Islamistischer Extremismus Tun die Muslime in der Schweiz genug?

Das Wichtigste in Kürze

  • Müssen sich Muslime in der Schweiz stärker gegen islamistischen Extremismus zur Wehr setzen? Dieser Frage sind zwei ETH-Forscher in einer Studie nachgegangen.
  • Die Forscher verweisen unter anderem auf den Umstand, dass es die muslimische Gemeinschaft bisher nicht geschafft hat, mit einer Stimme zu sprechen.
  • Grund dafür sind die vielen ethnisch geprägten Dachverbände, die sich aber in verschiedenen Kantonen gegen innen und aussen klar gegen Gewalt ausgesprochen hätten.

Der Vorwurf, muslimische Organisationen in der Schweiz seien untätig im Kampf gegen islamistischen Extremismus, ist nicht zulässig. Das findet Fabien Merz, der am Center for Security Studies der ETH Zürich forscht.

Er verweist darauf, dass die muslimischen Dachverbände in verschiedenen Kantonen mehrfach und eindeutig Gewalt im Namen der Religion verurteilt haben. Zudem hätten zwei schweizweite albanisch-islamische Organisationen Anfang Jahr eine umfassende Erklärung gegen Gewalt, Hass und Extremismus veröffentlicht.

Vertrauensbildende Massnahmen

Solche öffentlichen Erklärungen seien wichtig, sagt Fabien Merz: «Man distanziert sich von Gewalt und von Extremismus und signalisiert das der breiteren Öffentlichkeit, aber eben auch seinen eigenen Mitgliedern.» Den Muslimen werde deutlich gemacht, dass Gewalt nicht akzeptabel sei.

Und gleichzeitig soll zur Schweizer Mehrheitsgesellschaft Vertrauen aufgebaut werden. Solche Massnahmen hälfen mit, negative Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen, sagt Merz. So würden potenzielle Ausgrenzung und Stigmatisierung verhindert.

Draht zu den Behörden

Um gewalttätigem Extremismus erfolgreich entgegenzuwirken, ist aber auch die Zusammenarbeit zwischen muslimischen Organisationen und den staatlichen Behörden ganz wichtig.

Zürich sei hier sicher ein gutes Beispiel, erklärt Merz. Denn es gebe einerseits einen engagierten kantonalen Dachverband, die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Anderseits sei man auf Seiten der Behörden sehr darum bemüht, gute Beziehungen zu Vertretern muslimischer Organisationen aufrechtzuerhalten.

Zu erwähnen wäre da etwa die Fachstelle «Brückenbauer» der Kantonspolizei Zürich. Aber nicht überall funktioniere diese Zusammenarbeit so gut. ETH-Forscher Merz, der zusammen mit seinem Kollegen Darius Farman systematisch das Engagement der muslimischen Verbände untersucht und viele Gespräche geführt hat, sieht auch weitere kritische Punkte.

Imam im Dilemma

So ist es in der Praxis eine heikle Frage, wie sich ein Imam verhalten soll, wenn er feststellt, dass extremistisch denkende Personen seine Moschee besuchen. Eigentlich sollte er solche Leute den Behörden melden.

Merz weist diesbezüglich auf die Zweifelsfälle hin, wo sich ein Imam nicht ganz sicher ist. Stelle sich die Meldung als Fehlalarm heraus, werde das sicherlich negative Folgen für den Stand des Imams in der Glaubensgemeinschaft haben. Und das sei dann schlussendlich in niemandes Interesse.

Gemeinschaft ist stark zersplittert

Generell kommen die ETH-Forscher zum Schluss, dass die muslimischen Organisationen in ihren Bemühungen gegen Extremismus noch schlagkräftiger, effizienter und schneller sein könnten.

Das werde bislang aber dadurch behindert, dass viele muslimische Organisationen unter Geldmangel litten. Zudem sei die muslimische Gemeinschaft stark zersplittert in verschiedene, ethnisch geprägte Dachverbände – albanische, bosnische, türkische, arabische und weitere.

«  Das führt dazu, dass die Muslime in der Schweiz nicht mit einer Stimme sprechen können. »

Fabien Merz
Center for Security Studies, ETH Zürich

«Das führt dann unter anderem dazu, dass die Muslime in der Schweiz eigentlich nicht mit einer Stimme sprechen können», bemerkt Merz. So könne es je nach Organisation der muslimischen Gemeinschaften in den Kantonen für die Behörden schwierig sein, den geeigneten Ansprechpartner zu finden: «Das kann dann gerade im Bereich der Prävention problematisch sein.»

Gleichstellung mit Landeskirchen als Lösung?

Gefragt sind also klarere Strukturen bei den muslimischen Organisationen. Dieser Schritt ist den Verbandsfunktionären bislang noch nicht gelungen.

Die ETH-Forscher können sich aber vorstellen, dass eine öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islam zu klareren Strukturen führen könnte. Wenn also muslimische Organisationen ähnlich wie die Landeskirchen behandelt würden. Allerdings ist dieses Ansinnen in den meisten Kantonen politisch sehr umstritten.