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Gemeinden tun sich schwer Jenische, Sinti und ihr steiniger Weg zu mehr Akzeptanz

Zwei Jahre nach der Anerkennung als nationale Minderheiten bleibt das Leben ein Kampf um Akzeptanz und gegen Rassismus.

Legende: Audio Zuwenig Standplätze und Rassismus abspielen. Laufzeit 02:31 Minuten.
02:31 min, aus HeuteMorgen vom 11.08.2018.

Wie in Deutschland die Friesen oder die Sorben, in Österreich die Burgenland-Kroaten oder die Kärtner Slowenen, sind in der Schweiz die Jenischen und die Sinti als nationale Minderheiten anerkannt. Und zwar ausdrücklich als Jenische und Sinti, nicht einfach nur als Fahrende.

Was brachte die Geste von Alain Berset?

Das hat Bundesrat Alain Berset vor zwei Jahren an der Fecker-Chilbi in Bern bekannt gegeben, am Fest der Jenischen. Doch was hat diese Geste den gut 30'000 Jenischen in der Schweiz gebracht? Dieser Frage geht SRF an der diesjährigen Fecker-Chilbi in Freiburg nach.

Korber, Drechsler und Gerber zeigen hier ihr Handwerk, Musikanten ihre Kunst. Frauen in langen Röcken verkaufen selbstgemachten Schmuck, Familien sitzen ums Feuer vor ihren Wohnwagen: an der Fecker-Chilbi wird schon auch das eine oder andere Zigeuner-Clichée bedient.

Neun von zehn Jenischen leben heute sesshaft

Doch was genau die Jenischen von der Schweizer Mehrheitsbevölkerung unterscheidet, ist selbst den drei Musikern der «Jenisch Buebe» gar nicht so ganz klar: «Wenn ich jemanden jenische Musik spielen höre, weiss ich gleich, das ist ein Jenischer. Er hat eine ganz andere Art Musik zu machen. Wir haben eine eigene Sprache. Im Sommer sind wir im Wohnwagen und reisen. Das ist jenisch.»

Wobei die noch gut 3'000 Fahrenden inzwischen eine kleine Minderheit der Minderheit sind. Neun von zehn Jenischen leben heute sesshaft. Auch deswegen war ihnen wichtig, was Bundesrat Berset vor zwei Jahren versprochen hat: «Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Bund sie künftig Jenische und Sinti nennt. Und dass künftig auch auf den allgemeinen Begriff Fahrende verzichtet wird.»

Mit Blick auf Stand- und Durchgangsplätze ernüchtert

Endlich werden wir mit unserem richtigen Namen bezeichnet, freute sich damals Daniel Huber, der Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, der Dachorganisation des Fahrenden Volkes in der Schweiz und zufrieden ist er darüber auch heute noch.

Ein wenig ernüchtert allerdings auch: «Es hat auf unserer Seite erstmal gebracht, dass wir endlich mal den Namen haben, der uns seit Jahrhunderten zugehört. In der Umsetzung gegenüber der Stand- und Durchgangsplätze haben wir immer noch das gleiche Problem, wir sind immer noch auf dem alten Stand.» Will heissen: viel zu wenig weit.

Rassismus auf Gemeindeebene

Es fehlen Standplätze für die Fahrenden im Winter und Durchgangsplätze im Sommer: «Wenn sie nicht die Ruhe haben, auf ihrem Platz ihre Kultur zu leben, dann geht diese Kultur einmal kaputt. Es heisst immer, wir haben keinen Platz in der Schweiz. Das ist schlicht nicht wahr.»

Bund und Kantone bemühten sich zwar, sagt Daniel Huber, aber auf Gemeindeebene schlage der Rassismus gegen die Fahrenden voll durch - ein Grund, warum viele Jenische das Reisen aufgäben und sesshaft würden.

Gerade in der Romandie fehlten besonders viele Plätze für Fahrende - deshalb finde die Fecker-Chilbi dieses Jahr in Fribourg statt: «Ich glaube es wird gute Gespräche geben, dass man die Vorurteile langsam abbaut. Und bis nach Genf Stand- und Durchgangsplätze schafft.»

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59 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Ich finde es richtig wenn man Fahrenden Plätze überlässt wo sie für gewisse Zeit sich niederlassen können. Das bedingt aber das sich die Fahrenden aber auch demensprechend verhalten. Z.B. nicht betteln, nicht aufdringlich verkaufen oder Abfall hinterlassen.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    "...dann geht diese Kultur einmal kaputt" Welche Kultur? Wegen fehlenden Standplätzen bei 90% Sesshaften? Die meisten wohnen in Wohnungen od.auf Zeltplätzen, arbeiten od.leben vom Sozialamt, ganz normal. Ich erinnere mich an die 40/50er, da lebten+pflegten sie ihre Kultur, Künste, Handwerke, Kulinarisches rundums Jahr. Nichts wurde gestohlen, nichts hinterlassen, als sie weiterzogen. Heute: Plätze unbezahlt, zugemüllt, WC-Container demoliert, Notdurft in umliegenden Privatgärten, Diebestouren...
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Sie vermischen da Jenische, Sinti und andere Fahrende. Diese Gruppen haben etwa so viel miteinander zu tun wie Zirkusleute und Camper. Und ja, die Kultur geht kaputt. Wie Sie selber schreiben sind 90% schon sesshaft geworden. D.h. ein Teil der Kultur wurde bereits zerstört. Durch "Kinder der Landstrasse" wurden die Kinder der eigenen Kultur, Tradition und den eigenen Familien entfremdet. Braucht ja nicht zu heissen, dass wir den Rest auch noch zerstören, oder?
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      HP, ist es wirklich unsere Verantwortung, aufgrund individuellen Begegnungen die Volksgruppenzugehörigkeit dieser Leute selber bestimmen zu können? Und wenn ja, dann wie? Z.B. der Bauer, der vor Paar Jahren berühmt wurde, weil sein Grundstück in einem kriegsähnlichen Zustand zurückgelassen wurde und er konnte sich nicht einmal richtig wehren, sollte diese Gruppe fragen: "Sind Sie Jenisch oder andere Fahrende, die meinen Grundstück zusammengekackt haben?" Meinen Sie, interessiert es ihn?
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    3. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Dachte ich mir schon, dass da irgendwer mit Vermischen kommt. Es ist wie mit Religionen, es wird vom Durchschnittbürger erwartet, dass er die dutzendfachen Richtungen der Muslime oder Christen kennt. Es ist zu einfach, ständig der Vergangenheit die Schuld am eigenen Versagen zuzuschieben. Bestimmt hat sie Anteil daran, aber ich habe es vor Jahren selber auf einem Zeltplatz an der Aare beobachtet, auch sie in der Opferrolle leben u.pflegen ihre Kultur nicht. Eine Chilbi pro Jahr reicht da nicht.
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    4. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Frau Hermann, differenzieren ist überbewertet. Vorurteile lassen sich ohne genauere Kenntnisse viel besser aufrechterhalten.
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  • Kommentar von B. Moser (moser.b)
    Die fahrende Bevölkerung muss selbst Plätze kaufen. In der Schweiz ist es einfach ein Wenig eng geworden, in den letzten 70ig Jahren hat sich die Bevölkerung verdoppelt und allein in den letzten 10 Jahren ist die Bevölkerung über 10% gewachsen. Wenn sie den Raum nicht käuflich erwirbt, dann war's das halt. Weil keine Gemeinde stellt heutzutage Raum zur Verfügung, wenn keine (oder zuwenig) Steuern gezahlt werden. Zumindest als Gemeindepräsident könnte ich so etwas nicht verantworten.
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