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Für Kinder mit Handicap Integrativer Unterricht als Erfolgsmodell

Kinder mit einer Beeinträchtigung sollen die Chance und die Wahl haben, in einer Regelschule geschult zu werden. Da die Kantone jedoch für die Umsetzung dieses Grundsatzes zuständig sind, gibt es je nach Wohnort erhebliche Unterschiede. Insgesamt attestieren Fachleute den Behörden jedoch gute Noten.

Legende: Video Ungleiche Chancen für Kinder mit Beeinträchtigung abspielen. Laufzeit 05:35 Minuten.
Aus 10vor10 vom 22.10.2018.

Carmen (5) hat das Down-Syndrom. Sie besucht den Regelkindergarten in Lenzburg (AG). Das war nicht immer so. Ihre Eltern haben sich mit rechtlichen Schritten dafür eingesetzt, denn die Aargauer Behörden wollten das Mädchen in einer Sonderschule platzieren. «Es hat viel Energie gebraucht, Kampfeswillen und viel Schriftverkehr. Dies ist ein Teil davon», erklärt der Vater von Carmen, Eric Casanova. Er fände es eigentlich schlimm, wenn man in der Schweiz, um ein Kind in den Regelkindergarten zu kriegen, mit dem Rechtsanwalt vorfahren müsse.

Ich finde es eigentlich schlimm, wenn man in der Schweiz, um ein Kind in den Regelkindergarten zu kriegen, mit dem Rechtsanwalt vorfahren muss.
Autor: Eric CasanovaVater von Carmen

Nachdem die Eltern den Rechtsanwalt eingeschaltet hatten, fand sich eine Lösung mit der Schulbehörde. Im Kanton Aargau gehen 4,6 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an eine Sonderschule oder in einer Sonderklasse. Mehr als in anderen Kantonen.

Tabelle
Legende: Im Schnitt gehen 3,4 Prozent der handycapierten Schüler in eine Regelschule. Gesamtschweizerisch liegen die Zahlen zwischen 1,2 und 5,7 Prozent. SRF

Der schweizerische Durchschnitt liegt bei 3,4 Prozent – weit unter dem Schnitt liegt der Kanton Luzern. Dort gehen nur 1,8 Prozent aller Schüler an eine Sonderschule. Gesamtschweizerisch liegen die Zahlen zwischen 1,2 und 5,7 Prozent.

Die Rahmenbedingungen geben jeweils die Kantone vor. Die Chancen beeinträchtigter Kinder, die Regelklasse zu besuchen, hängen vom Wohnort ab. Die kantonalen Gesetze gehen weit auseinander. Das dürfe nicht sein, sagt Ständerätin und Präsidentin von Inclusion Handicap, Pascale Bruderer (SP): «Die Bundesverfassung, das Behindertengleichstellungsgesetz und insbesondere die UNO-Behindertenrechtskonvention, die auch in der Schweiz gilt, geben klar den Weg vor. Es muss eine Wahlfreiheit bestehen.» Kinder mit einer Beeinträchtigung sollten die Chance und die Wahl haben, auch in einer Regelschule geschult zu werden.

Der integrative Unterricht ist eine Erfolgsgeschichte, stellt jedoch für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung dar.
Autor: Barbara FähRektorin der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik

Geht es nach Bruderer, müssten die Kantone jetzt handeln. Insbesondere die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK. «Die Zahlen, die uns heute zur Verfügung stehen, lassen aus verschiedenen Gründen keinen Vergleich zwischen den Kantonen zu», kontert Silvia Steiner, Präsidentin der EDK. Deshalb sei man zurzeit beim Bundesamt für Statistik daran, neue Daten zu generieren.

Unterstützung erhält Steiner von Barbara Fäh, Rektorin der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Sie sagt, man sei insgesamt auf einem guten Weg, sogar auf einem sehr guten. Der integrative Unterricht sei eine Erfolgsgeschichte, stelle jedoch für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung dar.

Legende: Video Studiogespräch mit Pädagogin Barbara Fäh abspielen. Laufzeit 05:19 Minuten.
Aus 10vor10 vom 22.10.2018.

