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Legende: Video Archivaufnahmen des Internierungslagers abspielen. Laufzeit 00:31 Minuten.
Aus News-Clip vom 09.08.2019.
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Internierungslager Büren «Die Effizienz des Lagers war so elementar wie primitiv»

Nachdem die deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, flüchteten polnische Soldaten, die zuvor in der französischen Armee kämpften, in die Schweiz. Rund 6000 von ihnen wurden im Juni 1940 im sogenannten «Concentrationslager» im bernischen Büren an der Aare interniert.

Ein Lager, das rein äusserlich den deutschen Konzentrationslagern glich – Holzbaracken, ein Wachturm und Stacheldraht. Der Historiker Jürg Stadelmann hat die Geschichte des «Concentrationslagers» aufgearbeitet. Im Interview erzählt er, weshalb das Bürener Lager mit den deutschen nur sehr wenig gemein hatte und ob sich dieses mit heutigen Asylzentren vergleichen lässt.

Jürg Stadelmann

Jürg Stadelmann

Historiker und Gymnasiallehrer

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Der Luzerner Historiker ist Kantonsschullehrer und unterrichtet zudem an einer Maturitätsschule für Erwachsene. Die Geschichte des «Concentrationslagers» in Büren an der Aare arbeitete er in einem Dokumentarfilm und einem Buch auf. Er ist Inhaber des Büros für Geschichte und Zeitgeschehen in Luzern.

SRF News: Inwiefern wurde das «Concentrationslager» in Büren an der Aare 1940 bis 1946 diesem vorbelasteten Namen gerecht?

Jürg Stadelmann: Der Begriff «Concentrationslager» ist deutlich zu trennen vom Konzentrationslager oder Vernichtungslager, wie man sie aus der Nazizeit kennt. Der Begriff geht in der Schweiz aufs Französische zurück. In den Quellen zum Lager steht, dass man die heimatlosen, fremden Militärpersonen an einem Ort «concentrer» wollte, um Kosten und Aufwand zu sparen. Die Schweiz war aufgrund ihrer Neutralität verpflichtet, aufgenommene Soldaten nicht in den Krieg zurückkehren zu lassen.

Wenn Sie verantwortlich sind, so viele Soldaten zurückzuhalten, dann bauen Sie an einem abgelegenen Ort Baracken, einen Zaun drumherum und bewachen es. Das ist so elementar wie primitiv. Zudem vermittelt ein Lager auch eine symbolische Botschaft: Es signalisiert den Insassen: Wir schauen momentan für euch, wollen euch aber längerfristig nicht hier haben.

Wie ging es den Internierten in diesem Lager?

Objektiv gesehen ging es ihnen gut. Sie hatten für den Winter ein Dach über dem Kopf, schliefen auf Stroh und bekamen zu essen. In der Schweiz waren diese jungen Polen sicher – in ihrem Heimatland wären sie an Leib und Leben bedroht gewesen. Doch wirklich wohl fühlten sie sich dort nicht.

Wirklich wohl fühlten sie sich dort nicht.

Das Lager wurde erst im Sommer 1940 gebaut. Davor lebten viele Polen bei Schweizer Bauernfamilien und halfen da in der Landwirtschaft mit.

Das dürfte den jungen Polen eher entsprochen haben?

Verglichen mit den fast familiären Verhältnissen fühlte sich das Grosslager wie ein Gefängnis an. Das führte zu Spannungen, die Internierten meuterten und es fielen von Schweizer Wächtern gar Schüsse. Daraufhin wurde das Vorhaben abgebrochen, die Polen dislozierten samt Baracken und das Lager stand für kurze Zeit leer. Später diente das Lager als Noteinrichtung für weitere Militär- und Zivilflüchtlinge aus vielen Ländern – unter anderem für jüdische Flüchtlinge.

Das Gespräch führte Lars Gotsch.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Bolliger  (jolanda)
    Der 2. Weltkrieg war eines der traurigsten und schrecklichsten Kapitel in den letzten 200 Jahren! Aber warum werden damalige Geschehnisse in der Schweiz immer wieder durch "Historiker" aufgefrischt (und meistens zwischen den Zeilen als "Tolgen" im "Reinheft" der damaligen Schweiz dargestellt!)? Immer wieder werden damalige Geschehnisse mit "Deutschen Kriegslagern" (Konzentrations-Lagern) oder "Stacheldraht-Abschottungen" (Polen in Büren) verglichen, dargestellt und ideologisch kritisiert!
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    1. Antwort von F. Alex  (anti-cliché)
      Herr Bolliger, der Artikel über die "Lager" ist überhaupt nicht negativ (auch nicht zwischen den Zeilen), sondern sehr informativ geschrieben, so dass sich auch jüngere Schweizer, die diese Situation nicht kannten, ein realistisches Bild von etwas Vergessenem machen können. Im Gegenteil: Man spürt die gute Absicht der CH in dieser Sache.
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    2. Antwort von Adrian Flükiger  (Ädu)
      @Bolliger: Diese Zustände werden völlig zu recht erwähnt und dargestellt. Der braune Haufen in unseren Breitengraden wartete nur darauf, dass die Nazis auch hier einmarschierten. In Bern gab es schon mal einen Gauleiter (G. Thormann) und die NSDAP hatte längst auch einen Leiter Schweiz (W. Gustloff) hierhin entsandt. Dieses Problem löste ein Held der damaligen Zeit (D. Frankfurter) auf seine Weise - er erschoss diesen Statthalter 1936 in Davos.
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