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Operation am Jungfernhäutchen
Aus 10 vor 10 vom 20.08.2020.
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Immer mehr Operationen Das Diktat der Jungfräulichkeit

  • Junge Frauen lassen sich in Privatkliniken in der Schweiz operieren, um ihr Hymen, ihr Jungfernhäutchen, wiederherzustellen.
  • Die sogenannte «Hymenoplastik» wird in Montreux immer öfter durchgeführt, wegen steigender Nachfrage.
  • Eine Betroffene erzählt, weshalb sie dazu gezwungen war.
  • Die WHO fordert das Ende der Jungfräulichkeits-Tests.

Vor der Ehe jungfräulich sein – das heisst: sexuell unberührt – wird auch heute noch in vielen Ländern von jungen Frauen erwartet. Deshalb soll ihr Jungfernhäutchen – das sogenannte Hymen – intakt sein.

Wer das nicht beweisen kann – durch einen Jungfräulichkeits-Test vor der Hochzeit oder ein blutiges Laken nach der Hochzeitsnacht – kann geächtet oder gar verstossen werden.

Mythos Jungfernhäutchen – eine gesellschaftliche Erfindung

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Geschmückte Hände einer Braut
Legende: Keystone

Der Begriff der Jungfräulichkeit ist vor allem eine gesellschaftliche Erfindung. Sie dient in vielen Kulturen dazu, den Wert von Frauen und Mädchen auf dem Heiratsmarkt zu definieren. Nur Jungfrauen gelten als rein und ehrbar, oft eine Vorbedingung für eine Hochzeit. Zudem kann über die Jungfräulichkeit die sexuelle Selbstbestimmung eingeschränkt und kontrolliert werden.

Das eigentliche «Jungfernhäutchen» (Hymen) ist ein dünnes Häutchen, bzw. Gewebe am Scheideneingang der Frau. Es kann beim ersten Geschlechtsverkehr verletzt werden und leicht bluten. Es kann sich aber auch nur dehnen – und bietet darum keine medizinische Aussagekraft.

Alleine am Genfersee bieten rund ein Dutzend Kliniken eine ungewöhnliche Operation an: Bei der «Hymenoplastik» wird das Hymen, das Jungfernhäutchen, wieder hergestellt.

Zwei Drittel der Patientinnen kommen aus dem Ausland

Laut Dr. Igor Martinek, Direktor der Clinique Suisse in Montreux, gibt es eine steigende Nachfrage nach Hymen-Operationen. Schweizer Kliniken seien wegen ihrer Diskretion besonders beliebt. So reisen zwei Drittel der Patientinnen aus dem Ausland an.

Ein Drittel aber lebt in der Schweiz. So auch eine junge Frau, die anonym über ihre Beweggründe spricht:

Meine Mutter hat erfahren, dass ich einen Freund habe. In unserer Kultur muss die Frau Jungfrau bleiben bis zur Hochzeit.
Autor: Betroffene einer Hymen-OP

«Meine Mutter hat erfahren, dass ich einen Freund habe. In unserer Kultur muss die Frau Jungfrau bleiben bis zur Hochzeit. Meine Mutter hat mich gefragt, ob ich noch 'rein' sei. Ich sagte: Nein – ich bin keine Jungfrau mehr. So hat die Hölle für mich angefangen.»

«Wir haben einen Arzt in der Schweiz gesucht, der diese Operation macht. Ich hatte keine Wahl – entweder das oder ich hatte Angst sonst umgebracht zu werden. Meine Mutter hätte es meinem Vater, meinen Brüdern und Cousins erzählt. Sie hätten mich geschlagen oder zur Heirat mit jemandem gezwungen.»

Für sie war eine Hymenoplastik das kleinere Übel, um schlimmeren Konsequenzen zu entgehen.

WHO fordert Ende der Jungfräulichkeits-Tests

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Logo der WHO
Legende: keystone

Jungfräulichkeits-Tests zielen darauf ab, das Hymen auf Risse zu untersuchen. Dabei werden die betroffenen Frauen und Mädchen meist gegen ihren Willen untersucht.

Teilweise werden gar zwei Finger eingeführt, um festzustellen, ob die Betroffene Jungfrau ist.

Solche Tests sind nicht nur demütigend, sondern auch ohne jede Aussagekraft. Das Ergebnis entspringt dem Zufall oder dem Willen der untersuchenden Person.

Im Oktober 2018 hat die WHO festgestellt, dass noch in mindestens 20 Ländern solche Tests durchgeführt werden, darunter in ländlichen Regionen von Afghanistan, Indien, Ghana oder Sierra Leone.

Die WHO betont, dass diese Tests zudem eine sexuelle Diskriminierung darstellen, indem sie das gesellschaftliche Konstrukt von Jungfräulichkeit verwenden.

Einziger Ausweg für viele Betroffene ist die sogenannte «Hymenoplastik», eine Operation, die das Jungfernhäutchen wiederherstellt. Das wird auch in der Schweiz gemacht, zum Beispiel in Montreux.

Für den Chirurgen Marc Abecassis haben die Gründe nicht nur mit Religion, sondern auch mit gesellschaftlichen Vorstellungen zu tun. Auch in China gebe es eine hohe Nachfrage für den Eingriff. Eine jungfräuliche Frau werde in vielen Traditionen noch immer als wertvoller angesehen.

Teurer Eingriff, der kritisiert wird

Zwischen 2000 bis 4000 Franken kostet der Eingriff in der Schweiz. Und Frauen, die den Eingriff vornehmen, bräuchten psychologische Unterstützung, fordern Kritiker.

Denn diese Operationen würden den Patientinnen zu verstehen geben, dass sie etwas falsch gemacht hätten und dass es einen Fehler zu beheben gelte. Auch stünden viele der Frauen unter Druck und würden sich nicht völlig frei zu einer Operation entschliessen.

Hinzu kommt: Ein Jungfernhäutchen ist wissenschaftlich betrachtet kein Beweis für Jungfräulichkeit.

Bei der Hälfte der Frauen kommt es zu gar keiner Blutung beim ersten Sex.
Autor: Dr. Igor Martinek:Direktor Clinique Suisse, Montreux

So meint auch Klinikdirektor Igor Martinek, bei der Hälfte der Frauen komme es zu keiner Blutung beim ersten Sex. Denn Jungfernhäutchen seien nicht gleich aufgebaut. Einige bilden eine richtige Membran aus, andere nicht.

Trotzdem wächst die Nachfrage nach solchen Eingriffen.

10vor10, 20.8.2020;

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46 Kommentare

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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Es ist Komplex. Denn anscheinend gibt es auch hier Frauen die diese "Kultur" mittragen. Denn sonst hätte die Frau im Beispiel ja Unterstützung von der Mutter und nicht total Panik weil sie denkt die Mutter verrate sie an die "Familie" und bringe sie somit in Todesgefahr.
    Multikulti bringt alle Seiten zu uns, nicht nur kulinarische oder künstlerische. Auch Sitten und Bräuche.
  • Kommentar von Serge Künzli  (Serge Künzli)
    "Fremde Kultur"??? Was für eine Kultur soll das denn sein? Ich dachte immer, Kultur sei eine menschliche Errungenschaft auf die man stolz sein kann. Die beschriebene Praxis ist keine Kultur! Das ist religiös fundierte Unterdrückung der Frau!!!!! Fremd oder nicht fremd, spielt keine Rolle – in der Schweiz hat eine solch rückständige "Folklore" nichts verloren!
    1. Antwort von Roger Gasser  (allesrotscher)
      Ich bin im Grundsatz mit Ihnen einig. Aber es ist nicht Folklore sondern Tatsache das solche es solche Gesinnung in der Schweiz gibt. Daran wird Ihre ablehnende Haltung nichts ändern, und die Schweiz gehört nicht Ihnen, d.h. Sie können nicht über andere urteilen wie diese zu leben haben. "Besserung" nach Ihrer Auffassung fängt mit Ihrer Toleranz an.
    2. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      @Gasser: Falsche Toleranz bessert überhaupt nichts. Da ist die OP schon eher ein unterstützungswürdiger Ausweg, weil es gleichzeitig die Gesinnung dahinter komplett ad Absurdum führt.
    3. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Hr. Künzli, mit "Religiös fundierter Unterdrückung" hat das im Prinzip nichts zu tun. Es ist, ob es Ihnen passt oder nicht, ein Relikt aus Kulturen aus anderen Weltgegenden.
  • Kommentar von Thomas Leu  (tleu)
    Wir diskutieren hier über moralisch hochstehenden Themen wie "Konzernverantwortungsinitiative" und ähnliches. Daneben unterstützen offenbar Kliniken Methoden, die bei uns nicht einmal im Mittelalter angewendet wurden. Wäre zwar technisch nicht möglich gewesen. Da fehlen einem die Worte. Welche Frau will schon einen Mann heiraten, der auf so etwas besteht? Unverständlich. Und wenn die Frau im Heimatland dazu gezwungen wurden, dann soll sie sich am ersten Tag in der Schweiz wieder scheiden lassen.