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Schweiz Imam-Ausbildung – Rezept gegen Radikalisierung?

Kürzlich wurde in Winterthur ein Imam wegen Aufruf zum Mord verhaftet. Dabei sollten Imame Vorbeter, Vorsteher und Vorbilder sein. Muslime in der Schweiz fordern deshalb schon lange einen Lehrgang. Wer sind die Imame hierzulande – und wer kontrolliert sie? Ein Blick hinter die Mauern der Moscheen.

Legende: Video Imam-Ausbildung, Jacqueline Fehr, Kampfstiefel, Notfall Spitäler abspielen. Laufzeit 42:00 Minuten.
Aus Rundschau vom 16.11.2016.

Das Jobprofil Imam, ein 24-Stunden-Job: «Ein Imam ist Prediger, Lehrer, Brückenbauer, Seelsorger. Eine vielfältige und sehr herausfordernde Rolle», sagt Sakib Halilovic, Imam im bosnisch-islamischen Zentrum in Schlieren.

Er ist einer von rund 200 Imamen, die in der Schweiz predigen. Die meisten kommen vom Balkan oder der Türkei. In der hitzigen Debatte um Islam und Integration ist die Rolle der muslimischen Geistlichen zum Politikum geworden: Sie gelten als Schlüsselpersonen für oder gegen die Radikalisierung.

Anfang November wurde in der Winterthurer Moschee An-Nur ein äthiopischer Imam inhaftiert. Er soll öffentlich zum Mord aufgerufen und ohne Bewilligung in der Schweiz gepredigt haben. Aber: «99 Prozent der Imame in der Schweiz sind nicht radikal», sagt Sakib Halilovic. Er selbst ist schweizerisch-bosnischer Doppelbürger. Extremistische Prediger fänden den Weg in die Moscheen meist über andere, illegale Wege und gehörten auch nicht zu den Vollzeit-Imamen.

Nur wenige Imame registriert

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) kennt nur die Anzahl der Imame, die für ihre Arbeit aus Drittstaaten einreisen und offiziell ein Arbeitsgesuch als «religiöse Betreuungsperson» einreichen. Sie unterliegen dem Kontingent der Fachkräfte. Bund und Kantone prüfen ihre Arbeitsgesuche. Das gilt für Prediger aller Religionsgemeinschaften.

Die Voraussetzungen: Ein religiöser Hochschulabschluss und Sprachkenntnisse auf Niveau B1. Zudem müssen die Geistlichen mit den gesellschaftspolitischen Verhältnissen der Schweiz vertraut sein und dürfen die öffentliche Sicherheit nicht gefährden. Die Behörden bewilligen nur vollamtliche Gesuche. Wer als Tourist einreist mit der Absicht, hier zu predigen, handelt illegal – selbst wenn er dies ohne Lohn tun will.

Die grosse Mehrheit der Imame reist hingegen nicht mit behördlichem Wissen in die Schweiz. Imame, die als EU-Bürger, als Asylsuchende oder via Heirat einreisen, registriert der Bund nicht.

Türkei schickt eigene Imame

«Import-Imame» – insbesondere Vorbeter aus der Türkei sorgen diesbezüglich für Schlagzeilen. Denn die Türkei schickt Imame in die Schweiz, die ihr Salär von der türkischen Religionsbehörde Diyanet erhalten. Es handelt sich also um vom türkischen Staat ausgebildete Religionsmänner, die in der Schweiz predigen.

Weil der Bund drei Jahren die Obergrenze für die türkischen Imame aufhob, hat sich die Zahl auf 36 verdoppelt. Braucht ein türkisch-islamischer Verein in der Schweiz einen Imam, stellt er ein Gesuch. «Früher hatte es zu wenig Imame. Heute ist der Bedarf an türkischen Imamen in der Schweiz mehrheitlich gedeckt», sagt Ferhan Cirit, Vertreterin von Diyanet in der Schweiz.

