Frühfranzösisch – quel malheur «Für den Zusammenhalt des Landes sind die Sprachen nicht zentral»

Zwei Fremdsprachen lernen unsere Primarschüler. Ist das nachhaltig oder nur symbolisch, um die Romands zu besänftigen?

«Wir lesen jetzt in der Klasse ein Buch von Sartre, aber ich kann kaum ein reguläres Verb konjugieren.» Oder: «Es ist eine schöne Sprache, aber ich kann sie einfach nicht sprechen – nach Jahren des Unterrichts.»

Das sagten Gymnasialschüler in Basel-Stadt einem Reporter von Radio SRF ins Mikrofon, befragt zu ihren Französischkenntnissen. Frust. Nicht nur bei vielen Schülern, auch bei etlichen Lehrern. Jürg Brühlmann vom schweizerischen Lehrerdachverband LCH sagt dazu: «Die Rahmenbedingungen für den Französisch-Unterricht stimmen nicht.»

«  In Anbetracht der wenigen Lektionen, die wir zur Verfügung haben, sind die Ziele viel zu hoch gesteckt. »

Jürg Brühlmann
Lehrerdachverband LCH

Was läuft da schief im Bildungsland Schweiz? Einem Land notabene, das stolz ist auf seine Mehrsprachigkeit. Stolz auf die Willensnation, die unterschiedliche Kulturen beheimatet.

Auf Weisung der EDK

Erst vor wenigen Jahren haben die meisten Kantone die zweite Fremdsprache auf die Primarstufe verschoben, auf Empfehlung der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). So wollte die EDK jenen Deutschschweizer Kantonen entgegenkommen, die Frühenglisch gegenüber einer Landessprache bevorzugten.

Ein Kompromiss. Einer, zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ansprüchen. Einer, der jedoch bei vielen Lehrern Kopfschütteln auslöst. «In Anbetracht der wenigen Lektionen, die wir zur Verfügung haben, sind die Ziele viel zu hoch gesteckt», sagt Brühlmann.

Vor allem schwache Schüler sind überfordert. Etwa ein Drittel der Kinder in der Volksschule hat einen fremdsprachigen Hintergrund, viele davon mit einem bildungsfernen Elternhaus.

Die Überforderung wird vom EDK bestritten. «Wer eine neue Sprache lernt, verbessert sich auch in einer schon erlernten Sprache. Das bestätigt eine internationale Studienübersicht», sagt Stefan C. Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF). Die SKBF gehört dem Bund und der EDK

Das sagen die Wissenschaftler

Überfordert man die Kinder in der Primarschule? Noch dazu, wenn sie von zuhause eine fremde Sprache mitbringen? Die Forschung ist sich dazu nicht einig.
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EDK unter Druck

Sicher ist, für die EDK steht viel auf dem Spiel. Für die zweite Landessprache auf Primarschulstufe wurde viel Geld investiert: für die Ausbildung der Lehrer, für die neuen Lehrmittel. Eine erneute Abkehr vom Eingeführten würde erneut viel kosten.

Hinzu kommt die Machtfrage. Bildung ist einer der letzten wichtigen Bereiche, in denen die Kantone das Sagen haben. Unlängst hat sich das Volk mit Harmos für eine Angleichung der Kantone im Bildungswesen entschieden. Bekommt die EDK den Sprachenstreit nicht in den Griff und scheren einzelne Deutschschweizer Kantone weiterhin aus, will der Bundesrat eingreifen.

«  Die Provinzialisierung Frankreichs nimmt der Kultursprache Französisch die Attraktivität. »

Michael Hermann
Politikwissenschaftler

Sprache gleich Zusammenhalt?

Innenminister Alain Berset höchst persönlich kämpft für das Frühfranzösisch, auf dass das gegenseitige Verständnis im Land weiterhin gewährleistet sei. Politologe Michael Hermann, der über den Zusammenhalt des Landes ein Buch geschrieben hat, sagt: «Wenn die Sprachen für den Zusammenhalt von unserem Land dermassen wichtig wären, stünde es schlecht um die Schweiz. Das ist nicht zentral.»

