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«Patriarchalische Schwerkraft» bei Professur-Berufungen
Aus Echo der Zeit vom 17.06.2020.
abspielen. Laufzeit 06:27 Minuten.
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Frauenförderung an Hochschulen War der Mann tatsächlich besser?

Eine Berufung der HSG wirft Wellen, die Verbandsklage bleibt aus. Fakt bleibt: Professorinnen sind stark untervertreten.

Und der Gewinner ist – meistens der Mann. Zu diesem Schluss kommt, wer die Universitätsprofessuren anschaut. Die Juristin und Feministin Zita Küng sagt dazu: «Ich nenne das jeweils flapsig die patriarchale Schwerkraft. Wenn man nichts aktiv unternimmt, kommen die Männer eben wieder zum Zug. Man kann nicht darauf warten, dass es irgendwann keine Männer mehr hat.»

Ich nenne das jeweils flapsig die patriarchale Schwerkraft.
Autor: Zita KüngJuristin, im Vorstand des Verbands Juristinnen Schweiz

Auch die Universität St. Gallen (HSG) will den Frauenanteil bei Professuren erhöhen. Doch sie hat sich kürzlich bei einer Rechtsprofessur für einen Mann entschieden. Küng, im Vorstand des Verbands Juristinnen Schweiz, drängte wegen dieser Berufung auf eine Verbandsklage gegen die Universität St. Gallen. Denn sie glaubt, dass der Mann den Job bekommen hat, nicht weil er besser war. Doch der Vorstand lehnte ab.

3 zu 1: Professorinnen an Universitäten stark untervertreten

Laut Bundesamt für Statistik arbeiteten Ende 2018 an den Schweizer Universitäten 4116 Professorinnen und Professoren. Davon waren 76.8 Prozent Männer und nur 23.2 Frauen.

An der Rechtsabteilung der Universität St. Gallen beispielsweise sind 17 Prozent der Professuren von Frauen besetzt. In zwei Jahren sollen es gemäss eigenen Zielvorgaben schon 30 Prozent sein.

Küng: Chance verpasst

Das führte zu einem internen Eklat. Neben Küng traten ein weiteres Vorstandsmitglied sowie die Präsidentin zurück. «Es wäre die erste Verbandsklage in einem universitären Berufungsfall gewesen», bedauert Küng. Die Chance sei verpasst, die Universität zur Transparenz zu zwingen.

Anwältin Susanne Hirschberg hatte sich im Vorstand gegen eine Verbandsklage ausgesprochen. Ein solches Verfahren sei auch immer ein Risiko. Bei einer Niederlage hätte diese der Frauenförderung nicht geholfen, sondern geschadet: «Das Risiko war uns zu gross. Es gab Expertinnen, die sagten, die Ausschreibung an sich sei unter Umständen gar nicht so angreifenswürdig gewesen.»

Bei einer Niederlage hätte diese der Frauenförderung nicht geholfen, sondern geschadet.
Autor: Susanne HirschbergAnwältin, im Vorstand des Verbands Juristinnen Schweiz

Hirschberg befürchtet, dass die öffentliche Auseinandersetzung über den negativen Entscheid der Verbandsklage den Verband schwächt. Dass allgemein die Stimmen laut würden, Frauen stritten nur und täten nichts. Aber das sei definitiv nicht der Fall, betont Hirschberg. Der negative Entscheid sei kein Präjudiz für mögliche andere Fälle.

Uni St. Gallen: Der Mann war objektiv besser

Die Universität St. Gallen rechnete fest mit einer Verbandsklage, wie Benjamin Schindler als Vorsteher der Rechtswissenschaftlichen Abteilung erklärt: «Zuerst war ich froh, dass keine Klage eingegangen ist. Als die Sache in den Medien nochmals aufkochte, wäre mir fast lieber gewesen, das korrekte Vorgehen vor Gericht beweisen zu können.»

Schindler ist überzeugt, dass der gewählte Professor aufgrund objektiver Kriterien besser gewesen ist als die Frauen, die sich ebenfalls beworben haben.

In Studien belegt: unbewusste Mechanismen

Die Rechtsprofessorin und Rektorin der Universität Freiburg, Astrid Epiney, möchte sich zum Fall nicht äussern, sagt aber: «Es gibt Studien, die belastbar belegen, dass gewisse Voreingenommenheiten bei Bewerbungen spielen. Dass also Evaluierende die Dossiers von Frauen und Männern teilweise unterschiedlich beurteilen, ohne dass das unbedingt bewusst wird.»

Studien belegen gewisse Voreingenommenheiten bei Bewerbungen.
Autor: Astrid EpineyRechtsprofessorin, Rektorin der Universität Freiburg, im Vorstand von swissuniversities

Der Dachverband der Schweizer Hochschulen swissuniversities arbeitet an Empfehlungen, wie bei Berufungen Frauen nicht benachteiligt werden. Epiney sitzt im Vorstand. Die Universität St. Gallen habe bereits Strategien gegen solche Benachteiligungen und für die Frauenförderung, versichert die zuständige Direktorin Monika Kurath auf Anfrage.

Die Universität St. Gallen hat bereits Strategien gegen solche Benachteiligungen und für die Frauenförderung
Autor: Monika KurathDirektorin, Universität St. Gallen

Doch die Zahlen zeigen, dass noch viel gemacht werden muss. Auf die Frage im Parlament, ob der Bundesrat im Fall St. Gallen interveniere, sagte Bildungsminister Guy Parmelin: «Der Bundesrat ist überzeugt, dass der Frauenanteil bei Professuren erhöht werden muss.»

Echo der Zeit, 17.06.2020, 18:00 Uhr

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Stutz  (ElMathador)
    @SRF Interessant wäre zu wissen, wieviele Männer und wieviele Frauen sich für die Stelle beworben haben?
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    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Daniel Stutz
      Besten Dank für Ihren Hinweis. Unser Autor hat dies nachrecherchiert: Im Berufungsverfahren sind 17 Bewerbungen eingegangen, 11 davon von Männern, 6 davon von Frauen. Die Kommission hat dann drei Frauen und zwei Männer zu einem Vorstellungs-Referat eingeladen.
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    2. Antwort von Hans-Ulrich Rechsteiner  (Rechi)
      Offensichtlich war der Mann besser.
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  • Kommentar von Wolfgang Hartmann  (Wolfgang Hartmann)
    Eine australische Studie belegt: Bewerbungen von Frauen haben schlechte Chancen, besonders wenn sie noch schön sind, wenn der Personalchef eine Frau ist. Eine Förderung funktioniert nur bis der kritische Punkt des Interesses erreicht wird, Dann kippt es und stagniert. Diese Erfahrung machte Berlin. Ab einem gewissen Punkt gibt es keinen Zuwachs mehr und jegliche Förderung verpuffte. Es gibt viele Tramfahrerinnen aber fast keine Lokfahrerinnen, weil Frauen Berufe mit Menschenkontakt bevorzugen.
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  • Kommentar von Manuel Nagel  (mkrm)
    Diskriminierung ist oft nur an Statistiken und nicht an Einzelfällen eindeutig erkennbar. Selbstverständlich gibt es trotz Frauenförderung Situationen, wo es legitim ist, dass ein männlicher Bewerber das Rennen macht.
    Problematisch ist, wenn dies überproportional oft passiert. Man kann die Diskriminierung dann im Zweifel nicht auf konkrete Fälle runter brechen, real ist sie trotzdem.
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