HIV: «Informiere nur dein allernächstes Umfeld»

In den 1980er-Jahren war die Diagnose HIV ein fast sicheres Todesurteil. Und noch immer gibt es keinen Impfstoff oder keine Medikamente, die das Virus komplett auslöschen können. Doch ermöglichen moderne Therapien heute eine hohe Lebenserwartung trotz Infektion. Ein Betroffener erzählt.

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Welt-AIDS-Konferenz in Durban

2:57 min, aus Tagesschau vom 18.7.2016

Der Berner David Haerry hat HIV und er hatte Aids. Ein Überlebender, der heute sagen kann, ihm gehe es gut – dank Wille, Glück und Medizin.

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David Haerry

David Haerry

Der Berner David Haerry (56) lebt seit den 80er-Jahren mit dem HI-Virus. Er engagiert sich unter anderem bei der Patientenorganisation Positivrat Schweiz, die sich für die Interessen der Menschen mit HIV und anderen Infektionskrankheiten einsetzt.

Seit 30 Jahren lebt Haerry mit dem Virus. Angesteckt hatte er sich in den 80er-Jahren beim ungeschützten Sex. Gleich nach der Diagnose wusste er, wann und wie es geschehen war. Eine Unvorsichtigkeit mit bleibenden Folgen. Abgefunden habe er sich mit der Infektion erstaunlich rasch, erzählt Haerry, doch ihm war bewusst: «Mein Leben kann nun rasch zu Ende sein».

Lange gesund, dann todkrank

Wirksame Therapien gab es zu jener Zeit noch nicht, die Menschen starben zu Tausenden – auch in der Schweiz. Hier gab es damals – unter anderem wegen der akuten Drogenszene – eine der höchsten Infektionsraten.

Auf ungewisse medizinische Experimente wollte sich Haerry damals nicht einlassen. Er beschloss stattdessen, selbst für seine Gesundheit zu schauen, achtete auf die Ernährung und trieb Sport. Der Virus blieb zehn Jahre unauffällig, doch dann wurde Haerry krank.

Lungenentzündung folgte auf Lungenentzündung, das Virus zerstörte sein Immunsystem, schliesslich kam eine Tuberkulose hinzu. Haerry war todkrank, lag im Spital und die Ärzte gaben ihm noch drei Monate zu leben.

Haerrys Glück

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Aids-Konferenz in Südafrika

Diese Woche findet im südafrikanischen Durban die 21. Welt-Aids-Konferenz statt. Bei der Konferenz treffen sich alle zwei Jahre über 20'000 Forscher, Politiker und HIV-Infizierte, um sich über den aktuellen Stand der Forschung und über die Herausforderungen auszutauschen.

Die Rettung für ihn: Der Ausbruch der Krankheit kam just zu dem Zeitpunkt, als gerade zum ersten Mal überhaupt eine Therapie zugelassen wurde, die Wirkung zeigte. Die Kranken siechten fortan nicht mehr dahin. Sie hatten nun eine echte Überlebenschance. Haerrys Glück: Er hatte aus eigener Entscheidung frühere Therapien abgelehnt und noch keine Resistenzen entwickelt: «Frühere Behandlungen waren oft Medikamentenversuche mit tödlichem Ausgang, weil die Therapie vom Virus rasch ausgehebelt wurde. Ich hatte viele sterben sehen – auch Bekannte und Freunde.»

Haerry brauchte drei Jahre bis er wieder einigermassen auf den Beinen war. Er nahm bis zu 27 Tabletten am Tag: «Es war ein Spiessrutenlauf. Ständig die Medikamente, die Frage, was man wann essen darf, was nicht».

«  Was ich durchgemacht habe, muss heute niemand mehr erleben. »

David Haerry

In den Jahren darauf musste Haerry noch mehrere Male die Therapie wechseln – wegen Nebenwirkungen. Aber heute, seit acht Jahren stabil, kann er sagen: «Ich lebe gut».

Dank Forschung, Therapie und Prävention ist das Virus heute bei uns kein Todesurteil mehr. Die meisten, die sich anstecken, werden gar nicht mehr krank: «Unmittelbar nach der Diagnose wird heute behandelt. Das, was ich durchgemacht habe, muss heute niemand mehr erleben.»

Diskriminierung gibt es heute nach wie vor

Mit Ängsten und Vorurteilen in der Gesellschaft kämpfen viele Betroffene trotzdem noch. Haerrys Erfahrungen: «Mein engstes Umfeld wusste von Anfang an Bescheid und ging zum Glück gut damit um. Und im Kontakt mit anderen Menschen zeigt sich: Wer aufgeklärt ist und Bescheid weiss über den aktuellen Forschungsstand, hat oft keine Berührungsängste. Gerade im beruflichen Umfeld gibt es allerdings noch oft Fälle von Diskriminierungen.»

Haerry erzählt von Fällen, wo Menschen am Arbeitsplatz gemieden oder nicht mehr befördert werden – auch von Entlassungen: «Ich rate jedem: Informiere nur dein allernächstes Umfeld. Das Risiko, sonst ungerecht behandelt zu werden, ist leider immer noch gross».

Ein normales, gesundes Leben

Betroffene könnten heute trotz Virus ein normales Leben bestreiten und seien leistungsfähig wie andere auch. Mit dieser Botschaft versucht der Berner heute auch öffentlich aufzuklären, etwa mit seiner Arbeit für die Organisation Positivrat Schweiz.

«  HIV-Patienten riskieren heute, gesünder zu sterben als viele andere. »

David Haerry
HIV-Aktivist

Regelmässig Tabletten nehmen und die ärztlichen Kontrollen – das erinnert Haerry heute noch daran, dass er selbst das Virus trägt. Aber Kontrollen und Tabletten, damit müssen sich auch andere herumschlagen. Eine kleine Einschränkung.

Nicht ohne Ironie fügt Haerry hinzu: «Man muss wissen: Behandelte HIV-Patienten leben oft so bewusst und werden medizinisch derart gut überwacht, dass sie ernsthaft riskieren, gesünder zu sterben als viele ‹Gesunde› ohne den Virus».