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Häusliche Gewalt Herr B. und sein «Befreiungsschlag»

Über 14'000 Mal rückt die Polizei in der Schweiz jedes Jahr wegen häuslicher Gewalt aus. Doch nur jeder Sechste besucht einen Kurs, um den Umgang mit Aggressionen zu erlernen. «Viel zu wenig», findet auch Herr B., der seine Freundin mehrmals spitalreif geschlagen hat. Er erzählt seine Geschichte.

Häusliche Gewalt.
Legende: Tabuthema häusliche Gewalt: Die Statistik zeigt ein erschreckendes Bild – auch in der Schweiz. Keystone/Archiv

Herr B. kann einem tatsächlich Angst machen. Man kann sich vorstellen, wie dieser bärtige Bär von einem Mann zuschlägt. Zuschlägt wie früher bei seiner Partnerin: «Wir sind mit Besen aufeinander losgegangen, mit den Fäusten. Wenn sie am Boden lag, trat ich ihr in den Bauch. Das darf einfach nicht passieren.»

Herr B. aus dem Kanton Bern erzählt seine Geschichte in einem Sitzungszimmer der Berner Kantonsverwaltung. Die Schlägereien sind vorbei. Heute macht er bei der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt einen Kurs, versucht, seine Fäuste zu kontrollieren.

Der frühe Anfang

Fäuste, die Herr B. schon als Kind ballte. Als ihn andere Kinder wegen seines Gewichts hänselten. Fäuste, die er um die Jahrtausendwende wieder ballte. Damals liess sich seine Freundin operieren, weil sie schlanker sein wollte – ohne ihn nach seiner Meinung zu fragen.

Das habe weh getan, sagt Herr B. Er habe sich ausgeschlossen gefühlt, zurückgezogen und das Vertrauen in die Beziehung verloren. Verloren hat er damals bald auch seinen Job als Computertechniker: Wenig Geld, wenig Vertrauen – viele Lügen: Er sagte, er bleibe länger im Büro, stattdessen ging er mit Kollegen oder einer anderen Frau in den Ausgang.

Dann gab es wieder Streit mit der Freundin, nur bleibt es an diesem Abend nicht bei der geballten Faust: «Sie warf mir fluchend vor, ich hätte trotz unserer Schulden wieder zu viel Geld ausgegeben. Da habe ich sie geohrfeigt und zum Schweigen aufgefordert.»

Ich war wie ein Boxer in den Seilen, der sich befreien musste.

Das Schlimmste dabei. Es hat sich gut angefühlt: «Ich war wie ein Boxer in den Seilen, der sich befreien musste. Es war wie ein Befreiungsschlag, der die ganze aufgestaute Aggression zum Ausbruch brachte.»

Von nun an schlägt Herr B. seine Partnerin immer wieder. Immer wieder rufen die beiden auch die Polizei, landen beim Staatsanwalt. Einmal darf sich Herr B. seiner Partnerin zwei Wochen lang nicht nähern. Und zwei Mal muss sie ins Spital: «Ich traktierte sie damals dermassen, dass sie an Bauch, Brust und Händen Blutergüsse hatte. Nein, darauf bin ich nicht stolz.»

Das viel zu späte Ende

Herr B. hört danach aber auch nicht auf mit den Schlägen. Bis zum Morgen des Karfreitags im Jahr 2014, als ihm seine Freundin nach einem Streit um Nichtigkeiten eine Kaffeetasse anschmeisst. Nach diesem Vorfall erträgt Herr B. die Beziehung nicht mehr, erträgt sich selbst nicht mehr und zieht aus. Einige Tage zuvor hat er in der Zeitung gelesen, dass der Kanton Bern Kurse für Gewalttäter anbietet. Dort meldet er sich nun.

Heute hat er keinen Kontakt mehr zur Ex-Partnerin, will Fuss fassen als Journalist. Seine neue Freundin kennt seine Geschichte. Und beide wissen, dass man Streit nicht unbedingt mit Schlägen regeln muss.

Herr B. versucht es heute mit Worten, zeigt auch einmal Schwäche: «Ich sage dann, dass ich einen Augenblick in Ruhe gelassen werden möchte. Das akzeptiert meine neue Freundin. Wenn ich mich nachher für mein Verhalten entschuldige, ist der Vorfall für uns beide Geschichte.»

Verdammt weh tut die Erkenntnis, dass ich die Gewaltspirale mit einem anderen Verhalten vielleicht hätte durchbrechen können.

Das klingt so einfach. Der Weg dahin aber war hart. Unzählige Stunden hat sich Herr B. mit anderen gewalttätigen Männern zusammengesetzt, hat versucht zu verstehen, warum er zuschlägt: «Es hat mir wehgetan. Verdammt weh tut vor allem die Erkenntnis, dass ich die Gewaltspirale mit einem anderen Verhalten vielleicht hätte durchbrechen können.»

Die stummen Nachbarn

Weh tut Herr B. auch zu wissen, dass er niemals gefeit davor ist, irgendwann doch wieder zuzuschlagen. Schönreden will er nichts, keine Schuld von sich schieben. Aber er wünscht sich, auch andere hätten bei seinem Beziehungsdrama hingeschaut und eingegriffen: «Wir wohnten damals in einem Sechsparteienhaus. Niemand kann mir weismachen, dass man mich nicht gehört hat.»

Zum Schluss wird Herr B. ganz leise, als es um seine Ex-Freundin geht: «Ich habe diese Frau geliebt und liebe sie auch jetzt noch. Da ist das Verrückte.»

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Gestern war in Bern die jährliche Tagung zu «häusliche Gewalt» vom Eidgenössischen Büro für Gleichstellung. Thema: TäterInnen - Interventionsmöglichkeiten und Praxismodelle. Kein Wort in der Presse ... Schade.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Haeusliche Gewalt.. ein Zeichen der Schwaeche .. der Hilflosigkeit angesichts oft kleinster Probleme... Ein Zeichen der UNREIFE!
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Körperliche Gewalt, wird auch in der Schweiz immer noch als "Kavaliersdelikt" von Gesetzes wegen geahndet! Die Opfer haben immer noch das Nachsehen! Die Verhältnismässigkeiten im Strafrecht von Gewalttaten, Sexualstraftaten, sind absolut nicht adäquat! Im Vergleich dazu, das äusserst rigide Verkehrsstrafrecht !?
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    1. Antwort von roland goetschi (pandabiss)
      Nein Körperliche Gewalt ist in der Schweiz je nach schweregrad ein Offizialdelikt und ganz sicher nicht ein "Kavaliersdelikt" von Gesetzes wegen. Ein Offizialsdelikt muss von Amtes wegen verfolgt werden, unabhängig vom Willen der Beteiligten. Weil die Verpflichtung besteht, von Amtes wegen ein Verfahren einzuleiten, kann eine solche Anzeige auch nicht zurückgezogen werden. PS: Auch Drittpersonen können Anzeige erstatten (z.B. Nachbarn, Freunde, Familienangehörige, Ärzte oder Arbeitgeber).
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