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Die Geheimtreffen der Berntreuen und Separatisten
Aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 23.03.2021.
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Geheimtreffen im Jurakonflikt Jura: «Das Gewaltpotenzial lag wie eine Bombe unter dem Tisch»

In den 1970er-Jahren trafen sich die jurassischen Kontrahenten im Geheimen im Kanton Solothurn. Der Organisator erzählt.

Am Sonntag entscheidet die bernische Gemeinde Moutier erneut, ob sie zum Kanton Jura wechseln wird. Damit soll der Jurakonflikt enden, der 1815 seinen Anfang nahm und immer wieder in Gewalt ausartete. Was bisher niemand wusste: Ende der 1970er-Jahre – kurz bevor der Kanton Jura gegründet wurde – trafen sich die jurassischen Konfliktparteien im Geheimen mehrmals auf neutralem Grund.

Weisses Schloss, Garten.
Legende: Schloss Waldegg wurde zwischen 1682 und 1686 erbaut. Es gehört dem Kanton Solothurn und ist auch ein Begegnungszentrum. SRF

Auf Schloss Waldegg fanden rund ein Dutzend geheime Gespräche statt zwischen führenden Köpfen der Berntreuen und Separatisten – ohne das Wissen des Kantons Bern und der Öffentlichkeit. Sowohl Roland Benoit, ehemaliger Anführer der Berntreuen, als auch Separatistenführer Pierre-André Comte, bestätigten kürzlich zum ersten Mal die Treffen in der SRF-Sendung «Zeitblende».

Die weiteren Recherchen des «SRF Regionaljournals Aargau Solothurn» erweisen sich allerdings als schwierig: Akten zu den Treffen sind beim Solothurner Staatsarchiv nicht vorhanden, die heutige Kantonsverwaltung hat keine Kenntnis der Geheimgespräche. Die einzige Spur führt zu Peter André Bloch. Der heute 84-Jährige leitete früher Schloss Waldegg und erzählt im Gespräch, dass rund ein Dutzend solcher Treffen stattgefunden hätten und er selber sie gar organisiert habe.

Sie mussten versprechen, dass man nicht darüber redet.
Autor: Peter André BlochEhemaliger Leiter Schloss Waldegg

«Ich habe Leute angeschrieben von beiden Parteien zu gleicher Zahl und sie eingeladen. Aber sie mussten versprechen, dass man nicht darüber redet, weil es so brisant war.» Die Treffen fielen in eine kontroverse Zeit. Im Jura ging die Angst vor einem Bürgerkrieg um – Bomben explodierten und Häuser wurden angezündet. Die Geheimgespräche auf Schloss Waldegg waren so brisant, dass Bloch später sämtliche Unterlagen und Namenslisten vernichtete.

Älterer Mann mit Brille sitzt an Tisch, hat Fotobuch vor sich.
Legende: Peter André Bloch blättert in einem Fotoalbum anlässlich einer Ausstellung über die Jura-Abstimmung 1978. SRF/Barbara Mathys

Die Erinnerungen sind aber geblieben und Bloch erzählt heute gerne, wie die Berntreuen und Separatisten sich an denselben Tisch setzten, den Dialog und Lösungen suchten. «Man ass etwas Kleines: Ein Solothurner Süppli, Käse, Brot und ein kleines Dessert.» In Gruppenarbeiten habe man miteinander geredet. Über Missverständnisse. Über Provokationen. «Und was man unternehmen kann, damit die Trennung konfliktfrei und ohne Tote gelöst wird.»

Ich geriet nie mehr in so eine unheimliche Situation.
Autor: Peter André BlochEhemaliger Leiter Schloss Waldegg

Die Treffen mit jeweils bis zu 25 Personen am Tisch seien aber nicht einfach gewesen. «Das Gewaltpotenzial lag wie eine Bombe unter dem Tisch. Ich geriet nie mehr in so eine unheimliche Situation.» Nach rund einem Dutzend solcher Geheimgespräche war dann aber plötzlich Schluss. Jemand habe die brisante Runde bei der Berner Regierung verpfiffen und diese habe sich bei der Solothurner Regierung beschwert. Bloch sei daraufhin zurückgepfiffen und abgemahnt worden.

Der Jurakonflikt in Kürze

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Karte mit blauen und roten Einfärbungn.
Legende: Polizisten sichern 1977 mit Stacheldraht die Strasse nach Moutier und kontrollieren vorbeifahrende Fahrzeuge. SRF
  • 1815 erhielt der Kanton Bern am Wiener Kongress das Gebiet des heutigen Kantons Jura zugesprochen. Die katholischen Jurassier fühlten sich fortan von den protestantischen Bernern vernachlässigt: keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Kultur und Religion.
  • 1947 geht der Konflikt richtig los: Das Berner Kantonsparlament verweigert dem jurassischen Regierungsrat Georges Möckli das Baudepartement, weil er französisch spricht. Separatistenorganisationen gründen sich, es folgen Jahre der Gewalt.
  • 1978 wird schliesslich der Kanton Jura gegründet, die Grenzziehung führt aber zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
  • Im neuen Jahrtausend folgen weitere Abstimmungen, zuletzt 2017, als Moutier einem Wechsel zum Kanton Jura zustimmt. Das Resultat ist allerdings knapp, Unstimmigkeiten tauchen auf, die Behörden annullieren schliesslich den Entscheid.
  • Am kommenden Sonntag, 28. März 2021, wird die Abstimmung von 2017 nun wiederholt. Es könnte das Ende des Jurakonflikts sein – dies ist zumindest die Hoffnung.

Kurze Zeit nach dem Ende der Geheimgespräche auf Schloss Waldegg wird schliesslich der Kanton Jura gegründet. Inwiefern die Treffen dazu beigetragen haben, sei schwierig zu sagen, meint Peter André Bloch. Klar ist: Der Dialog zwischen den Berntreuen und Separatisten reist nie ganz ab und Experten sehen darin einen Grund, weshalb der Konflikt nie vollständig eskalierte.

Regionaljournal Aargau Solothurn, 23.03.2021, 17.30 Uhr;

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Ed Clement  (Aergera)
    Das Problem began 1815 als der Kanton Bern das Fürstbistum Basel also den Jura anektierte. Die Bevölkerung wurde niemals gefragt.