armin)
    Besten Dank Hr. Urbaniok tolle Arbeit geleistet und garantiert die Forensic maßgeblich positiv verändert. Gute besserung und schnelle genesung.
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  • Kommentar von Alina Kunz (Milaja)
    Viele Opfer bekommen „lebenslang“, leider nicht die Täter. Die Justiz und die Allgemeinheit kümmern sich meines Erachtens viel zu viel um „das Wohl“ der Täter. Kuscheljustiz eben. Und da müsste vor allem auch die Psychatrie, die Täter-Gutachten verfasst zur Verantwortung gezogen werden, wenn u.a. ein Mörder später erneut zur Tat schreitet. Verwahrung ist meines Erachtens die Lösung, unbedingt. Wir alle sind für unsere Handlungen allein verantwortlich. Wer kümmert sich um schutzlose Opfer? Wer?
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    1. Antwort von Jörg Frey (giogio)
      Sicher nicht diejenigen, die ständig mit dem "Opferschutz" als Worthülse um sich schmeissen. Bei diesen so aufrechten und fürsorglichen Leuten, wird bei den Opfern nur gespart und wenn jemand reklamiert kommt dann die Worthülse der Eigenverantwortung zur Anwendung. Soviel zum Thema Verlogenheit.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Ich hoffe, Herr Urbaniok lässt seine Stimme doch noch irgendwie hören. Denn es gibt viel zu tun und er treibt die Entwicklungen in eine Richtung mit mehr Härte, Konsequenz und Opferschutz. Ich wünsche ihm noch viele schmerzfreie Jahre!
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