Es sei den Imamen verboten, hier in der Moschee zu politisieren. Jedoch: Auf den sozialen Plattformen zeigen sich türkische Imame als glühende Erdogan-Anhänger. Private Meinungen kontrolliere man nicht, heisst es seitens der türkischen Religionsbehörde. Das Entsenden von türkischen Imamen bewähre sich seit 30 Jahren – sei also lang vor Erdogan eingeführt worden. «Wir sind darauf angewiesen, weil es einerseits keine Ausbildungsmöglichkeiten in der Schweiz gibt und anderseits an Schweizer Imam-Nachwuchs fehlt», sagt Cirit.

Ausbildungsmöglichkeiten gefordert

Viele Muslime wünscht sich eine Ausbildung für ihre Imame in der Schweiz, schon seit Jahren. Die Forderung aber ist umstritten. So bietet das Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Fribourg keine Islam-Lehrgänge an, aber Weiterbildungen, etwa in der Seelsorge.

Die lokale SVP bekämpft das Institut seit seiner Gründung Anfang 2015. «Punkto Imam-Ausbildung sind pragmatische Lösungen gefragt», sagt Hansjörg Schmid, Leiter des Zentrums. Man könne die hiesigen Imame nicht einfach austauschen mit neuen, besser Integrierten. Auch, weil kaum junge Muslime in der Schweiz Imam werden möchten. Die EVP-Nationalrätin Maja Ingold fordert nun vom Bundesrat, Ausbildungsmöglichkeiten für Imame in der Schweiz zu skizzieren.

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20 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Imame und Moscheen gehören nicht in die Schweiz, sondern in ein islamisches Land. Warum sollen diese Männer lernen 5 x im Tag zu beten? Dann müssten sie ja mindestens 3 x eine Pause beim Arbeiten einlegen um ihr Gebet im Hinterhof durchzuführen.Das wäre ein grosser Verlust bei der produktiven Arbeitszeit. Bei den Rauchern macht man immer wieder dumme Bemerkungen wenn sie Pausen einlegen, wie tönt es wohl bei den Moslems wegen den Gebeten. Dann fehlt uns nur noch das Minarett-Gelalle am Morgen.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Wie manchen Muslim kennen Sie, der 5 mal am Tag betet? Und was geht das Sie an, solange Sie nicht der Arbeitgeber desjenigen sind? Andere surfen im Internet um hier zu posten, gehen zum Rauchen aufs Klo, schäkern mit der Nachbarin, hängen mit der Freundin am Telefon, spielen angry birds... von wo kommt auch all der Hass. In der Bibel heisst es: liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst.
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  • Kommentar von Hans Meier (Hans Meier, Winterthur)
    Die Verdienste von S. Halilovic in Ehren, aber er weiss genau, dass auch er in der Ideologie Islam ge/befangen ist. Eine Islam-Version light wird er und alle anderen Islam-Schönredner auf Dauer nicht akzeptieren wollen. So sind die Äusserungen betreffend Rechtsstaatlichkeit denn mit grosser Vorsicht zu geniessen und das abstruse Takiya-Prinzip der Verschleierung gegenüber Ungläubiger nicht ausser Acht zu lassen. Man bedenke Dar al-Harb, die nicht-islamische Welt, die es zu befrieden gilt.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Nur weil Sie das sogenannte Takiya-Prinzip immer wieder wiederholen wird es nicht wahrer. Es geht dabei nicht um "Verschleierung" oder die Absicht der Unterwanderung der westlichen Gesellschaft, sondern darum dass man sich nicht als Muslim outen muss, wenn man Angst hat vor den Konsequenzen. Aber das wissen Sie ja auch.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Unzählige Studien+Umfragen in ganz Europa bestätigen, ca die Hälfte aller Muslime stellen die Gesetze ihrer Religion, was immer sie auch darunter verstehen, über die Verfassung europäischer Staaten. Das sollte doch wenigstens aufmüpfen! Entweder man ist Muslim oder nicht, sagte Erdogan mit Recht. 1000e Moscheen schiessen wie Pilze aus dem Boden, von der westlichen Gesellschaft wird häppchenweise Anpassung gefordert Es ist mehr als naiv, um nicht zu sagen fahrlässig, dies einfach zu ignorieren.
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