Frisch gewagt ist halb verloren

Die Suva hatte einem Dirt-Biker nach einem Sturz die Taggelder um die Hälfte gekürzt. Ein entsprechender Beschluss ist vom Bundesgericht für rechtens befunden worden. Doch der Rechtsspruch erntet Kritik.

Ein Dirt Biker in einem Park durch ein Netz fotografiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Dirt-Biker tobt sich in einem Park aus. Keystone

Dirt-Biken – das ist das Fahren und Springen auf Mountain-Bikes über Erdhügel – kann nicht nur die Gesundheit gefährden, sondern auch dem Portemonnaie zusetzen. Dies zeigt ein aktueller Bundesgerichts-Entscheid, der eine von der Suva veranlasste Leistungs-Kürzung gegenüber einem verunfallten Dirt-Biker als rechtens ausgewiesen hat.

Handgelenkbruch im «Hammerpark»

Blick zurück: Im Februar 2014 hatte sich ein Strassenbauer im «Hammerpark» in Lenzburg das Handgelenk gebrochen, weil er nach einem Sprung mit dem Dirt Bike gestürzt war. Die Suva übernahm zwar die obligatorische Unfallversicherung, reduzierte aber die Taggeldleistungen um 50 Prozent.

Der Pole Michal Ligocki fällt in der Halfpipe Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Laut Suva kein absolutes Wagnis: Snowboarder in der Halfpipe. Reuters

Nicht akzeptieren wollte die Leistungskürzung das Luzerner Kantonsgericht. Es verlangte die Auszahlung der gesamten Versicherungssumme, was wiederum die Suva zu einer Beschwerde beim Bundesgericht veranlasste.

Das Bundesgericht hat nun die Kürzung der Geldleistungen durch die Suva gutgeheissen. «Die akrobatischen Sprünge mit dem Fahrrad über künstliche Hügel», so die Begründung, «müssen versicherungsrechtlich als Wagnis gelten.»

Abwägung von Interessen

Wenn sich die Suva und mit ihr das Bundesgericht auf das «Wagnis» berufen, haben sie «Handlungen» im Sinn, «mit denen sich die Versicherten einer besonders grossen Gefahr aussetzen, ohne entsprechende Vorkehrungen zu treffen, die das Risiko auf ein vernünftiges Mass beschränken.» Und um einem Versicherten die Leistungen zu kürzen, referieren sie auf Art. 39 des UVG und Art. 50 des UVV.

Weiter erklärt Oliver Biefer, Experte für das Thema Kürzungen von Versicherungsleistungen bei der Suva, dass im Hinblick auf Risiko-Sportarten «Interessenabwägungen» vorgenommen werden, um «die Prämienzahler vor unzumutbaren Belastungen» zu schützen.

In diesem Sinn führt die Suva auf ihrer Website eine Liste von Aktivitäten, die «nicht abschliessend» ist, aber doch einige gewagte Sportarten aufzählt. Darunter «Base-Jumpen», «Stockcarrennen», «Motocross-Rennen» und «Downhill-Biking»; weiter «Wildwasserfahrten bäuchlings auf Schwimmbob liegend», genannt «Riverboogie»; schliesslich «Fullcontact-Wettkämpfe» im Boxen oder «Karate-extrem».

Dirt-Biken vs. Snowboarden

Der Fall des Dirt-Bikers wird derweil nicht nur vom Luzerner Kantonsgericht ganz anders beurteilt. Mit Ueli Kieser, Titularprofessor für Sozialversicherungsrecht an der Universität St. Gallen, übt auch ein juristischer Experte an der Haltung der Suva und des Bundesgerichts Kritik.

Base Jumper springen ab der «Hohen Nase» in Lauterbrunnen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Laut Suva ein absolutes Wagnis: Base Jumper in Lauterbrunnen. Keystone

Zunächst bemängelt Kieser die Begründung des Entscheids vom Bundesgericht, die sich in einer Abgrenzung des Dirt-Bikens von einem mutmasslich weniger gefährlichen Snowboarden in der Half-Pipe konkretisiert.

Man könne sich, so Kieser, beim Snowboarden in der Halfpipe auch an der Kante verletzen und müsse nach einem Sturz nicht notwendig an einem Steilhang landen, der den Unfall angeblich glimpflicher verlaufen lasse.

«Zufällige Rechtsfindung»

Ferner gibt Kieser zu bedenken, dass die juristische Handhabe der Risiko-Sportarten in diesem wie in anderen Fällen «vornehmlich durch Rechtsprechung geprägt» sei. Will heissen: «Es geschieht ein konkreter Fall, und von diesem erfolgt dann eine Ableitung für die gesamte Sportart.» Insofern wirke die Rechtsfindung «punktuell und zufällig».

Weiter würde man die wenigen, die in ihrem Risiko-Sport hart trainierten, schlechter stellen als die vielen anderen, die in alltäglichen Sportarten Wagnisse auf sich nähmen; etwa, wenn sie völlig untrainiert Skifahren.

Problem ist nicht vom Tisch

Schliesslich ist laut Kieser das Problem mit dem Entscheid nicht notwendigerweise vom Tisch. «Wenn die Unfallversicherung nicht zahlt, muss gegebenenfalls die Krankenversicherung für die Leistung aufkommen.» Je nach Fall stehe, so Kieser, auch der Arbeitnehmer in der Pflicht, dem Verunfallten den Lohn fortzuzahlen.

Karate-Kämpfer am Trainieren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Wagnis laut Suva? Falls in Extremform ausgeführt, durchaus. Keystone

Schliesslich fragt sich der Experte, ob im Hinblick auf Risiko-Sportarten nicht besser «auf der Ebene des EDI», des Eidgenössischen Departementes des Inneren, entschieden werden sollte als in den Gerichten. Konkret schwebt Kieser eine Liste waghalsiger Sportarten vor, «die erschöpfend und als solche verbindlich wäre».

«Das bewusste Zertrümmern von Glas»

Allerdings: Die Suva straft durchaus nicht nur Extrem-Sportler ab, sondern stellt auch «relative Wagnisse» bei «an sich voll gedeckten» Sportarten in Rechnung, um gegebenenfalls die Leistungen zu kürzen; etwa bei Unfällen in der Natur aufgrund schlechter Ausrüstung oder mangelnder Erfahrung. Ferner streicht sie die Gelder auch einmal bei «Klettereien an Hausfassaden». Und auf der Liste im Internet ist – unter den absoluten Wagnissen – selbst «das bewusste Zertrümmern von Glas» als untragbares Risiko vermerkt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Jürg Schweizer

    Aus Club vom 10.2.2015

    Dass Lawinen eher selten sind, trägt zur Unterschätzung der Gefahren bei: