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Wie soll die Schweiz mit kolonialer Raubkunst umgehen?
Aus Rendez-vous vom 21.09.2020.
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Gestohlenes Kulturerbe Raubkunst aus Afrika: Nationale Strategie gefordert

Muss der Bund die Rückgabe gestohlener Kunstwerke nach Afrika stärker fördern? Der Ständerat will neue Wege prüfen.

Es war ein Paukenschlag, als der französische Präsident Emmanuel Macron 2017 ankündigte, das kulturelle Erbe des afrikanischen Kontinents soll von Europa an die Herkunftsländer zurückgegeben werden. Er entfachte damit eine alte Diskussion neu.

Benin-Bronzen im Museum Rietberg

Da sind zum Beispiel die Benin-Bronzen: Etliche Bronze- und Messingstatuen, die einst den Palast des Königreichs Benin im heutigen Nigeria zierten. Filigrane Glanzstücke, die die Macht des Edo, des Königs, und seine Weltsicht zur Schau stellten.

Doch die Benin-Bronzen stehen nicht etwa in einem Museum in Benin-City in Nigeria, sondern grossmehrheitlich in Europa. Auch in der Schweiz, zum Beispiel im Zürcher Museum Rietberg.

Kulturelles Vermächtnis Afrikas

Bei den Benin-Bronzen handle es sich um höfische Kunst, erklärt Esther Tisa, Leiterin der Provenienzforschung am Museum Rietberg. Tausende Werke seien nach Europa gekommen, «in grossen Teilen durch eine Strafexpedition, also durch die koloniale kriegerische Unterwerfung des Königtums Benin».

Mit anderen Worten: Die Bronzen sind gestohlen. Und damit sind die Bronzen nicht alleine. Ein Grossteil des kulturellen Vermächtnisses des afrikanischen Kontinents steht heute bei den ehemaligen Kolonialmächten.

Motion fordert einheitliche Strategie

Eine Motion des Genfer Ständerats Carlo Sommaruga will, dass die Schweiz ein Dispositiv aufstellt, wie mit solcher Raubkunst umgegangen wird. «Es gibt keine einheitliche Strategie für die ganze Schweiz für öffentliche und private Museen. Es ist jetzt wichtig, dass der Bund die Strategie aufnimmt», sagt Sommaruga.

Sein Anliegen fand beim Ständerat Gehör. Die Motion wurde am Montag der zuständigen Kommission zur Vorprüfung zugewiesen.

Es gibt keine einheitliche Strategie für die ganze Schweiz für öffentliche und private Museen.
Autor: Carlo SommarugaStänderat (SP/GE)

Der Fall Ekeko

Bis anhin werden solche Fälle jeweils einzeln gelöst, wie das Bundesamt für Kultur mitteilt: Pro Jahr sind es ungefähr eine Handvoll. Ein berühmter Fall war eine kleine, rundliche Steinfigur der Gottheit Ekeko der Aymara in Bolivien. Rund 90 Jahre stand sie in Bern, bis sie der bolivianische Staat zurückverlangte.

Es folgten Recherchen, wie Ekeko nach Bern kam. Es war ein «Feuerwasser-Deal» – eine Flasche Cognac hat den Deal ermöglicht. Es war offensichtlich kein rechtmässiger Kauf, und so ging Ekeko zurück an Bolivien.

Die Steinfigur der weiblichen Gottheit Ekeko stand jahrzehntelang im Historischen Museum in Bern. Das bolivianische Heiligtum wurde mittlerweile zurückgegeben.
Legende: Die Steinfigur der weiblichen Gottheit Ekeko stand jahrzehntelang im Historischen Museum in Bern. Das bolivianische Heiligtum wurde mittlerweile zurückgegeben. Keystone/Archiv

Oft ist die Herkunft der Kunstwerke unbekannt. Grundsätzlich wüssten Besitzer zwar, wie die Werke in die eigene Sammlung gekommen seien, sagt Esther Tisa: «Sobald es ins koloniale Zeitalter zurückgeht und wir nach Erwerbsumständen im Herkunftsland fragen, braucht es Grundlagenforschung über verschiedene Akteure, die vor Ort gekauft haben.»

Mehr Geld für Provenienzforschung?

Solche Forschung seit arbeitsintensiv, so Tisa. Maximal 60 Werke schaffe eine Person pro Jahr – bei einer Sammlung von 22'000 Werken wie im Museum Rietberg. Das sei ein Tropfen auf den heissen Stein.

Sobald es ins koloniale Zeitalter zurückgeht, braucht es Grundlagenforschung über ganz verschiedene Akteure, die vor Ort gekauft haben.
Autor: Esther TisaMuseum Rietberg, Leiterin der Provenienzforschung

Das Bundesamt für Kultur spricht jährlich Gelder für solche Herkunftsforschung: Zwei Millionen waren es in den letzten vier Jahren. Gemessen am Arbeitsvolumen sei das viel zu wenig, findet Motionär Sommaruga. Die Schweiz müsse die Umstände dieser kolonialen Vergangenheit akzeptieren und studieren.

Akzeptieren heisse vor allem mehr Geld für die Herkunftsforschung – «damit klar wird, was gestohlen wurde und was nicht», so Sommaruga. Dem stimmt auch Tisa zu: «Kunstbesitz verpflichtet zu Provenienzforschung. Aber auch zu einem ethischen Handeln, zu Transparenz und zur Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern.»

Rendez-vous, 21.09.2020, 12:30 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Grut  (Mr.G.)
    Wenn ein Land behauptet das ein Werk gestohlen wurde sollen sie Beweuse erbringen. Das die Schweiz von sich aus teuer untersuchen soll ist ein Unsinn. Auch die zwei Milionen pro Jahr die bereits ausgegeben werden könnten wir woanders besser brauchen.
    1. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Da bin ich absolut anderer Meinung. Zu wissen, dass die meisten Kunstgegenstände gestohlen sind, muss genügen um Geld für tiefere Abklärungen zu bewilligen. Diebesgut weiterhin zu behalten als wäre nichts geschehen, ist unethisch und in meinen Augen nahezu kriminell. Ich finde Ihre Einstellung bedenklich.
    2. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      Herr Grut, und dann hoffen, dass die betroffenen Länder kein Geld dafür haben. Das nenne ich Egoismus pur. Die Schweiz gibt viel mehr Geld aus, das eigentlich nicht berechtigt wäre.