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«Was die Schweiz zusammenhält – Vier Essays zu Politik und Gesellschaft eines eigentümlichen Landes», Michael Hermann, Zytglogge Verlag, Basel 2016.

Entscheidender seien die Institutionen, der Föderalismus. «Wichtig für unsere Identifikation ist unser Verhältnis zu Europa oder zu China. Sowie die Tatsache, dass keine Region wirtschaftlich abfällt.»

Für den Politologen ist klar: Beim Widerstand einiger Deutschschweizer Kantone geht es nicht um Ignoranz gegenüber der Romandie. «Die schleichende Provinzialisierung Frankreichs nimmt der Kultursprache die Attraktivität.» Damit schwindet das Interesse von Schülern und Lehrern. «Diese Dynamik lässt sich auch mit flächendeckendem Frühfranzösisch nicht brechen.»

Fragt man die Deutschschweizer Lehrer, würden sie Frühfranzösisch bevorzugen – wegen des gegenseitigen kulturellen Verständnisses im Land. Brühlmann: «Selbstverständlich können wir schon früh zwei Sprachen lehren. Aber wenn wir anspruchsvolle Ziele erreichen sollen, kostet das Zeit und Geld. Zeit und Geld zum Beispiel für für die Deutschförderung schon in der Krippe, für mehr Fremdsprachen-Lektionen auf der Primarschulstufe, für Klassenaufenthalte in der anderen Sprachregion oder für reduzierte Klassengrössen.»

So machen es andere Länder im EU-Raum

Allgemein – Englisch ist die beliebteste Fremdsprache
Im Jahr 2014 erlernten in der EU mehr als 18 Millionen Grundschüler, beziehungsweis 84 Prozent aller Schüler dieser Stufe – mindestens eine Fremdsprache. Knapp 1 Million von ihnen – etwa 5 Prozent – erlernten zwei oder mehr Fremdsprachen. Im Primarschulbereich war Englisch mit über 17 Millionen unterrichteten Schülern die am weitesten verbreitete Fremdsprache. In den meisten Ländern beginnen Schüler im Alter zwischen sechs und neun Jahren mit dem Erlernen ihrer ersten Fremdsprache als Pflichtfach.
Luxemburg – Schüler lernen drei Fremdsprachen
In Luxemburg (Muttersprache ist Luxemburgisch) ist nicht Englisch, sondern Deutsch die am häufigsten gelehrte Fremdsprache. Bereits nach einem Jahr, nachdem die Schüler mit ihrer ersten Fremdsprache begonnen haben, erhalten sie Unterricht in einer zweiten Sprache. Zwischen 14 und 19 Jahren müssen die Schüler obligatorisch gar drei Fremdsprachen lernen.
Belgien – Fremdsprachenunterricht bereits mit drei Jahren
In Belgien (Französische und Deutschsprachige Gemeinschaft) beginnen alle Schüler bereits bei ihrem Eintritt in den Elementarbereich im Alter von drei Jahren, eine Fremdsprache zu lernen: Es ist ein spielerisches Sprachenlernen. Ein eher formaler Fremdsprachenunterricht gibt es ab der ersten Klasse des Primarschulbereichs. Die Behörden stellen es den Schulen frei, einen Teil der normalerweise für Pflichtfächer veranschlagten Zeit ausschliesslich für den Unterricht in einer Fremdsprache aufzuwenden. Der Fremdsprachenunterricht ist in der Primarschule noch kein Pflichtfach für alle Schüler.
Spanien – Spanisch als Fremdsprache
In Spanien beginnen die Schüler in den meisten Autonomen Gemeinschaften im Elementarbereich, also im Alter von drei Jahren, mit der Fremdsprache Spanisch. In den betreffenden Autonomen Gemeinschaften sind neben dem Spanischen auch Katalanisch, Valencianisch, Baskisch und Galicisch Amtssprachen.

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