Harmosüberzeugtes Baselland liebäugelt nun mit Harmos-Austritt

Schluss mit dem Bildungs-Flickenteppich. Das versprach das Harmos-Konkordat, das die Schweizer Schulsysteme harmonisieren soll. 2006 sagten euphorische 85 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung Ja. Mittlerweile ist die Euphorie über das Projekt verflogen – vor allem im Kanton Baselland.

Eine rote Linie rasselt steil nach unten: Sie soll die sinkende Begeisterung im Volk zu Harmos darstellen, wie der höchste Baselbieter Lehrer, Lehrervereinspräsident Michael Weiss, vor den Medien erklärte. 2006 startete die Begeisterungslinie ganz oben.

Im Baselbiet stimmten über 90 Prozent für eine Vereinheitlichung im Bildungswesen. Nur vier Jahre später stürzte die Linie ein erstes Mal ab. Michael Weiss erklärt: «Da ist die Zustimmung bei gerade noch 56 Prozent, das heisst die Zustimmung zu Harmos ist um 35 Prozent gesunken.»

Aktuell sei die Kurve im freien Fall: Heute könnten sich noch 22 Prozent der Baselbieter Lehrer in einer Online-Umfrage zu einem Ja zu Harmos durchringen, gab der Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland bekannt. «Man erkennt, dass die Idee grundsätzlich eine ganz breite Unterstützung hat. Je mehr es aber an die Konkretisierung geht, desto mehr kommen auch die skeptischen Stimmen dazu.»

Die Harmonisierungs-Skeptiker werden immer lauter. Sie begehren im ganzen Land auf: Sei es beim Lehrplan21, sei es bei der Frage, wie viele Fremdsprachen Primarschulkindern zugemutet werden dürfen.

Grösster Widerstand im Baselbiet

Aber am schärfsten manifestiert sich der Widerstand gegen Harmos derzeit im Baselbiet. Die Lehrerinnen und Lehrer könnten den Reformberg neben dem normalen Unterricht kaum mehr bewältigen, sagt Lehrervereinspräsident Michael Weiss. «Es sind derartig viele Umwälzungen, die im Moment stattfinden, dass es die Lehrer schlicht überfordert.»

Daher fordert nun ein Komitee mit einer Volksinitiative sogar den Austritt des Kantons aus dem Harmos-Konkordat. Das grösste Problem an Harmos, so Komitee-Sprecherin Saskia Olsson, sei ganz einfach, «dass die Harmonisierung gescheitert ist. Das Ziel ist nicht erreicht worden.»

Das zeige sich nur schon darin, dass nicht einmal die Hälfte der deutschsprachigen Kantone beim Projekt dabei seien. «Diejenigen, die dabei sind, konnten sich nicht mal auf die wesentlichsten Eckpunkte einigen. Zum Beispiel ist der Fremdsprachenbeginn nicht geregelt oder die Stundendotation ist nicht mal in den Kantonen einheitlich.»

Uneinheitlicher als vor Harmos

Das Schweizer Bildungssystem präsentiere sich heute gar noch uneinheitlicher als vor der Harmonisierung, so Olsson weiter. Da helfe nur noch eines: der Austritt. Ein Vorschlag, über den der Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich nur den Kopf schüttelt. «Ich halte diese Absicht für absurd.»

Wohl seien nicht alle Kantone beim Harmos-Konkordat dabei. Die grossen seien aber beigetreten, an die sechs Millionen Menschen in der Schweiz würden in einem Harmos-Kanton leben. Im vielleicht abtrünnigen Baselbiet sind es nur 280'000. «Es kann doch nicht sein, dass ein Kanton mit knapp 280‘000 Einwohnern ein eigenes Bildungssystem entwickelt. Das wäre unsinnig vom Aufwand her. Und überhaupt hätte die Wirtschaft kein Verständnis, wenn wir uns isolieren würden.»

Lachnummer der Nation?

Bildungsdirektor Wüthrich muss gegen eine breite Front mit Bildungspolitikern aus allen Lagern kämpfen. Vielleicht auch daher warnt er mit ungewohnt scharfen Worten vor einem Austritt aus dem Harmos-Konkordat: «Ich könnte mir vorstellen, dass der Kanton Basel-Landschaft sich tatsächlich zur Lachnummer der Nation entwickeln könnte.»

Der Austritt aus dem Harmos-Konkordat wäre möglich – bei einer Kündigungsfrist von drei Jahren. Bei einem Ja zur Initiative liesse der Kanton Baselland also sein Harmos-System drei Jahre lang gleichzeitig warmlaufen – und auslaufen.