Und, der Weg sei noch nicht zu Ende. Immer wieder müssten sich die Akteure an neue Gegebenheiten anpassen, betont Fäh weiter. So wie die Gesellschaft sich in einem permanenten Wandel befinde, müsse sich auch die Schule dauernd anpassen.

So viel Integration wie möglich

Alex Hürzeler, Bildungsdirektor des Kanton Aargau verteidigt das aargauische System: «Solange wir über 95 Prozent standardmässig in einer Regelklasse unterrichten können, ist das eine sehr gute Zahl.» Es gehe nicht um Quote, sondern darum, den Weg zwischen der Sonderschule und der Regelschule zu vereinfachen, indem die Möglichkeiten der Regelschule zu verstärken. In diesem Sinne fordert auch Barbara Fäh so viel Integration wie möglich und gleichzeitig soviel Separation wie es sinnvoll ist.

Wie der schulische Weg von Carmen nach dem Kindergarten weitergeht, ist noch nicht klar. Integration ist jedoch so oder so ein lebenslanges Projekt.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Wenn mit Behinderten in staatlichen Regelschulen die Chancen der "Normalen", die sich keine Privatschule leisten koennen, oder sich in keiner religioesen Schule hirnwaschen lassen wollen, gesenkt werden, muss privater Schulunterricht im obligatorischen Alter verboten werden. Ansonst ist ein weiterer dicker Nagel in den Deckel des Sarg der Egalite geschlagen. Nicht nur Behinderte, auch Schulsprachanalfabeten, Gewalttaeter usw. sind ihrer Beduerftigkeit entsprechend in Sonderklassen zu schulen....
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    1. Antwort von W. Pip (W. Pip)
      ich finde das auch. Nur darf man das fast nicht sagen. Es wird immer als behinderten-, auslädnder-, minderheitenfeindlich verstanden. Das Gegenteil ist der Fall. Solche Menschen gesondert zu unterrichten, wird ihnen gerechter. Und es bindet nicht die Lehrkräfte, was auf Kosten der "Normalschüler" geht. Es muss m.E. wieder vermehrt darum gehen, das Gros viel (!) weiterzubringen, statt falsch verstandene Integration als Ideologie durchzuboxen.
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    2. Antwort von Sascha Stalder (Sascha Stalder)
      Die Zeiten sind heute anders. Die Regelschulen arbeiten mit verschiedenen Lehrerkräften je nach Bedarf auch gleichzeitig in den Klassen, um die Schüler individuell fördern zu können. Selbst "Normalschüler" werden mit dem neuen Lehrplan 21 individuell gefördert. Im Gegenteil, es ist gut und wichtig das die Schüler von Anfang an den gegenseitigen Umgang gewohnt sind und nicht erst im Erwachsenenalter aufeinander treffen. Den dann kommt es sonst zu den bekannten Spannungen die niemand will.
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  • Kommentar von Harry Birchler (Harbir)
    Der Aargauer Bildungsdirektor spricht mir aus dem Herzen. Es geht um Möglichkeiten, die gemeinsam gefunden werden müssen, damit das Kind optimal beschult werden kann. Prozente und Quoten sind dürfen nicht zählen, sondern die Richtige Entscheidung, ob das lernende Kind am richtigen Ort ist. Gut gibts noch Sonderschulen, welche stark benachteiligte Menschen aufnehmen und beschulen kann. Mir fehlen im Bericht die Schattenseiten der Integration, auch die gibts.
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    1. Antwort von Lucas Kunz (L'art pour l'art)
      Das wären unter anderem zu wenig Personal, so dass die Bedürftigen zu kurz kommen und mangels ihrer notwendigen Förderung untergehen.
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  • Kommentar von Tobi Hartmann (Tobias Hartmann)
    Es gibt Stimmen die nicht finden dass es eine Erfolgsgeschichte ist, vor allem andere Eltern beklagen, dass ihre ganze Klasse dadurch zurückfällt. Ich finde es jedoch gut, dass Kinder sich an Behinderte gewöhnen und Behinderte ein normales Umfeld erleben. Die Herausforderung ist in sich schon eine Leistung, leider wird sie im Leistungsausweis nicht erfasst.
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